Potenziale ausloten, Chancen nutzen: Kommunen auf dem Weg zur „Smart City“

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von Prof. Elke Pahl-Weber, Vorsitzende der AG Städtebau/Raumordnung

Wie können Stadtentwicklung, die Erhebung, Vernetzung und Nutzung von Daten sowie Energie und Mobilität intelligent miteinander verbunden werden? Vor allem Unternehmen und Forschungsinstitute der Infrastrukturentwicklung sowie der Informations- und Kommunikationstechnologie haben die Auseinandersetzung mit dieser Frage in den vergangenen Jahren vorangetrieben. Mittlerweile beteiligen sich auch kommunale Akteure an der Debatte. Das ist ausdrücklich zu begrüßen, denn die Idee der „Smart City“ berührt viele ihrer Herausforderungen:

  • Folgen der Globalisierung und des Klimawandels
  • Umsetzung der Energiewende
  • Dezentrale Möglichkeiten der Energieerzeugung und –Nutzung
  • Verstädterung
  • Demografischer Wandel
  • Digitalisierung
  • Soziale und räumliche Polarisation
  •  Neue Formen der Mobilität

Keine einheitliche Definition

Bislang gibt es keine einheitliche, allgemein akzeptierte Definition der „Smart City“. Der Begriff ist eher als globaler Impetus im Diskurs von Wissenschaft und Praxis zu verstehen. Die Interpretationen reichen von einem datenorientierten Technikverständnis bis hin zu einem ganzheitlichen Stadtentwicklungsansatz. Die Akteure aus Planung, Forschung und Industrie verknüpfen ganz unterschiedliche Erwartungshaltungen und Konzepte mit dem Begriff „Smart City“. Deshalb ist es umso wichtiger, sie in den Dialog zu bringen, damit sie an gemeinsamen Lösungen arbeiten. So kann die „Triple Helix“ als gemeinsamer Prozess von Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung funktionieren, die für Innovationen in der Wissensgesellschaft ein passendes Modell bietet.

Seit jeher Auseinandersetzung mit urbanen Technologien

Städte waren seit jeher gefordert, sich mit neuen urbanen Technologien auseinanderzusetzen. Sei es nun die Straßenbeleuchtung, die Energieversorgung, der öffentliche Nahverkehr oder die Verkehrssteuerung – Industrie und kommunale Akteure waren und sind in einem ständigen Dialog. Neu sind jedoch die Innovationsgeschwindigkeit und die Bandbreite, mit denen die Datentechnik im urbanen Kontext Einzug hält. Inzwischen stehen die Bereiche Energie, Mobilität, Sicherheit, Governance, Netzinfrastruktur und Kommunikation in einer engen Wechselwirkung. Dabei sind Daten die Schnittmenge dieser vielfältigen Handlungsfelder. Neu ist auch der Ausgangspunkt für die Veränderung: Die anstehende „smarte“ Transformation“ unserer Städte muss auf die bestehenden gebauten Strukturen aufbauen. Diese wurden in den letzten 150 Jahren neu geschaffen – und zwar zum Großteil im Zuge der industriellen Revolution. Dabei sind die Städte aber auch immer eine Einheit aus den gebauten Strukturen und den Menschen, die sie hervorgebracht haben und mit ihnen ihr Leben gestalten.

Viele offene Fragen

Viele Fragen sind noch offen, wie etwa die der Grundrechte von Daten. Zudem muss geklärt werden, wie sozial schwache und alte Menschen Internetkompetenz aufbauen und der Netzausbau in ländlichen Räumen vorangetrieben werden kann, damit die Digitalisierung soziale Segregation und räumliche Ungleichgewichte nicht verstärkt. Wie können unterschiedliche Alterungsprozesse von gebauter Umwelt und „Technik“ zu akzeptablen Kosten angegangen werden? In diesem Bereich haben insbesondere kommunale Akteuren großen Informationsbedarf, zum Beispiel Wohnungswirtschaft, Stadtverwaltungen und Stadtwerke, aber auch Kommunalpolitiker. Hier gilt es, Entscheider mit entsprechenden Kompetenzen auszustatten, damit sie auf einer informierten Basis eine gestaltende Rolle einnehmen können.

"Smart City" Chance für eine Stärkung der kommunalen Ebene

Gelingt die „Smart City“, wird es möglich sein, auf lokaler Ebene neue Wertschöpfungsketten, insbesondere im Energiebereich, zu generieren. Vormals getrennte Handlungsfelder wie Wohnen, Mobilität und Energie würden dann funktional miteinander verknüpft werden. Historische Abhängigkeiten wie die von der Ölpreisentwicklung könnten aufgebrochen werden. Erfolgreiche erste Ansätze gibt es bereits in vielen Städten wie zum Beispiel in München, Leipzig, Berlin, Hamburg, Aachen oder Darmstadt – auch wenn sie nicht immer unter dem Label der „Smart City“ laufen. Überall dort, wo sich lokale Akteure offen und kreativ den neuen Herausforderungen stellen und die „Smart City“ als Chance für die Stärkung der kommunalen Ebene begreifen, kann es gelingen, das Konzept sinnvoll mit Inhalt zu füllen und das Leben in der Stadt nachhaltig zu verbessern.

Strategische Planungen und technische Möglichkeiten verbinden

Wichtig ist es, strategische Planungen mit den technischen Möglichkeiten der „Smart City“ zu verbinden. Wie das Beispiel Leipzig zeigt, können dabei Zukunftsfonds, Zukunftsgremien oder Zukunftslabors hilfreich sein. Dabei werden Prozesse mit der Bevölkerung und der Wirtschaft gemeinsam umgesetzt. Zudem versuchen diese Formate, die Komplexität der „Smart City“ mit den Strukturen einer Stadtverwaltung in Einklang zu bringen. Wichtig ist immer, dass Entscheider aus der Politik eng mit eingebunden sind und eine integrierte Betrachtung einer sektoralen Auseinandersetzung vorgezogen wird.

Stadtentwicklung nach wie vor entscheidend für urbane Qualität

Doch auch die „smarte“ Stadt braucht „klassische“ Stadtentwicklungsprozesse, die urbane Qualität und Kultur schaffen. Dazu gehört es, öffentlichen Raum schaffen, der sich am Menschen und seinem Kommunikations- und Erholungsbedürfnis orientiert. Es braucht gute und am Gemeinwohl orientierte offene Planungs- und Umsetzungsprozesse mit mehr Rückkopplungsschleifen.

AG Städtebau beschäftigt sich mit der "Smart City"

Mit den Potenzialen der „Smart City“ hat sich auch die Arbeitsgruppe Städtebau/Raumordnung des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. am 24. Februar 2016 beschäftigt. Etwa 40 Vertreterinnen und Vertreter von Kommunen, Stadtwerken, der Stadtforschung, der Wohnungswirtschaft, von BMUB und BBSR sowie zahlreichen Verbänden nutzen die Möglichkeit, Sichtweisen auszutauschen und neue Standpunkte zu entwickeln.

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