Neue Allianzen für eine gemeinwohlorientierte Quartiersentwicklung

von Christian Huttenloher, Generalsekretär des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V.

Die Zukunft der europäischen Stadt liegt in lebenswerten und vielfältigen Quartieren. Dafür müssen Stadtverwaltungen, Wirtschaft, Immobilieneigentümer und Wohlfahrtsverbände mit Zivilgesellschaft, Kulturschaffenden und Kreativen an einem Strang ziehen. Denn Stadt- und Regionalentwicklung sind ein Gemeinschaftswerk. Co-Produktion und Co-Kreativität sind die Motoren der zukünftigen Entwicklung. Dies bringt auch die Neue Leipzig-Charta zum Ausdruck, die am 30. November 2020 unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft verabschiedet wird. Der DV unterstützt des Bundesinnenministerium beim Dialogprozess zur Erarbeitung dieses neuen europäischen Leitdokuments für nachhaltige Stadtentwicklung. Zudem hat er, gemeinsam mit Stadt als Campus e.V., mit der Vernetzungsinitiative „Gemeinsam für das Quartier“ auch ein breites und heterogenes Akteursnetzwerk für eine kooperative, aktivierende und gemeinwesenorientierte Quartiersentwicklung zusammengebracht.

Stärkung unserer Quartiere durch neue Allianzen

Für unsere immer bunter werdende Gesellschaft, die gleichzeitig weiter auseinanderdriftet, sind diese neuen Allianzen dringend notwendig. Denn die vielerorts angespannten Wohnungsmärkte und der zunehmende Niedergang der Innenstädte durch den Online-Handel stellen unsere Städte vor große Herausforderungen: Dazu zählen die Entstehung neuer sozialer Brennpunkte, Verdrängungsprozesse aus angesagten Innenstadtvierteln oder leerstehende Geschäfte in Stadt- und Quartierszentren. Die Corona-Pandemie wird diese negativen Tendenzen gerade in den Innenstädten noch beschleunigen.

Die Stärkung und Stabilisierung funktional und sozial gemischter Viertel ist somit wichtiger denn je. Zusammen mit baulichen Investitionen brauchen wir dafür eine am Gemeinwesen orientierte, von verschiedenen Akteuren getragene Quartiers- und Zentren-Entwicklung, die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Angebote zusammenbringt. Neben der „klassischen“ Arbeit der etablierten Akteure werden seit vielen Jahren auch unkonventionelle Initiativen aus Zivilgesellschaft, Kultur und Kreativwirtschaft „von unten“ aktiv. Unsere Städte schöpfen aus dieser Vielfalt ihre Identität und Attraktivität.

Wichtige Impuls durch junge kreative Stadtmacher

So gestalten Schüler*innen neue Begegnungs- und Aktionsräume in ihrer Stadt, Studierende verlassen den Hörsaal und machen „Stadt als Campus“. Der kreative berufliche Nachwuchs fungiert als Motor einer lebendigen Gemeinwesen-Entwicklung. Gerade von jungen Menschen getragene Initiativen geben mit ihrem Ideenreichtum, ihrer Unkonventionalität und ihrer Umsetzungsstärke vor allem in kleinen Städten wichtige Impulse. Wichtig ist dabei die Verstetigung über den Generationenwechsel hinweg.

Kultur- und Kreativschaffende bespielen die Stadt mit Theateraufführungen oder tragen mit Kulturkiosken zur Aktivierung der Anwohner bei. Mit Mischformen aus Co-Working, Freizeit und Nachbarschaftstreff entsteht soziokulturelle Wertschöpfung. Gemeinschaftliche Wohnformen oder „Immovilien“ zeigen sozialverantwortliche Formen von Immobilien auf, genauso wie der „Wohnbund“, Bürgervereine oder Stiftungen. So entstehen informelle, „fluide“ Communities, die gemeinsam mit Unternehmen sowie der Stadtgesellschaft neue Ideen voranbringen.

Gemeinsame Mitgestaltung von Planungen

Gerade in der sogenannten Phase Null vor der konkreten Planung gilt es, lokales Wissen und neue Ideen für die spätere Entwicklung in breiten Mitgestaltungsprozessen aufzugreifen. So hat die Stadt Mannheim in einem Weißbuchprozess mit Stadtgesellschaft und den Kultur- und Kreativschaffenden die Umgestaltung großer Konversionsareale eingeleitet – und zwar noch bevor konkrete Nachnutzungsüberlegungen vorlagen. Insgesamt gibt es in Mannheim bereits eine über zwanzigjährige Tradition der „kulturellen Stadtentwicklung“, die stadtentwicklungspolitische Quartierserneuerung mit wirtschaftspolitischer Kreativ- und Kulturwirtschaftsförderung verbindet. Dafür steht auch die Zusammenarbeit zwischen der Stadt, dem kommunalen Gründerzentrum NEXT Mannheim und der Entwicklungsgesellschaft des kommunalen Wohnungsunternehmens.

