Stichwort vom

Zusammenhalt braucht Begegnungsorte!

Von Lilian Krischer, Projektleiterin, Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e. V. unter Mitarbeit von Maximiliano Meneses Schulz, Studentischer Mitarbeiter, Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e. V.

Zunehmende gesellschaftliche Spannungen, ein nachlassender Zusammenhalt und schwindendes gegenseitiges Vertrauen prägen vielerorts das gesellschaftliche Klima. Gleichzeitig verschärft die prekäre finanzielle Lage vieler Kommunen diese Entwicklungen, da öffentliche Angebote und soziale Infrastrukturen zunehmend unter Druck geraten. In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten an Schärfe gewinnen und demokratische Aushandlungsprozesse vor wachsenden Herausforderungen stehen, rückt die Frage in den Mittelpunkt, was unsere Gesellschaft zusammenhält und wie das Miteinander gestärkt werden kann. In diesem Zusammenhang gewinnen Begegnungsorte an Bedeutung. Sie bieten Menschen die Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten, sich auszutauschen und Gemeinschaft zu erleben. Um dieses Potenzial zu nutzen, sollten solche Orte strategisch im Quartier mitgedacht werden, über tragfähige Konzepte verfügen sowie Offenheit und Zugänglichkeit gewährleisten.

Dritte Orte als Räume des sozialen Austauschs

Begegnungsorte, oder „Dritte Orte“ stärken sowohl den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Ort als auch demokratische Werte wie Diversität, Offenheit, den Abbau von Vorurteilen sowie die Fähigkeit zum respektvollen Dialog.Geprägt wurde der Begriff der „Dritten Orte“ durch den US-amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg. Er versteht darunter informelle öffentliche Räume jenseits von Wohnen und Arbeiten, die soziale Interaktion fördern, Statusunterschiede relativieren und Räume für gesellschaftliche Teilhabe schaffen.

Einige kommunale Einrichtungen fungieren bereits heute als Orte der Begegnung, ohne ausdrücklich als Dritte Orte wahrgenommen zu werden. Hierzu zählen unter anderem Jugend- und Senior:innenzentren, Sportanlagen, Kultur- und Freizeiteinrichtungen sowie öffentliche Bibliotheken, aber auch Bürgerhäuser, Makerspaces, multifunktionale Begegnungsräume sowie Parks und andere öffentliche Plätze. Häufig besteht weniger Bedarf an völlig neuen Angeboten als vielmehr an der gezielten Stärkung und Weiterentwicklung bestehender Strukturen. 

Zunehmende Dynamik in Forschung, Förderung und öffentlicher Debatte 

In den vergangenen Jahren hat die Auseinandersetzung mit Dritten Orten deutlich an Dynamik gewonnen. Dabei spielt insbesondere das Gemeinwesen und der Stärkung des sozialen Zusammenhalts eine große Rolle. Dies zeigt sich unter anderem in einer Vielzahl von Forschungsprojekten, Förderprogrammen und lokalen Initiativen, die die Entwicklung und Erprobung Dritter Orte unterstützen, wie beispielsweise die Förderung des Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen von „Sozialen Orten“ über die Städtebauförderung, die Kampagne der Körber Stiftung für Dritte Orte, das Forschungsprojekt des Deutsches Institut für Urbanistik (Difu), eine Publikation des vhw Bundesverbands für Wohnen und Stadtentwicklung oder zuletzt das neu gestartete Forschungsprojekt der Fachhochschule Erfurt im Kontext von Bibliotheken. Auch der DV hat sich mit dem Thema beschäftigt, unter anderem im Rahmen des Projekts „Gemeinsam für das Quartier“

Orte der Begegnung strategisch im Quartier mitdenken

Zunehmend werden Dritte Orte auch von Kommunen als ein interessantes Konzept wahrgenommen. Sie können dabei unterstützen, vorhandene Strukturen zu stärken, öffentliche Dienstleistungen weiterzuentwickeln und Angebote der Daseinsvorsorge langfristig zu sichern. Beispielsweise entwickelt die Stadt Dortmund gemeinsam mit dem vhw Bundesverband Wohnen und Stadtentwicklung und Stefan Heinig ein gesamtstädtisches Konzept zur Stärkung von Begegnungsorten in Dortmunder Quartieren. Solche Konzepte schaffen verbindliche, ressortübergreifende Handlungsrahmen für die kommunale Praxis. Dadurch können strategische Schwerpunkte gesetzt werden, beispielsweise für bestimmte Quartiere, Zielgruppen oder soziale Herausforderungen. Dabei ist das Ziel, eine gemeinsame Perspektive auf das Quartier über verschiedene Fachbereiche und Verwaltungseinheiten hinweg zu entwickeln, keine einfache Aufgabe. Denn die unterschiedlichen Ressorts einer Stadt arbeiten aus jeweils eigenen fachlichen Perspektiven und mit jeweils eigenen Geldern an Begegnungsorten. Gerade diese Abstimmung bildet jedoch eine wichtige Voraussetzung für ein kohärentes und wirksames Handeln auf Quartiersebene.

