Wir brauchen einen grundlegenden Wandel in unseren Innenstädten

von Michael Groschek, Staatsminister a. D., Präsident des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V.

Es ist beeindruckend, wie sich Bundesregierung und Bundestag in der Pandemie bewährt haben, wie handlungsfähig sich die Politik zeigte und wie konsequent und kurzfristig Entscheidungen getroffen wurden, um den betroffenen Unternehmen Soforthilfen in Milliardenhöhe zur Verfügung zu stellen. Trotz dieser direkten Unterstützung der Wirtschaft werden unsere Innenstädte in den nächsten Jahren mehr Geld brauchen, um einen drohenden Niedergang durch Geschäftsaufgaben, Leerstände und Funktionsverluste zu bewältigen. Aber nur Geld wird nicht reichen, weil sich damit alleine die Probleme des durch Corona massiv beschleunigten Strukturwandels nicht lösen lassen. Schon heute fließen Milliardenbeträge nicht ab. Die Halde an nicht getätigten Bildungsinvestitionen, die unsere Schulen für die digitale Zukunft rüsten sollten, ist nur die Spitze eines Eisberges.

Auf dem Weg zu einer kreativen Chancengemeinschaft

Wenn wir den Handel und unsere Innenstädte fit für die Zukunft machen wollen, brauchen wir zuerst einen grundlegenden Wandel im Denken, in den Konzepten und im Handeln. Dafür müssen allen voran der Einzelhandel, aber auch alle anderen Akteure in den Innenstädten, begreifen, dass aus den Aktionen Einzelner ein „Gemeinsam handeln“ werden muss. Nur so können wir diese Krise trotz der dramatischen wirtschaftlichen Einbrüche ein Stück weit nutzen, um anstelle einer Schicksalsgemeinschaft zu einer Chancengemeinschaft zu werden. Denn Stadtentwicklung kann sich nur durch das Einbeziehen vieler kluger Wegbegleiter jenseits von Kommunalverwaltung und Kommunalpolitik nach vorne bewegen. Es gilt deshalb eine neue Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen und Stadtentwicklungsgesellschaften, mit kreativen Stadtmachern und mit zivilgesellschaftlichen Organisationen auf- und auszubauen. Hier ist Pragmatismus gefordert, um öffentlich-privat-zivilgesellschaftliche Partnerschaften zu praktizieren.

Wandel kreativ und individuell gestalten

Es geht darum, den Wandel aktiv und kreativ zu gestalten und keine Klagemauern zu errichten. Für die Innenstädte und den Handel ist dafür eines fundamental: hinter jedem Schaufenster steht nicht nur der Laden, sondern auch ein ganzes Quartier. Die Innenstadt darf nicht mehr als monofunktionale City gesehen werden, die bestimmt ist vom Goldenen Vlies hoher Einzelhandelsmieten. Vielmehr ist sie ein lebendiges, multifunktionales Quartier, das die Vielfalt menschlicher Bedürfnisse abbildet. Dazu müssen wir uns von mancher Vorstellung verabschieden. Wir haben gesehen, wie vielfältig die Umnutzungen von Kaufhof- und Karstadt-Immobilien vollzogen werden können. Manche Städte, wie Oberhausen, haben allerdings elf Jahre und länger gebraucht um zu begreifen, dass Kaufhof nie mehr etwas tausendfach unter einem Dach präsentieren wird, dass kein neuer Herr Tietz oder der große Bellheim um die Ecke kommen wird und die Innenstadt von ihren Sorgen befreit.

Also müssen wir klug überlegen, was jeweils vor Ort die richtige Antwort ist. Für den Handel und die Innenstädte ist dabei auch die Digitalisierung, die Verbindung von stationär und online elementar. Hier ist es wichtig, den kleinen und mittleren Betrieben, die dazu noch eine gewisse Distanz haben, Mut zu machen und Angst zu nehmen. Sie müssen begreifen, dass Stationär- und Internethandel zwei Seiten ein und derselben Medaille sind und dass man sich nicht gegeneinander abschotten darf. Neben dem Umgang mit mehr Home Shopping müssen wir uns auch damit auseinandersetzen, was mehr Home Working für unsere Städte bedeutet. Allerdings wird dies längerfristig nur für einen Teil der Menschen eine dauerhafte Arbeitsperspektive sein. Zum einen, weil viele an ihrem Fließband, beim Arzt oder im Krankenhaus, in der Werkstatt oder auf der Baustelle zwar davon träumen, Homeoffice machen zu können, es aber real nie tun werden können. Zum anderen wird auch in der Arbeitswelt soziale Distanz nicht das neue Ideal menschlichen Zusammenlebens werden. Nach der Impfperspektive ist es Zeit, dass wir soziale Distanz überwinden und nicht kultivieren. Denn der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen, und manche Arbeitskollegin oder mancher Arbeitskollege hat eben mehr Qualitäten als die der engsten fachlichen Zusammenarbeit. Deshalb wird es Mischformen geben und wir werden auch neu darüber nachdenken müssen, wie Coworking aussehen kann.