Leerstände als Kristallisationspunkte

Gerade für strukturschwache, sozial benachteiligte und von Leerstand geprägte Gebiete sind neue, teils radikale Antworten erforderlich. Kreative, Kulturschaffende und zivilgesellschaftliche Initiativen können (temporäre) Nutzer für quartiers- und stadtbildprägende Leerstände sein und damit Struktur- und Funktionsverluste lösen helfen. Leerstehende Immobilien bieten zudem wertvolle Kristallisationspunkte, da Kommunen mit den kreativen Stadtmachern dort gemeinwesenorientierte Nutzungen und Angebote schaffen. Dazu sind ein strukturiertes Programm sowie flexible, multifunktionale Entwicklungskonzepte notwendig.

Kopplung und Mischnutzung ist das Zauberwort. Wohnen, Arbeiten, Handel, urbane Produktion und Handwerk, Dienstleistungen, Kultur, private und privatwirtschaftliche sowie gemeinnützige Nutzungen schaffen Lebendigkeit und Attraktivität. Dies zeigt sich exemplarisch an den im Trend liegenden Co-Working Spaces. Für eine kreativ-kulturelle Quartiersentwicklung müssen diese aber mehr sein als eine andere Form der Arbeitsstätte, sie sollten auch zum Zusammenleben im Quartier beitragen. So geschieht dies etwa bei Block O, einer umgebauten Sparda-Bank-Filiale in Frankfurt/Oder, dem multifunktionalen Co-Working Space Schiller40 in Wolfsburg oder dem STELLWERK in Göttingen.

Wichtig ist es, dass die kulturellen und kreativwirtschaftlichen Initiativen und Akteure ausreichend finanzielle, zeitliche und personellen Ressourcen haben, um aus eigener Kraft wirksam zu werden. Dazu ist aber eine andere Art von Förderung und Finanzierung notwendig. Denn meist passen Zuwendungsrecht und -verfahren nicht auf deren Lebensrealität und Arbeitsweise und den schnellen Aktionen.

Koordinierung von Akteuren und Maßnahmen durch gemeinsame Strategien  

Um dies strukturiert auf den Weg zu bringen, kann eine gemeinsame Strategie mit festgelegten Zielen und einem konsequenten Monitoring ein sinnvolles Instrument sein. So steht in Offenbach bei der Quartiersentwicklung vor allem die Realisierung übergeordneter Ziele im Mittelpunkt, etwa die wirtschaftliche Entwicklung oder die soziale Stabilisierung. Diese gesamtstädtische Strategie wird jeweils auf die einzelnen Quartiere und die Innenstadt heruntergebrochen.

Allerdings gibt es keine Herangehensweise, die für alle Quartiere gleichermaßen Gültigkeit besitzt. Auch sind Angebote und Strukturen der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht unter allen Umständen das Allheilmittel für die Quartiersentwicklung. Erfolgreiche Modelle leben von der genauen Betrachtung des Bedarfs vor Ort, vom frühzeitigen Einbinden verschiedener lokaler Gruppen, von Beharrlichkeit sowie vom Zuhören und Beteiligen all jener, die normalerweise nicht gehört werden.

Schulterschluss und Allianzen

Eine Grundvoraussetzung ist eine gemeinsame Haltung und der Schulterschluss wesentlicher Akteure für die Gemeinwesen-Entwicklung: Dazu zählen etwa die die Immobilieneigentümer, die unternehmerische Wirtschaft, Handel, Gastronomie und Dienstleistungen, ebenso wie die Kultur- und Kreativwirtschaft, (sozio)kulturelle Einrichtungen sowie die Clubkultur. Bei dieser Akteursvielfalt ist es dringend notwendig, zwischen den sehr verschiedenen Handlungslogiken und Sprachen zu vermitteln. Dafür braucht es „Übersetzer“, Lotsen und Intermediäre, die in beiden Welten zu Hause sind und Erfahrungen in den Quartierskontexten haben. Auch über regelmäßige Austauschrunden und informelle Treffen lässt sich die Zusammenarbeit der heterogenen Akteure verstetigen. Dies setzt allerdings Offenheit für neue Ansätze sowie die Motivation auf allen Seiten voraus, sich auf die jeweilig anderen Perspektiven einzulassen. Es braucht Mut zu unbürokratischem Handeln, die Kooperationsbereitschaft jenseits von Kirchturm-Denken und eine Kultur der Offenheit und Aufgeschlossenheit.

Weitere Informationen

Welche Formate und Strategien braucht eine kooperative Quartiersentwicklung? Wie entstehen konstruktive Allianzen von Akteuren aus Immobilienwirtschaft und Stadtverwaltung mit Kultur- und Kreativschaffenden für eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung? Die Vernetzungsinitiative „Gemeinsam für das Quartier“ erarbeitet aus den gewonnenen Erkenntnissen aktuell Handlungsempfehlungen, die zum Bundeskongress Nationale Stadtentwicklungspolitik Anfang Dezember 2020 präsentiert werden sollen.