Existierende Begegnungsorte unterstützen und fördern

Besonderes Potenzial liegt in Orten, an denen zusätzlich zu kommunal getragenen Vorhaben zivilgesellschaftliches Engagement eigene Strukturen auf den Weg bringen. Das von pro loco betreute Programmbüro „Dritte Orte NRW“ konnte durch die Begleitung und Förderung zahlreicher Projekte umfangreiche Erfahrungen sammeln. Dabei zeigt sich, dass insbesondere dort erfolgreiche und nachhaltige Strukturen aus der Zivilgesellschaft entstehen, wo engagierte Personen, bestehende Netzwerke und erste Aktivitäten vorhanden sind. Wichtige Voraussetzungen sind dabei ein konkreter Bedarf vor Ort, ein nutzbarer Raum sowie Menschen, die bereit sind, sich einzubringen und eigene Ideen umzusetzen. Dritte Orte entstehen häufig aus solchen lokalen Initiativen heraus und werden nicht von vornherein geplant. Vielmehr entwickeln sie sich schrittweise und geben oft selbst Anstöße für weitere Planungs- und Entwicklungsprozesse. Die Förderung setzt daher gezielt an diesen Potenzialen an und unterstützt deren Weiterentwicklung und Verstetigung. Voraussetzung für eine Förderung über das Programm „Dritte Orte NRW“ ist ein tragfähiges Betriebs- und Finanzierungskonzept, das die langfristige Perspektive des jeweiligen Ortes sicherstellt.

Das Netzwerk Zukunftsorte unterstützt derweil besonders ländliche Projekt-Macher:innen dabei, offene Treffpunkte und Angebote für Dorf, Kleinstadt und Region aufzubauen – und das bundesweit. Mit den „9 Zukunftsorte Wirkungskriterien“, die unter anderem die Belebung von Leerstand, die Förderung von Demokratie und Zusammenhalt und den Aufbau von Strukturen für Gemeinwohl abbilden, bekommen die Projekte konkrete Leitplanken, wie sie einen Ort möglichst inklusiv gestalten können: für Alteingesessene und Zugezogene, für Kinder und Senior:innen, für Stadt- und Dorfkultur. Zur Unterstützung der Macher:innen organisiert das Netzwerk den Austausch von Praxiswissen, aber auch professionelle Lernangebote und Beratung auf dem Zukunftsorte Lab. Mittlerweile gibt es 50 Zukunftsorte in Deutschland.

Strategien von Dritten Orten handeln anders

Im Vergleich zur punktuellen Förderung von Dritten Orten bietet eine gesamtstädtische Strategie mehrere Vorteile. Sie geht über die Ebene einzelner Quartiere hinaus und ermöglicht es, Bedarfe in unterschiedlichen Quartieren gleichzeitig in den Blick zu nehmen. Zudem schafft sie bessere Voraussetzungen für die langfristige Verstetigung von Angeboten, da die Eigenverantwortung und das Engagement lokaler Initiativen von Beginn an in die Entwicklung und Umsetzung einbezogen werden. 

Zu einer strategischen Entwicklung von Begegnungsorten gehört darüber hinaus ein zielgerichteter, wirksamer und nachvollziehbarer Einsatz kommunaler Ressourcen. Dies erfordert die kontinuierliche Evaluierung der Wirkung für die Weiterentwicklung der Strategie. Begegnungsorte stehen dabei häufig unter einem fortwährenden Rechtfertigungsdruck, insbesondere wenn kommunale Mittel knapp sind. Umso wichtiger ist es, ihren tatsächlichen Nutzen und ihre Wirkung für das Quartier und den Zusammenhalt aufzuzeigen sowie sichtbar und nachvollziehbar darzustellen. Monitoring und Evaluation sind daher zentrale Bestandteile einer nachhaltigen und evidenzbasierten Steuerung von Dritten Orten. Alle beteiligten Akteur:innen sollten gemeinsam daran arbeiten, Wirkungen systematisch zu erfassen, Beiträge, Grenzen und Erfolgsfaktoren besser zu verstehen und Ergebnisse transparent zu kommunizieren. Hierfür sollten quantitative und qualitative Indikatoren herangezogen werden, um Wirkungen nachvollziehbar und vergleichbar zu machen.

