Verbandsgeschichte
Historie des Verbandes seit seiner Gründung 1946
Seit bald hundert Jahren setzt sich der DV als gemeinnütziger Verband für die bauliche, gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Entwicklung deutscher und europäischer Städte und Regionen ein. Seine Schwerpunkte orientieren sich bis heute an den politischen Herausforderungen der jeweiligen Dekaden – seien es der Wiederaufbau der Städte und Infrastrukturen nach dem Zweiten Weltkrieg, die deutsche Wiedervereinigung, die Gründung und stetige Erweiterung der Europäischen Union, der Klimawandel, Finanz- und Wirtschaftskrisen, die wirtschaftliche und soziale Frage des bezahlbaren Wohnraumes, Kriege, die Corona-Pandemie oder der demografische Wandel. Was sich beim DV jedoch wie ein roter Faden durch alle Epochen zieht, ist das Prinzip einer integrierten, sektor- und akteursübergreifenden Gestaltung sein, die alle für Wohnen, Städtebau und Raumordnung Verantwortlichen an einen Tisch bringt und zu einem Dialog auf Augenhöhe einlädt.
Wurzeln: Der Internationale Verband für Wohnungswesen
Seine Wurzeln hat der Deutsche Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung im Internationalen Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung, der nach dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde. Dieser hatte bis 1943 seinen Sitz in Deutschland und wanderte dann nach England ab, weil die internationale Arbeit in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges nicht mehr fortgeführt werden konnte. Heute ist der Internationale Verband bekannt als "IFHP - International Federation for Housing, Urban and Spatial Development" und hat seine Geschäftsstelle derzeit in den Niederlanden.
Gründung und Nachkriegszeit
Der DV wurde nach Kriegsende 1946 in Gaildorf bei Stuttgart gegründet. Er konnte zwar teilweise an das an bestimmte Personen gebundene fachliche Potenzial anknüpfen, musste sich seinen Ruf jedoch wieder neu erarbeiten. Die 1940er und 50er Jahre waren geprägt vom Aufbau der Bundesrepublik Deutschland, ihren Verwaltungsstrukturen und deren Bedeutung für Städtebau, Wohnraumversorgung und räumliche Ordnung. Eine zentrale Debatte beschäftigte sich damals mit dem Wiederaufbau der zerstörten Städte, sei es am Beispiel historischer Stadtstrukturen wie in Münster oder Nürnberg, oder in Form eines totalen Neuanfangs wie in Kassel oder Hannover.
Schriftenreihen und Fachausschüsse
In den 1960er und 1970erJahren baute der DV eine Verbandsbibliothek auf und gab eine eigene Schriftenreihe heraus. Zusätzlich wertete er in- und ausländische Zeitschriften aus und beteiligte sich an verschiedenen Informationsdiensten. Er spezialisierte sich immer weiter und gründete zahlreiche Arbeitskreise und Ausschüsse. So zum Beispiel einen wissenschaftlichen Beirat, einen Planungsausschuss, einen Städtebauausschuss, einen Arbeitskreis für Standortfragen und viele mehr. Diese wurden von renommierten Fachleuten geleitet und profitierten von der hohen Mitgliedszahl dieser Jahre, die 1970 auf 1.300 angestiegen war.
Da eine Reihe von Forschungseinrichtungen und wissenschaftlichen Instituten allmählich in Konkurrenz zu den Ausschusstätigkeiten des DV traten, kam es zu einer Neuausrichtung der Verbandsarbeit. Als Hauptaufgaben blieben die internationale Zusammenarbeit und die Öffentlichkeitsarbeit. In den 1970er und 80er Jahren kam es zu einer Konsolidierung der Wohnraumversorgung in der Bundesrepublik Deutschland. Daran hatte der DV mit vielen Kommissionsberichten und Stellungnahmen zu Gesetzesinitiativen Anteil.
Wiedervereinigung und Ausrichtung auf Europa
Im Zuge der Wiedervereinigung 1990 gab der DV 240 Seminare für Groß- und Kleinstädte der ehemaligen DDR, in denen er ihnen Kenntnisse zu den Bauplanungsgesetzen in aktiven Schulungen näherbrachte. Darüber hinaus wurde mit der Gründung des Deutschen Seminars für Städtebau und Wirtschaft (DSSW) die praktische Arbeit in den ostdeutschen Städten mit Seminaren, Schulungen und Projektsteuerungs-Empfehlungen unterstützt – mit dem Ziel, die gefährdeten Innenstädte und deren Handelsfunktion zu stärken.
Ab Mitte der 1990er Jahre richtete sich der DV auf die Aufgaben der Europäischen Union aus und unterstützte die deutschen Belange in Brüssel - zunächst mit dem Deutsch-Österreichischen URBAN-Netzwerk, später mit der Beteiligung an den Programmen der transnationalen Zusammenarbeit (Interreg B). Schließlich wirkte er auch an zwei europäischen Leitdokumenten der Stadt- bzw. der Regionalentwicklung mit, nämlich an der ersten Leipzig Charta sowie an der Territorialen Agenda der EU, die beide 2007 verabschiedet wurden. Die Mitarbeit am europäischen Programm für nachhaltige Stadtentwicklung URBACT und an weiteren durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) geförderten Projekten runden das EU-Engagement des DV bis heute ab. Seit 2001 hat er eine eigene Geschäftsstelle in Brüssel.
