Corona: Solidarität zeigen, Eigeninteressen zurückfahren, Resilienz beweisen

von Michael Groschek, Staatsminister a.D., Präsident des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V.

Wir erleben mit der Corona-Pandemie gerade eine der größten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Krisen seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Das neuartige Virus legt ganz Europa und weite Teile der Welt lahm. Noch vor ein paar Wochen haben die meisten die Epidemie als „weit weg“ empfunden. Nun hat uns die Realität mit Wucht eingeholt: Mit der Schließung von Grenzen, Schulen, Kitas, Kultureinrichtungen, Geschäften, in vielen Ländern sogar Ausgangssperren, erleben wir nie da gewesene Einschränkungen. Wie lange diese Situation dauern wird, ob weitergehende Maßnahmen notwendig sind und wie drastisch die Folgen sein werden, ist kaum abzuschätzen. Umso wichtiger ist nun die vielbeschworene Solidarität: Alle, sowohl Privatpersonen als Staat, Institutionen und Unternehmen, müssen nach Möglichkeit ihren Beitrag leisten. Fehl am Platz ist es dagegen, wenn einige vermeintliche „Krisengewinnler“ angesichts der dramatischen Lage „einfache Beute“ wittern und die Situation ausnutzen, um radikale politische Forderungen oder unerfüllte Lobbywünsche durchzusetzen.

Immobilienwirtschaft muss Verantwortung übernehmen

Bereits heute ist klar: Weite Teile der Wirtschaft und viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind durch die Maßnahmen zur Eindämmung des COVID-19-Virus‘ schwerwiegend getroffen. Die Regierung versucht gerade, Wirtschaft und Menschen mit einem umfassenden Maßnahmenpaket zu unterstützen. Verantwortungsbewusste Unternehmen, Verbände und Organisationen zeigen jetzt nicht nur mit Forderungen auf die Staatslenker, sondern werden gerade selbst für unser aller Wohl aktiv. Sie haben die einmalige dramatische Sondersituation verstanden, in der auch die Immobilienwirtschaft eine hohe Verantwortung übernimmt: Gegenüber Unternehmen und Handwerkern, denen Aufträge wegbrechen, gegenüber Einzelhändlern, die erhebliche Umsatzeinbußen haben, gegenüber Dienstleistungsbetrieben, deren Kunden nicht mehr kommen und schließlich gegenüber Haushalten, die wegen Einkommensausfällen die Wohnungsmieten nicht mehr bezahlen können. Hier werden vielfach solidarische und situationsgerechte Lösungen zwischen Mietern und Vermietern angekündigt, für die der Staat eine flankierende finanzielle Unterstützung bereitstellen muss. Das Gleiche gilt für Menschen, die sich die Kreditbelastung für ein Eigenheim oder eine Eigentumswohnung nicht mehr leisten können.

Glaubwürdig bleiben

Entschieden entgegentreten sollte man aber all jenen, die jetzt mit radikalen Lösungen den Bogen überspannen oder die Krisensituation ausnutzen, immerwährende Forderungen endlich durchzusetzen. Dies gilt für Verbände, Politik und Initiativen gleichermaßen. Diese verlieren nicht nur an Glaubwürdigkeit, sondern setzen auch die Loyalität ihrer Anhänger aufs Spiel, die sich nicht auf diese Weise vertreten wissen wollen. Ein solches Verhalten schadet gerade dem Ruf von Verbänden generell. Es trägt zur Entstehung neuer informeller Strukturen bei, die die Eigenvertretung von Unternehmensinteressen forcieren. Solche traditionellen Strukturen mit ritualisierten Kampfposen erscheinen unter diesen geänderten Vorzeichen wie Relikte der Vergangenheit. 

Zunehmende Bedeutung resilienter Städte

Für den sozialen Zusammenhalt, die wirtschaftliche Prosperität und die Attraktivität unserer Städte und Gemeinden müssen wir verhindern, dass Familien wegen Corona tausendfach ihr Heim verlieren, sich das Handelssterben in den Innenstädten noch weiter verstärkt und gleichzeitig weitere Dienstleistungen, Handwerk und Gastronomie zurückgehen und damit die Leerstände steigen. Wir brauchen deshalb mehr den je eine wirkungsvolle Städtebauförderung und kluge Ansätze einer nachhaltige Stadtentwicklung.

Resilienz ist schon länger ein wichtiges Schlagwort dafür. Jetzt wird uns dramatisch vor Augen geführt, was dieses Wort bedeutet. Wie gut können unsere Systeme Krisen wirklich standhalten? Die Widerstandsfähigkeit unserer Städte zu erhöhen ist auch ein zentrales Anliegen der Neuen Leipzig-Charta, die der DV aktuell gemeinsam mit EUKN und der BTU Cottbus-Senftenberg für das Bundesinnenministerium erarbeitet. Das Strategiedokument für eine nachhaltige europäische Stadt soll unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 verabschiedet werden. Die Leitvorstellungen für eine solidarische, grüne und produktive Stadt, die das Dokument postuliert, sowie die Forderung nach Unterstützung der Kommunen auf dem notwendigen Weg der Transformation, erhalten angesichts der aktuellen Lage ein noch größeres Gewicht. Denn gerade die dicht besiedelten Großstädte, die geprägt sind durch ein enges Nebeneinander, Kulturveranstaltungen, Nachtleben, öffentlichen Nahverkehr, volle Parks, spielen eine Schlüsselrolle beim aktuellen Gebot der sozialen Distanz.

Klimakrise ernst nehmen

Nicht zuletzt gehört zur Resilienz und Solidarität zwischen den Generationen auch, dass wir uns – trotz der großen wirtschaftlichen „Aufräumarbeiten“, die nach dem Abflauen der Corona-Welle unweigerlich auf uns zukommen werden – noch mehr um die Klimakrise kümmern. Denn wenn wir diese nicht in den Griff bekommen, werden noch weit drastischere Folgen auftreten, als wir sie jetzt mit der Pandemie erleben. Um zum Klimaschutz im Gebäudebestand konstruktiv beizutragen, verschiedene Interessenvertreter an einen Tisch zu kriegen und gemeinsam abgestimmte Formate zu entwickeln, hat der DV deshalb vor Kurzem den Runden Tisch „Neue Impulse für den Klimaschutz“ zusammen mit dem Bundesumweltministerium gestartet.

Digitale Formate wichtiger als je zuvor

Bei allen Einschränkungen des öffentlichen Lebens ist es unserem Verband wichtig, im Rahmen unserer Möglichkeiten intensiv weiterzuarbeiten und den Diskurs über die drängenden Zukunftsaufgaben fortzuführen. Wir werden dazu verstärkt auf Online-Formate zurückgreifen. Dies ist auch eine Chance, aus der Not eine Tugend zu machen und endlich konsequent in die digitale Netzwerkarbeit und Kommunikation einzusteigen. Was uns Corona auch zeigt ist nämlich, wie enorm der Nachholbedarf in Deutschland ist, was digitale Infrastruktur und Anwendungsmöglichkeiten betrifft. Jetzt sind wir alle von heute auf morgen gezwungen, uns radikal auf digitale Alternativen umzustellen um den Arbeitsbetrieb so weit wie möglich aufrecht zu erhalten. Noch sind die Systeme nicht überall und für jede Organisation nutzbar, aber die Hoffnung besteht, dass das Virus zumindest in diesem Bereich einen positiven Entwicklungsschub verursacht.

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