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Lokale Erfolge durch transnationale Zusammenarbeit: Von Interreg profitieren

von Christoph Pienkoß (Geschäftsführer DV-GmbH) und Heike Mages (Projektleiterin DV-GmbH)

Kommunen, Verbände, Kammern, Hochschulen und Unternehmen, die auf der Suche nach Fördermöglichkeiten sind, sollten momentan Augen und Ohren offen halten: Nach intensiven Verhandlungen zwischen Europäischem Parlament, Kommission und Mitgliedsstaaten sowie einer langen Programmierungsphase sind mittlerweile fast alle Förderprogramme der europäischen Strukturfondsperiode 2014 bis 2020 genehmigt. Das heißt, dass seit Dezember 2014 wieder neue Anträge auf europäische Fördergelder gestellt bzw. Projektvorschläge eingereicht werden können. Eine Möglichkeit, für Vorhaben der Regionalentwicklung Unterstützung einzuholen, sind dabei die Programme der territorialen Zusammenarbeit ("Interreg"). Diese werden aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) finanziert und gliedern sich auf in die drei Ausrichtungen der grenzüberschreitenden, der transnationalen und der interregionalen Zusammenarbeit. Der Schwerpunkt der Programme liegt allerdings nicht auf Investitionen - vielmehr geht es darum, länderübergreifend innovative Arbeitsweisen und Strategien zu gemeinsamen Themen und Problemen zu entwickeln. Das hört sich zunächst relativ abstrakt an. Wieso sollten sich öffentliche oder private Einrichtungen bei den Kooperationsprogrammen bewerben? Wie können sie profitieren? Und vor allem: Welche Vorteile hat eine Projektteilnahme für die Bewältigung lokaler Herausforderungen? Dies soll am Beispiel der transnationalen Zusammenarbeit (Interreg B) im Folgenden erläutert werden.

Gemeinsame Herausforderungen auch gemeinsam angehen

Die Folgen des Klimawandels, Umwelt- und Ressourcenschutz, neue Formen und Strukturen der Mobilität, die Energiewende, Daseinsvorsorge in abgelegenen Regionen, unsere älter, bunter und individueller werdende Gesellschaft - dies sind Themen, die alle Regionen in Europa betreffen und die nicht vor Verwaltungs- oder Landesgrenzen Halt machen. Genau hier setzt die transnationale Zusammenarbeit an. Interreg bringt Regionen, Kommunen, öffentliche Dienstleister, Hochschulen, Kammern und Verbände, Organisationen der Wirtschaftsförderung und Unternehmen aus verschiedenen Ländern im Rahmen  thematischer Projekte zusammen. Die Projektpartner tauschen sich aus, entwickeln gemeinsam neue Konzepte und Strategien und setzen diese in Pilotvorhaben vor Ort um. Hintergrund ist der Gedanke, dass das Rad nicht ständig neu erfunden werden muss - vielmehr kann man vom Wissen anderer profitieren. Damit werden Entwicklungen und Investitionen angestoßen, von denen Regionen und Institutionen im besten Fall lange über die Projektlaufzeit hinaus profitieren.

Vergleichsweise hohe Förderung

Für die transnationale Zusammenarbeit stehen zwischen 2014 und 2020 insgesamt 1,39 Milliarden Euro zur Verfügung. Deutschland ist an sechs Interreg-Programmräumen beteiligt (Alpen, Donau, Mitteleuropa, Nordsee, Nordwesteuropa, Ostsee). Jeder Raum hat ein eigenes Kooperationsprogramm erarbeitet, das die Themen fördert, die den geografischen, ökonomischen und sozialen Hintergründen seiner Regionen bestmöglich entsprechen. Im Vergleich zur Regionalförderung übernimmt die EU bei den Interreg-Projekten einen erheblichen Anteil der Projektkosten: je nach Programmraum sind es bis zu 85 Prozent. Den Rest muss der jeweilige Partner selber tragen ("Kofinanzierung"). Investitionen sind allerdings nur bedingt förderfähig: Denn der Schwerpunkt bei Interreg liegt darauf, gemeinsam Dinge "neu zu denken". Projekte sollen die Chance eröffnen, innovative, vielversprechende Ideen einfach einmal auszuprobieren. Auf die Aufrufe zum Einreichen von Projektvorschlägen, die ca. 1-2 Mal pro Jahr in den jeweiligen Programmräumen veröffentlicht werden, bewerben sich die interessierten Institutionen stets in einem transnationalen Partnerverbund, wobei ein Partner die Federführung übernimmt. Mit den ersten Calls der Interreg-Programmräume ist ab Februar 2015 zu rechnen, nur der Ostseeraum hat bereits im Dezember letzten Jahres zum Einreichen von Projektvorschlägen aufgerufen.

© BBSR

Europa als Marke

An einem Interreg-Projekt teilzunehmen bedeutet, ein lokales oder regionales Problem in einen europäischen Gesamtzusammenhang zu stellen. Das Projekt bzw. die EU fungieren somit als eine Art Marke oder Qualitätssiegel für das eigene Anliegen, denn es beweist, dass das Projektthema Relevanz für viele Akteure aus anderen Ländern sowie für die Europäische Union selbst hat. Das zieht eine gesteigerte Aufmerksamkeit auf allen Ebenen nach sich: Zum einen natürlich im eigenen Haus, aber auch auf Landes-, Bundes- und natürlich EU-Ebene. So hat die enge Zusammenarbeit mit den entsprechenden Ministerien ihres Bundeslandes für Projektpartner großes Potenzial: Sind das Projektthema und die zu erwartenden Ergebnisse etwa einem Ministerium selbst ein Anliegen bzw. entsprechen der Landesstrategie, so kommt es nicht selten vor, dass es den Projektpartner bei der Kofinanzierung unterstützt und das Interreg-Projekt in die Öffentlichkeitsarbeit des eigenen Hauses einbezieht. Nicht zuletzt bedeutet die Interreg-Teilnahme natürlich auch ein gesteigertes Interesse der Medien. Letzten Endes kann die so entstehende Aufmerksamkeit für das Projektthema Entwicklungen beschleunigen und zum Imagegewinn der beteiligten Region oder Institution beitragen.