Nachhaltige und zeitgemäße Mobilitätskonzepte 

Wir müssen Stadtentwicklung und Innenstadtentwicklung immer aus einem Guss denken. Wer multifunktionale Innenstädte mit einem hohen Maß an Wohnen, Arbeiten und Freizeit will, muss deshalb auch überlegen, was angemessene, bedarfsgerechte Mobilitätsangebote sind und welche Verkehrsinfrastruktur es dafür braucht. Wir erleben allzu oft, dass neue Quartiere innerhalb der Städte oder am Stadtrand errichtet werden, ohne dass im Gegensatz etwa zu unseren holländischen Nachbarn gleich die Anbindung durch Schiene, Straße, Radwege mitgedacht wird. Unsere Mobilitätsstruktur, der „Modal Split“ muss dringend nachhaltiger werden und weg von der immer noch allgegenwärtigen Autodominanz umgestaltet werden. Man mag hierfür vor allem in manchen Großstädten auch die Diskussion über eine City-Maut oder eine autofreie Innenstadt führen. Aber in vielen anderen Städten mutet dies geradezu absurd an, weil man dort umgekehrt eher daran denken würde, den Menschen fünf Euro zu geben, wenn sie in die Stadt kommen. Denn auch das gehört zur gesellschaftlichen Realität: wir sind fixiert auf die wenigen Metropolen in diesem Land. Doch diese stehen nicht für die urbane und kommunale Wirklichkeit in der gesamten Bundesrepublik Deutschland.

Resiliente Städte gegen den Klimawandel

Corona beeinträchtigt akut unser Zusammenleben und wird in unseren Innenstädten Wunden hinterlassen. Auf lange Sicht stehen wir aber einer weit gravierenderen Bedrohung gegenüber, die sich nicht wegimpfen lässt: Dem Klimawandel. Auch dieser immensen Menschheitsherausforderung müssen wir urban begegnen und unsere Städte klimaneutral und anpassungsfähig machen. Wie bekommen wir Stadtgrün in dichte Stadtstrukturen? Müssen das immer Wald oder große Grünflächen sein oder hilft auch vertikales Grün? Wie schaffen wir es, mehr Wasser gegen Trockenheit und Hitze in unsere Städte zu bekommen und gegen Starkregen mit Überschwemmungen gewappnet zu sein? Und wie lassen sich klimafreundliche Fassaden so vielfältig und ansehnlich gestalten, dass wir nicht durch dicke Dämmung uniforme, fensterlose Festungen erhalten?

Handlungsfähigkeit der Kommunen unterstützen und gewähren lassen

Um all diese Zukunftsaufgaben für unsere Städte und Innenstädte zu bewältigen, brauchen wir handlungsfähige Kommunen mit klugen Konzepten, einem kreativen Miteinander und den entsprechenden Investitionskapazitäten. Hierfür hat sich in ihrer fast fünfzigjährigen Historie die Städtebauförderung als Unterstützungs- und Steuerungsinstrument mehr als bewährt. Selbst die vormals kritischsten Wegbegleiter sind zu Anhängern geworden. Wie wir zuletzt in der sogenannten Flüchtlingskrise eindrucksvoll sehen konnten, braucht die Städtebauförderung dazu keinen strengen goldenen Zügel durch Bund und Länder. Vielmehr muss die Förderung vor allem Freiheit für lokal passgenaue Ansätze gewähren. Mit der Kernbotschaft, dass Probleme mit flexibler Unterstützung durch Bund und Länder vor allen Dingen vor Ort gelöst werden können, wird Deutschland in seiner derzeitigen EU-Ratspräsidentschaft mit den 27 anderen EU-Mitgliedstaaten im November die Neue Leipzig-Charta verabschieden.

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