Neue Herausforderungen: Bezahlbares Wohnen und Klimaschutz im Gebäudebereich
In den 2010er Jahren entwickelte sich das Thema bezahlbares Wohnen und Bauen zu einer Priorität, zeigten sich doch in diesem Zeitraum deutliche Verknappungen auf dem Wohnungsmarkt in den Städten, zunächst vor allem in wirtschaftsstarken Regionen. Dies führte zu steigenden Mieten und hohen Kauf- und Baulandpreisen – eine Entwicklung, die sich bis heute intensiviert und fortgesetzt hat. Ein zentrales Handlungsfeld für den DV war und ist dementsprechend die Bauland‑ und Bodenpolitik sowie eine gemeinwohlorientierte Flächenentwicklung. Als Geschäftsstelle der Arbeitsgruppe "Aktive Liegenschaftspolitik" des Bundes-Bündnisses "Bezahlbares Wohnen und Bauen" gab er entscheidende Anstöße.
Im Themenfeld Wohnen rückte außerdem zunehmend die Wohneigentumsbildung als Baustein der Altersvorsorge und Generationengerechtigkeit in den Fokus. Dieses behandelt der Verband im Kontext des ifs Institut Wohneigentum, das seit 2016 beim DV angesiedelt ist. Über die Arbeitsgruppe ifs Wohneigentum und die jährliche Veranstaltung des Wohnungspolitischen Forums setzt es die Tradition des Ende 2015 aufgelösten „ifs – Institut für Städtebau, Wohnungswirtschaft und Bausparwesen“ fort.
Zudem entwickelten sich der Klimaschutz im Gebäudebereich bzw. das energieeffiziente Bauen und Sanieren zu einem Kernthema. Hier nahm der Verband vor allem den Gebäudebestand und quartiersbezogene Ansätze in den Blick und gründete zusammen mit dem ehemaligen Bundesumweltminister Prof. Klaus Töpfer Ende 2014 seine vierte Arbeitsgruppe „Energie, Immobilien und Stadtentwicklung“.
Ein weiteres wichtiges Themenfeld waren Verkehr und Mobilität im Kontext der europäischen Raumentwicklung, mitbedingt durch die seit 2004 fortschreitende EU-Ost- und Balkanerweiterung. Denn die Anbindung und ausgeglichene Entwicklung von Regionen ist grundlegend für ihre wirtschaftliche Entwicklung, für die gesellschaftliche Teilhabe ihrer Bevölkerung und damit letztlich für den Zusammenhalt der EU. Der DV beschäftigte sich vor allem mit überregionalen und transeuropäischen Verkehrsnetzen und deren Bedeutung für Standortentwicklung und Raumstrukturen. In diesem Zusammenhang spielten die transnationale Zusammenarbeit (Interreg B) und der Austausch zu europäischen Herausforderungen der Raumentwicklung eine zentrale Rolle.
Aktuell: Transformationsaufgaben bewältigen
Seit 2020 ist die Arbeit des DV stärker durch Transformationsaufgaben geprägt; wobei sich viele Themen verstetigt bzw. verschärft haben: So ist angesichts des vielerorts teuren und knappen Wohnraums die Bauland‑ und Bodenpolitik nach wie vor ein zentrales Handlungsfeld. Im Fokus stehen jetzt das Flächensparen, die Innenentwicklung und die Weiterentwicklung des Planungsrechts, wobei es hauptsächlich um bauliche Standards und beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren geht. Auch Klimaschutz und Klimaanpassung im Gebäudebereich ziehen sich als Schwerpunkt durch, wobei nun insbesondere die Wärmewende bzw. die kommunale Wärmeplanung und die energetische Transformation von Quartieren und Gebäuden im Vordergrund stehen.
Die europäische Vernetzung im Bereich der Stadt- und Regionalentwicklung ist dem DV nach wie vor ein großes Anliegen. Dies zeigt seine aktive Mitwirkung bei der Erarbeitung der Neuen Leipzig-Charta, die 2020 unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft verabschiedet wurde. Zudem wirkte er an der Umsetzung der im gleichen Jahr verabschiedeten Territorialen Agenda 2030 mit. Weiterhin engagiert er sich mit großer Kontinuität im Bereich der europäischen Stadt- und Regionalentwicklung, insbesondere bei URBACT, im Deutsch-Österreichischen URBAN-Netzwerk, bei der Europäischen Stadtinitiative EUI und bei der transnationalen Zusammenarbeit (Interreg B).
Ein weiterer Schwerpunkt, der sich durch die Corona-Pandemie Anfang der 2020er Jahre verstärkt hat, sind resiliente, und lebenswerte Quartiere und Innenstädte als Orte des Wohnens, Arbeitens, Handels, der Kultur und Begegnung. Hier ist ein konstruktiver Austausch von etablierten Akteur:innen und Stadtmacher:innen gefragt, den der DV durch die Koordination der Vernetzungsinitiative “Gemeinsam für das Quartier” und als Geschäftsstelle des Bundesprogramms „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ von 2020 bis 2025 angestoßen und begleitet hat.
In diesem Zusammenhang hat auch die Gemeinwohlorientierung in der Stadt‑ und Quartiersentwicklung sowie in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft deutlich an Bedeutung gewonnen. Der DV geht dieses Thema unter anderem mit seiner 2023 gegründeten Online-Arbeitsgruppe „Generationenfrage Gemeinwohl“ an. Diskutiert werden dabei Fragen einer sozial ausgewogenen Entwicklung, langfristigen Bezahlbarkeit und verantwortungsvollen Boden‑ und Immobiliennutzung. Das Dialogformat bietet neuen Stimmen und Ideen Zugang zur Verbandsarbeit und fördert den Austausch zwischen Disziplinen, Generationen und Ebenen.