Leipzig Luftbild Hauptbahnhof

Angebunden statt abgeschnitten - Mobilität in Mitteldeutschland zukunftsfähig gestalten

© DV, Michael Kirsten

von Christoph Pienkoß, Geschäftsführer des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e. V.  

Zwanzig Jahre Bahnreform haben den öffentlichen Schienenverkehr geprägt: Privatwirtschaftlicher Fern- und öffentlich bezuschusster Regionalverkehr werden quasi täglich in den Medien thematisiert. In der Kritik steht unter anderem die Ausdünnung des Fernverkehrs, insbesondere durch die Deutsche Bahn. Andererseits streiten sich Länder und Bund in dauerhaften Auseinandersetzungen um Höhe und Ausgestaltung der Bundeszuweisungen zur Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs. Kein Wunder, spielt doch die Verkehrsanbindung in Deutschland eine immense Rolle für die Zukunftsfähigkeit von Städten, Gemeinden und Kreisen: Standorte ohne ausreichende Mobilitätsangebote sind von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung weitestgehend ausgeschlossen. Dessen ist sich auch die Metropolregion Mitteldeutschland bewusst. Wenn 2017 die Hochgeschwindigkeitsstrecke Berlin-München eröffnet wird, drohen dort einige wichtige Städte dauerhaft vom Fernverkehr abgeschnitten zu werden. Die Region reagiert nun frühzeitig mit einem integrierten Konzept für den gesamten Schienenpersonenverkehr, in dessen Erarbeitung und Umsetzung auch der Deutsche Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. eingebunden ist. 

Fernverkehr in Deutschland

Grundsätzlich haben größere Städte und Metropolen in Deutschland ein ausreichendes bis gutes Fernverkehrsangebot. Es gibt aber auch viele Städte und Regionen, bis hinein in den ländlichen Raum, in denen der öffentliche Verkehr und damit die Vernetzung mit den nächstgelegenen Verkehrsknoten vernachlässigt und damit unattraktiv wurden. Die Öffnung des Schienennetzes für Wettbewerber hat bisher kaum zu zufriedenstellenden Angeboten geführt. Dies wurde auch auf europäischer Ebene im Rahmen der neuen TEN-V-Verordnung (bzgl. des europäischen Verkehrsnetzes) erkannt. Der Vernetzung von peripheren Regionen, sekundären und tertiären Verkehrsknoten mit den Fernverkehrsknoten entlang europäischer oder nationaler Korridore wird daher großes Gewicht beigemessen. Dass es Alternativen gibt, bei denen eine Gesamtregion attraktive Schienenpersonenverkehrsangebote vorhalten kann, zeigt die nun beschlossene Umsetzung der Machbarkeitsstudie "Schienenpersonenverkehrskonzept für die Metropolregion Mitteldeutschland". Ausgearbeitet wurde sie im Rahmen des europäischen Projektes "RAILHUC" (Rail Hub Cities), das der Deutsche Verband bei der Kommunikation und Beteiligung externer Akteure begleitet. 

Zuverlässige Mobilität sicherstellen - auch abseits wichtiger Fernverkehrsknoten

Die Metropolregion Mitteldeutschland, bis 2009 Sachsendreieck, hat sich im März 2014 durch die Vereinigung mit der Wirtschaftsinitiative Mitteldeutschland e. V. neu aufgestellt. Als Institution "Europäische Metropolregion Mitteldeutschland e. V." ist sie nun deutlich schlagkräftiger als zuvor. Eines der Themen, mit dem sich die Akteure auseinandersetzen, ist die Sicherstellung hochwertiger, zuverlässiger Mobilitätsleistungen auch abseits der wichtigsten Fernverkehrsknoten. Denn ab 2017 wird sich mit der Eröffnung der Hochgeschwindigkeitsstrecke Berlin-München das Angebot im öffentlichen Verkehr innerhalb der Region sowie in den wichtigsten Städte außerhalb deutlich verändern.

Mitteldeutschland ist die wirtschaftsstärkste Region Ostdeutschlands. Insofern dient der öffentliche Verkehr nicht nur der Erreichbarkeit im Sinne öffentlicher Daseinsvorsorge. Vielmehr stellt er auch den Zugang der vielen Unternehmen zu qualifizierten Fachkräften sicher, für die Mobilität ein entscheidender Standortfaktor ist. Wichtig ist dabei insbesondere der Schienenpersonennahverkehr, zu dem auch der Regionalverkehr zählt.

Weite Teile des Einzugsgebiets der Region, die sich über Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt erstreckt, sind durch Schieneninfrastruktur miteinander verbunden. Dies betrifft insbesondere die Mitgliedsstädte Leipzig, Halle (Saale), Chemnitz, Zwickau, Jena, Gera und Dessau-Roßlau, aber natürlich auch (die früheren Mitglieder) Dresden, Erfurt, Weimar und Magdeburg. Die Qualität der Schieneninfrastruktur ist jedoch teilweise kritisch: So existieren noch vielfach eingleisige und nicht elektrifizierte Streckenabschnitte, die jeweils zu Engpässen und verlängerten Reisezeiten führen. Unter anderem aus diesem Grund gibt es keine durchgängige Verknüpfung des Nah- und Regionalverkehrs, der von den Ländern sichergestellt wird, mit dem Fernverkehr der Deutschen Bahn. In den drei Ländern existieren acht Verkehrsverbünde, die den Schienenpersonennahverkehr integriert haben, und sieben Institutionen, die als Aufgabenträger für die jeweiligen Länder einen ausreichenden Schienenpersonennahverkehr organisieren.

