Die Überalterung gemeinsam meistern!

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Ingrid Matthäus-Maier

von Ingrid Matthäus-Maier

Der demografische Wandel stellt nicht nur unser Zusammenleben, sondern auch die deutsche Wohnungswirtschaft vor tiefgreifende Herausforderungen. Die meisten Menschen möchten so lange wie möglich zu Hause wohnen bleiben. Damit dies trotz körperlicher Einschränkungen und Pflegebedarf möglich ist, brauchen wir viel mehr altersgerechte Wohnungen. Mehr noch: Es müssen auch Hilfen im Haushalt, Betreuung, medizinische und Nahversorgung sowie Gemeinschaftsaktivitäten im Quartier angeboten werden. Denn es wird tendenziell weniger Angehörige geben, die sich kümmern. Diese Aufgaben können Wohnungs- und Sozialwirtschaft, ehrenamtliche Organisationen und Kommunen nur gemeinsam bewältigen. Wie aber lässt sich eine solche Zusammenarbeit gewinnbringend für alle gestalten?

Mehr altersgerechte Wohnungen notwendig

Insgesamt stehen den 2,75 Millionen Haushalten, in denen Personen mit erheblichen Bewegungseinschränkungen leben, derzeit nur etwa 700.000 altersgerechte Wohnungen gegenüber. Diese Lücke wird ohne einen deutlichen Ausbau des altersgerechten Wohnungsbestandes und entsprechender zusätzlicher Anreize bis zum Jahr 2030 auf 2,25 Millionen fehlende altersgerechte Wohnungen anwachsen. Denn dann wird die Bedarfsgruppe der älteren Haushalte auf 3,6 Millionen steigen. Richtig ist deshalb die Wiedereinführung des Bundeszuschusses zum KfW-Programm „Altersgerecht Umbauen“, auch wenn die bis 2018 geplanten 54 Millionen Euro für die Zuschussförderung an Einzeleigentümer und Mieter nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Auch die geplante Anhebung des Zuschusses für Umbaumaßnahmen aus der Pflegeversicherung auf 4.000 Euro mit dem Pflegereformgesetz ab 2015 ist ein längst fälliger Schritt. Dass sich diese Investitionen für den Staat langfristig auszahlen, zeigt eine Studie des Bundesumwelt- und -bauministeriums: Könnten wir alle Pflegebedürftigen ambulant in altersgerechten Wohnungen versorgen, würden Pflegeversicherung und Sozialhilfeträger um drei Milliarden Euro entlastet werden - und das jedes Jahr. Die Haushalte selbst würden 2,2 Milliarden sparen.

Angebote vor Ort

Allein in Gebäude zu investieren reicht aber nicht aus. Es müssen auch Angebote für ältere Menschen „gleich um die Ecke“ im Quartier gebündelt werden, dem Ort, mit dem sie sich identifizieren, wo sie zu Hause sind. Dies gelingt beispielsweise durch Quartierskonzepte: So können alle Beteiligten vor Ort gemeinsam überlegen, welche Angebote für Senioren es tatsächlich gibt und was noch fehlt. Dabei ist vor allem die Kommune als neutraler Moderator gefragt. Auch Unterstützung im Haushalt, Beratung oder Betreuung im direkten Umfeld sowie häusliche Pflege müssen künftig stärker bei Wohnkonzepten berücksichtigt werden, wozu die Zusammenarbeit mit der Sozialwirtschaft notwendig ist. Für viele Ältere steht jedoch nicht nur Pflege, sondern vor allem die Angst vor der Vereinsamung im Vordergrund. Hierfür sind Vereine, Quartiersmanagement und die Bereitstellung von Gemeinschaftsräumen wichtig.

Alle Akteure profitieren von Zusammenarbeit - Handlungsempfehlungen

Von einer solchen Zusammenarbeit profitieren alle: Kommunen, indem sie mit den anderen Akteuren Konzepte entwickeln und die Akzeptanz für lokale Maßnahmen im Viertel erhöhen. Wohnungsunternehmen erreichen durch entsprechende Angebote Mieterstabilität, Kundenzufriedenheit und ein positives Image. Die Mieter profitieren von den Maßnahmen in ihrem Umfeld, da sie dort wohnen bleiben können und nicht in stationäre Einrichtungen umziehen müssen. Die Akteure der Sozialwirtschaft schließlich können weitere Kundengruppen erschließen und ihre Angebote durch die Einbindung von Ehrenamtlichen ausdehnen. In einer Expertengruppe hat der Deutsche Verband im Rahmen des EU-Projektes "HELPS" Handlungsempfehlungen für die erfolgreiche Kooperation im altersgerechtes Quartier erarbeitet: Im Mittelpunkt stehen Konzepte, der Mehrwert der Zusammenarbeit für die einzelnen Akteursgruppen und deren Aufgaben sowie Finanzierungsmöglichkeiten.