Blick über den eigenen Tellerrand

Abgesehen von einer gesteigerten Aufmerksamkeit und den beträchtlichen finanziellen Mitteln eröffnet die Teilnahme an Interreg-Projekten auch neue Perspektiven, Kenntnisse und einen Blick über den eigenen Tellerrand hinaus: In einem Projekt arbeiten mehrere Partner aus unterschiedlichen Ländern des Programmraumes normalerweise drei Jahren lang zusammen, diskutieren miteinander, erhalten eine neue Sicht auf eigene Probleme, lernen sich und die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort kennen, profitieren von Fachwissen und Erfahrungen der anderen. Dadurch wird "Europa gelebt". Die Teilnehmer gewinnen Einblick - und damit auch Verständnis und Toleranz - für andere Länder und ihre Strukturen. Gerade angesichts einer in letzter Zeit häufiger spürbaren Europaskepsis ist dieser Aspekt wichtiger denn je. Zudem schweißt die jahrelange enge Zusammenarbeit die Projektbeteiligten auf fachlicher Ebene zusammen. So entstehen dauerhafte internationale Netzwerke, die in den meisten Fällen auch über die Projektlaufzeit hinaus Bestand haben.

Engagement lohnt sich!

Natürlich soll nicht verschwiegen werden, dass die Teilnahme an einem Interreg-Projekt auch mühsam sein kann und Nerven kostet. Sie erfordert Ausdauer, personelle Ressourcen, die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und zu lernen, genauso wie Engagement. Gerade was die Verwaltung und Budgetabwicklung der Projekte betrifft, müssen sich Neulinge erst eine gewisse Routine aneignen. Doch der Aufwand lohnt sich: Interreg-Projekte verbessern die Regionalentwicklung und leisten einen wichtigen Beitrag zum sozialen und  territorialen Zusammenhalt sowie zum gegenseitigen Verständnis in Europa. Dabei sprechen wir aus eigener guter Erfahrung: Mit vielen der aktuellen Interreg-Hauptthemen (CO2-Reduzierung, Umwelt- und Ressourcenschutz, nachhaltiger Verkehr, Energieeffizienz, Innovation) setzt sich der Deutsche Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung schon seit Jahren intensiv auseinander. Als Partner, oft auch federführend, hat er an zahlreichen Interreg-Projekten der vergangenen beiden Förderperioden teilgenommen und auch die Erstellung der neuen Programme der transnationalen Zusammenarbeit auf Bundesebene begleitet. Auch in der neuen Förderperiode werden wir wieder die Chance ergreifen, uns in die transnationale Zusammenarbeit einzubringen.

Interreg-Beispielprojekte des DV in der Förderperiode 2007-2013

Der DV entwickelte im Rahmen des Interreg-Projektes HELPS stadtteilorientierte Wohn- und Pflegeansätze für ältere Menschen, die so lange wie möglich selbstständig in ihrer eigenen Wohnung leben möchten und erarbeitete Handlungsempfehlungen für alle beteiligten Akteure im Quartier. Maßnahmen zur energetischen Aufwertung von Wohnquartieren standen dagegen im Zentrum des Projektes Urb.Energy, das der DV federführend koordinierte. Per se "grenzüberschreitend" sind auch viele Verkehrsprojekte. So widmeten sich die Projektpartner von Scandria dem Ausbau der europäischen Nord-Süd-Achse von der Ostsee bis zur Adria, um regionale wirtschaftliche Entwicklungsimpulse zu setzen. Informationen zu weiteren Interreg-Projekten aus der Förderperiode 2007-2013, an denen der DV als Partner mitgewirkt hat, finden Sie hier.

Weitere Informationen

Leitfaden, Flyer und weitere Informationen

Aktuell wird ein Leitfaden für deutsche Antragsteller erarbeitet, ebenso wie kurze Übersichts-Flyer zu allen Programmräumen mit deutscher Beteiligung. Diese finden Sie in Kürze unter www.interreg.de.
Die Seite bietet zudem umfangreiche Informationen zu Interreg B sowie zum Bundesprogramm Transnationale Zusammenarbeit, mit dem das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur Interreg-Projekte, die einen Beitrag zur nachhaltigen Raumentwicklung leisten, finanziell unterstützt.

Persönliche Beratung

Wenn Sie Fragen haben oder eine persönliche Beratung möchten, können Sie sich an die deutschen Kontaktstellen ("National Contact Points") der jeweiligen Programmräume wenden. Alle Kontaktadressen finden Sie hier

Zu den Seiten der Programmräume:

Forschungsprojekt
Im Auftrag des BBSR hat die DV-GmbH die Entstehung der neuen Interreg B-Programme für die Förderperiode 2014-2020 auf Bundesebene begleitet. Weitere Informationen finden Sie hier

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