Die Anbindung der Metropolregion ab 2017 an den Fernverkehr

Die Eröffnung der vollständigen Strecke Berlin-München (Verkehrsprojekt Deutsche Einheit / VDE 8) ist für 2017 geplant. Sie wird bzw. wurde bereits ergänzt durch weitere Maßnahmen: So z. B. durch die Ertüchtigung der Hochgeschwindigkeitsstrecke Dresden-Leipzig (VDE 9), den Bau des City-Tunnels Leipzig für das Mitteldeutsche S-Bahn-Netz, Lückenschlüsse in der Elektrifizierung der Strecken, die Schaffung paariger Gleise, den Ausbau der Fernbahnhöfe, Überlegungen zur Tarifintegration, etc. So kontrovers die Investitionsmaßnahmen - insbesondere die Neubaustrecke VDE 8 - in der Vergangenheit diskutiert wurden, so definitiv werden sie die Anbindung der Metropolregion Mitteldeutschland an den Schienenfernverkehr und damit an wichtige Verkehrsknotenpunkte in Deutschland und den Nachbarländern verändern. Einige wichtige Städte, etwa Jena, Weimar oder Chemnitz, drohen dauerhaft vom Fernverkehr abgeschnitten zu werden. Die Region hat die Chance erkannt, die sich aus dieser kritischen Situation ergibt. Sie reagiert nun frühzeitig und schrittweise mit der Integration des gesamten Schienenpersonennahverkehrs, bis hin zum straßengebundenen Nahverkehr (etwa lokale Buslinien), in das künftige Fernverkehrsangebot. Wichtige Fernverkehrsstrecken, die künftig aber nicht vom regulären Fernverkehr bedient werden, werden von neuen, äquivalent hochwertigen so genannten MDX-Linien bedient.

Schienenpersonenverkehr in der Metropolregion

In den Jahren 2012 bis 2014 wurde im Rahmen des europäischen Projektes RAILHUC (Rail Hub Cities), an dem sich die Metropolregion sowie der Deutsche Verband beteiligten, eine detaillierte Machbarkeitsstudie zur Zukunft des Schienenpersonenverkehrs in Mitteldeutschland erarbeitet und gezielt kommuniziert. Anfang 2014 ergab diese Studie, dass ein optimales Verkehrsangebot ohne massive Mehrkosten im Bereich Betrieb oder Infrastruktur erreicht werden kann, wenn vier konkrete Bausteine umgesetzt werden. Die verantwortlichen Akteure der Metropolregion, also die Oberbürgermeister, unterstützt von den Vertretern der Länder und mehrerer Aufgabenträger, beschlossen die schrittweise Umsetzung des Konzeptes mit den folgenden Bausteinen:

  1. Schaffung eines Mitteldeutschlandnetzes. Neben den baulichen Maßnahmen, die sich schon in Umsetzung befinden, sind dafür nur noch punktuelle Investitionen notwendig. Auch ein eigener Fahrzeugpool der drei Länder sollte diskutiert werden;
  2. Einrichtung eines Mitteldeutschland-Taktes. Dafür soll (zuerst) der schienengebundene Nahverkehr im Sinne eines integrierten Taktfahrplans ("nahtloses Reisen") und mit Blick auf den Fernverkehr ab 2017 neu organisiert werden. Relationen, die eigentlich Fernverkehr darstellen, werden durch hochwertige so genannte "MDX-Linien" bedient;
  3. Etablierung des Mitteldeutschlandtarifs als einheitlicher Verbundtarif. Dieser sollte sich über das gesamte Gebiet der Metropolregion erstrecken, also über drei Bundesländer. Dazu gehört auch ein einheitliches Metropolregionsticket.
  4. Enge Kooperation von Verkehrsverbünden und Aufgabenträgern entsprechend ihren Aufgaben. Die Zusammenarbeit wird für das gesamte Gebiet angestrebt. Sie soll sich an gemeinsamen Zielen und Grundvoraussetzungen ausrichten. Dies kann zu erheblichen Effizienzsteigerungen führen.

Viele Gründe sprechen für die Notwendigkeit des Konzeptes, insbesondere im Zusammenspiel aller vier Bausteine: Die Investitionen in die Schienen- und Knoteninfrastruktur würden besser genutzt und damit in Wert gesetzt, es werden mehr Möglichkeiten von Direktfahrten und optimierten Umsteigeverbindungen geschaffen. Alle Ebenen des öffentlichen Verkehrs, bis hin zu künftigen alternativen Angeboten wie Car-Sharing oder E-Bikes, können integriert und koordiniert werden. Ein einheitliches Tarifsystem erleichtert die Nutzung des öffentlichen Verkehrs. An vielen Stellen können zudem Kosten durch Effizienzsteigerung und Vermeidung von Redundanzen eingespart werden.  

Begleitung durch den DV im Rahmen des Projektes RAILHUC

Der Deutsche Verband hat die Metropolregion vor allem im Bereich Kommunikation, Beteiligung und Umsetzung sowie bei der Koordinierung mit dem Förderprojekt begleitet. Besonders bei der Konzepterstellung unterstützte er die federführende Projektgruppe bei der frühzeitigen Kommunikation innerhalb der Region. Seit 2014 forciert er insbesondere die Einbindung weiterer Akteure, die für die weitere Umsetzung wichtig sind. 

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