Das Bundesprogramm „Anlaufstellen für ältere Menschen“

Zudem ist der Deutsche Verband die Geschäftsstelle des vom Bundesfamilienministerium aufgelegten Programms „Anlaufstellen für ältere Menschen“, bei der Wohnungswirtschaft, Träger und Kommunen dabei unterstützt werden, Informations- und Beratungsangebote für ältere Menschen auszubauen. Insgesamt sind deutschlandweit mehr als 300 Projekte zur Förderung ausgewählt worden. Nach dem zweistufigen Bewerbungsverfahren sind inzwischen über 200 Projekte gestartet.

Viele Projekte arbeiten – auch auf Initiative von und in Zusammenarbeit mit Wohnungsunternehmen – am Ausbau ihrer Netzwerke und Aktivitäten vor Ort. Vorhandene Angebote für ältere Menschen werden ermittelt und koordiniert oder weiter entwickelt: in eigens eingerichteten Sprechstunden, durch persönliche Beratung bei den Menschen zu Hause, mittels Informationsbroschüren und -plattformen, nachbarschaftliche Initiativen oder in Veranstaltungsreihen rund um Fragen des Alters. Darüber hinaus erweitern Mehrgenerationenhäuser oder Nachbarschaftstreffs gezielt ihr Angebot für ältere Menschen zu den Themen Gesundheit, Bewegungsförderung und Gedächtnistraining.

Ort der Begegnung schaffen

Das Programm hilft, Einrichtungen barrierefrei zugänglich zu machen oder dort mehr Bewegungsräume zu schaffen. Als Träger von Mehrgenerationenhäusern oder durch die Bereitstellung von Gemeinschaftsräumen ermöglicht die  Wohnungswirtschaft den älteren Menschen Begegnungen und soziale Kontakte vor Ort. Zudem werden Investitionen in entsprechendes Mobiliar, technische Geräte, Fahrzeuge oder Umbaumaßnahmen unterstützt. Andere Ansätze sind das Errichten von Mehrgenerationenparks oder die Umnutzung von Liegenschaften zu generationenübergreifenden Treffpunkten.

Zielgruppe im Fokus

Bei körperlicher oder geistiger Einschränkung sind Pflege- und Betreuung in der Nähe notwendig. Auch hier sind Wohnungsunternehmen im Programm aktiv. Sie stellen z. B. ambulanten Betreuungsgruppen für Demenzkranke passende Räumlichkeiten bereit, bieten Helferkreise zum Informations- und Erfahrungsaustausch an oder helfen bei der Auswahl, Organisation und Finanzierung von Dienstleistungen. Es gibt auch viele Projekte, bei denen ältere Migranten im Fokus stehen. Hier gilt es, die richtigen Wege und Formen der Ansprache zu finden, auf die Interessen älterer Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen einzugehen und Einrichtungen oder Netzwerke interkulturell zu öffnen.

Ehrenamt unterstützt Selbstständigkeit

Im Programm geht es aber nicht allein darum, Hilfestrukturen auszubauen, sondern auch selbst aktiv zu sein. So finden sich zahlreiche Beispiele, bei denen Wohnungsunternehmen Freiwillige gewinnen und unterstützen, um auf diese Weise die Stabilisierung im Quartier zu sichern. Zahlreiche Projekte entstehen überhaupt erst durch ehrenamtliches Engagement. Vielerorts bringen vor allem ältere Menschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen ein, um anderen ein Mehr an sozialer und gesellschaftlicher Teilhabe zu ermöglichen. Sie vermitteln Information und Bildung, bauen Brücken zwischen den Generationen, zu Kultur, Gesundheit und Sport oder bieten Gruppen zur Selbsthilfe an. Die thematische Bandbreite ist groß: Bürgerlotsen, Formularambulanzen, Computerkurse, Wohnberatung, Ehrenamtsbörsen, Begleit- und Fahrdienste, Nachbarschaftshilfen etc. Schließlich ist alt nicht gleich alt und Engagement kennt keine (Alters)Grenzen. Allerdings braucht es Anleitung, Qualifizierung und Anerkennung, um die Möglichkeiten von Engagierten und den  Bedarf an deren Mitarbeit auszuloten.

Die aufgezeigten kooperativen Ansätze zum selbstbestimmten Leben im Alter sind vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie Potenziale und Ressourcen im Quartier bündeln. Dies sollte auch für die Finanzierung gelten. Nicht die Forderung nach mehr Geld steht im Vordergrund, sondern vielmehr die Einladung an alle Beteiligten, sich aktiv in den Quartiersentwicklungsprozess einzubringen. Dennoch zeigen die zahlreichen Beispiele auf, dass ein großer finanzieller Engpassfaktor bei der tragfähigen Finanzierung der notwendigen Strukturen besteht, die sich um die Bündelung von Angeboten und Ressourcen kümmern.

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