Wissenstransfer für tragfähige Dritte Orte

In Deutschland gibt es bereits erfolgreiche Beispiele für die nachhaltige Entwicklung Dritter Orte. Dazu zählt das Initialkapitalprinzip der Montag Stiftung Urbane Räume, das gemeinwohlorientierte Orte mit langfristigen Finanzierungsmodellen verbindet. Grundstücke werden dabei über Erbbaurechte dauerhaft dem Immobilienmarkt entzogen; Mieteinnahmen und Überschüsse fließen in gemeinwohlorientierte Projekte und die Entwicklung des Stadtteils zurück. Ein wichtiger Baustein dieses Ansatzes ist die Einbindung zivilgesellschaftlichen und privaten Kapitals. Durch einen klugen Mix aus Nutzungskonzepten, Finanzierung und Förderung lassen sich wirtschaftliche Tragfähigkeit und sozialer Mehrwert miteinander verbinden. So können Dritte Orte langfristig unabhängiger von öffentlichen Fördermitteln werden. Die aus den Projekten gewonnenen Erfahrungen werden über die Plattform „Gemeinwohl bauen praktisch“ systematisch aufbereitet und weitergegeben. Dieser Wissenstransfer unterstützt Kommunen und Initiativen dabei, erfolgreiche Ansätze zu übernehmen und dauerhaft tragfähige Dritte Orte zu schaffen.

Vulnerable Gäste schützen und Offenheit gewährleisten

Dritte Orte leben von engagierten Gastgeber:innen und Koordinator:innen, die Vertrauen schaffen, Begegnungen ermöglichen und unterschiedliche Interessen zusammenbringen. Dafür braucht es neben organisatorischen Fähigkeiten vor allem soziale Kompetenz, Empathie und Kommunikationsstärke.

Als offene Begegnungsräume sollen Dritte Orte Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven und Werthaltungen zusammenbringen, um Dialog, gegenseitiges Verständnis und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Die hierfür notwendige Balance zwischen Offenheit und einer klaren kuratorischen Rahmensetzung ist jedoch anspruchsvoll. Einerseits müssen diese Orte Raum für unterschiedliche, auch kontroverse oder herausfordernde Sichtweisen bieten, um Austausch und Verständigung zu ermöglichen. Andererseits bedeutet Offenheit nicht, allen Positionen gleichermaßen Raum, Ressourcen oder Legitimität zu verschaffen. Vielmehr erfordert sie bewusste Entscheidungen darüber, welche Formate, Akteur:innen und Aktivitäten mit den Grundwerten des Ortes vereinbar sind. Klare Grenzen gegenüber Diskriminierung, Menschenfeindlichkeit und extremistischen Positionen sind daher notwendig, um den Schutz aller Besucher:innen, insbesondere vulnerabler Gruppen, sicherzustellen. Nur so können Dritte Orte ihrem Anspruch gerecht werden, demokratische Werte zu stärken und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.

Niedrigschwellige Zugänge und Mitgestaltung ermöglichen

Dritte Orte benötigen geeignete und möglichst niedrigschwellige Räume, um Begegnung und Beteiligung zu ermöglichen. Häufig werden bestehende Gebäude oder Freiflächen zu Treffpunkten umgestaltet. Besonders identitätsstiftende Orte können Menschen ansprechen und das Gemeinschaftsgefühl stärken. Kommunen können hierzu beitragen, indem sie Räume bereitstellen, Nutzungen erleichtern, finanzielle Unterstützung leisten oder bei der Vergabe von Fördermitteln und Räumen entsprechende Rahmenbedingungen setzen.

Ebenso wichtig sind attraktive und vielfältige Angebote. Diese sollten ein breites Kulturverständnis aufgreifen, unterschiedliche Interessen ansprechen und möglichst niedrigschwellig zugänglich sein. Dazu gehören beispielsweise Spieleabende, Gesprächsrunden, Kulturveranstaltungen, Kochaktionen, Reparaturcafés oder generationenübergreifende Aktivitäten. Solche Formate fördern Austausch und Begegnungen über soziale und kulturelle Grenzen hinweg. Um unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen, ist persönliche Ansprache besonders wichtig. Gespräche im öffentlichen Raum, Quartiersbesuche, Tür-zu-Tür-Aktionen oder Flyer erweisen sich oft als wirksam. Partizipative Strukturen ermöglichen Mitgestaltung und bedarfsgerechte Angebote, stärken Identifikation und Verantwortungsbewusstsein und fördern bürgerschaftliches Engagement. So leisten Dritte Orte einen wichtigen Beitrag zu Teilhabe und lokaler Demokratie.

Zusammenhalt stärken, Zukunft sichern

Dritte Orte haben das Potenzial den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Denn eine Basis für ein demokratisches Zusammenleben ist das Vertrauen. Dieses entsteht, wenn Menschen sich begegnen. Eine zentrale Herausforderung bleibt die Finanzierung. Angesichts angespannter kommunaler Haushalte sind zusätzliche öffentliche Mittel häufig nur begrenzt verfügbar. Umso wichtiger werden alternative Modelle, die zivilgesellschaftliches und privates Kapital einbeziehen, weniger von öffentlichen Fördermitteln abhängig sind und zugleich einen nachhaltigen Mehrwert für das Gemeinwesen schaffen.

Foto: Der Zukunftsort Hof Prädikow ist ein Treffpunkt für Dorf und Region. © Peter Ulrich

Weitere Informationen:

Hintergrund

Grundlage dieses Stichworts ist die Sitzung der Generationenfrage Gemeinwohl „Zusammenhalt braucht Begegnungsorte“ am 29. Juni 2026.