Familie

Sorgende Gemeinschaften ermöglichen selbstbestimmtes Wohnen im Alter

von Ministerialdirektor Dieter Hackler, Leiter der Abteilung "Ältere Menschen, Wohlfahrtspflege, Engagementpolitik" im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend  

Nach der 12. koordinierten Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamtes werden bis zum Jahr 2040 knapp ein Drittel der Deutschen 65 Jahre oder älter sein. Viele von ihnen sind auch mit zunehmendem Alter länger aktiv und mobil. Gleichzeitig wächst mit der erfreulich steigenden Lebenserwartung auch der Bedarf an Hilfe und Betreuung. Damit die Menschen bis ins hohe Alter, oder auch bei eingeschränkter Mobilität, trotz Krankheit, Behinderung oder Pflegebedürftigkeit so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung leben können, sind neben einem barrierereduzierten, technikunterstützten Wohn- und Lebensumfeld sowie professioneller Gesundheits- und Pflegedienste vor allem gute Nachbarschaft und sozialer Zusammenhalt entscheidend.

Leitbild "Sorgende Gemeinschaften"

In einer Gesellschaft, in der Familie und Freunde oft nicht mehr in der Nähe wohnen, braucht es vielfältige Unterstützungs- und Netzwerkstrukturen im direkten Umfeld von Senioren. Unter dem Leitbild der "Sorgenden Gemeinschaften" zusammengefasst, beschreiben sie Menschen, die sich umeinander kümmern, weil sie sich kennen. Dabei geht es in erster Linie um Hilfe bei der Organisation des Alltags. Zum Beispiel Nachbarn, die Besorgungen und Besuche erledigen oder im Haushalt und bei der Gartenarbeit helfen. "Sorgende Gemeinschaften" brauchen aber auch verlässliche Strukturen und professionelle Partner. Das können Treffpunkte sein oder Einrichtungen und Träger, die Hilfe und Unterstützung organisieren. Vielerorts traditionell und durch bürgerschaftliches Engagement bereits fest verankert, fehlen andernorts bedarfsgerechte Angebote und Strukturen.

Programm "Anlaufstellen für ältere Menschen"

Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gemeinsam mit dem Deutschen Verband aufgelegte Programm "Anlaufstellen für ältere Menschen" setzt genau hier an. Ziel ist es, Wohnungswirtschaft, soziale Träger und Kommunen dabei zu unterstützen, bestehende Strukturen, Informations- und Beratungsangebote für ältere Menschen sinnvoll zu ergänzen und diese weiterzuentwickeln. Nach dem Durchlaufen des Bewerbungsverfahrens starten nun die ersten der insgesamt mehr als 300 ausgewählten  Projekte, die vom Deutschen Verband als Geschäftsstelle des Programms begleitet und betreut werden. Altersgerechte Anpassungsmaßnahmen, Projekte zur Qualifizierung von Ehrenamtlichen, Netzwerkbildung sowie konkrete Begegnungs- und Unterstützungsangebote sind dabei Schwerpunkte.

So entstehen im Quartier integrierte Anlaufstellen, die niedrigschwellig gestaltet sind und Hilfe rund um das Wohnen und Leben im Alter geben. Gemeinsame Aktivitäten in der Nachbarschaft werden organisiert, Mobilität, Teilhabe und freiwilliges Engagement gefördert. Dort, wo solche Strukturen fehlen, fördert das Programm die Entwicklung fachübergreifender Handlungskonzepte. Hierfür wurden in Frankfurt a.M. und Berlin im September 2013 zwei Workshops durchgeführt, zu denen alle geförderten Konzeptentwickler eingeladen waren. Die jeweils etwa 50 Teilnehmer wurden über Anforderungen und Ansätze im Programm informiert und stellten beispielhaft die Herangehensweisen für ihre zu entwickelnden Konzepte vor.

Beispiel für ein Konzeptprojekt: "Mit Lebensqualität älter werden in Meckenheim" in Meckenheim

Aufbauend auf dem Demografiezwischenbericht der Stadt Meckenheim vom November 2012 soll nun ein Entwicklungskonzept gemeinsam von Bürgerinnen und Bürgern, trägerübergreifenden Verantwortungsgemeinschaften sowie der Meckenheimer Wirtschaft erarbeitet werden. Die Stadt selbst unterstützt moderierend. Unter dem Einsatz neuer Beteiligungsformen, wie Zukunftswerkstätten, Bürgerforen und Mitmachtagen, werden bestehende Angebote bedarfsgerecht weiter entwickelt. Verschiedene Akteure und Aktivitäten werden besser untereinander vernetzt. Ein "Kummerkasten" hilft, Zwischenergebnisse zu reflektieren und das Konzept ggf. neu zu justieren. Es ist zudem beabsichtigt, Sponsoren und Investoren für eine nachhaltige Umsetzung des Konzeptes einzuwerben.

Beispiel für ein nicht bauliches Umsetzungsprojekt: "Quartier Ladies. Wir sind Nachbarschaft" in Porta Westfalica

In einem Begegnungszentrum im Ortsteil Lerbeck/Neesen entsteht eine Anlaufstelle für ältere Menschen. Unter Nutzung des bestehenden, von der AWO betriebenen Begegnungszentrums entwickeln sog. "Quartier Ladies" in Zusammenarbeit mit Haupt-, Neben und Ehrenamtlichen bedarfsgerechte Angebote zur Unterstützung, Versorgung und Betreuung älterer Menschen im Quartier. Um Bedarfe und Angebotslücken aufzudecken, wird der Stadtteil einer Sozialraumanalyse unterzogen. Eine Qualifizierungsoffensive schult den Umgang mit Älteren und Demenzerkrankten. Im Hilfemix wird sowohl durch aufsuchende Beratung als auch vor Ort in der Anlaufstelle der Austausch zwischen den Generationen vorangetrieben. Die Aktivierung der "jungen Alten" im Quartier soll helfen, nachbarschaftliche Strukturen und gemeinwesenorientierte Arbeit wieder aufleben zu lassen. Die geplante Einbindung der lokalen Wirtschaft als  Netzwerkpartner sichert zudem nachhaltige Strukturen.

Stichwort "Komfort" statt "altengerecht"

Neben Programmen zum Ausbau von Unterstützungs- und Netzwerkstrukturen für ältere Menschen braucht es auch adäquaten Wohnraum. Hierfür gilt es, die Bedürfnisse und Selbstbilder der Menschen sensibler einzubeziehen - vor allem, wenn es darum geht, die Wohnungsbestände zielgerichtet und bedarfsorientiert anzupassen. Gerade junggebliebene Senioren betrachten die als "altengerecht" deklarierten Angebote oft mit Skepsis; fühlen sie sich doch zu Unrecht einer bestimmten Zielgruppe zugeordnet. Eine höhere Akzeptanz haben solche Vorhaben, die generell mehr Komfort versprechen - und zwar ganz ohne Suggestion von "Alter" oder "Pflegebedürftigkeit" im Sinne eines "design for all". So könnten barrierearme Wohnungen ohne Schwellen, mit breiteren Türrahmen oder bodengleichen Duschen künftig Standard im Wohnungsneubau und bei Modernisierungen werden. Dieser neue Komfort wird von allen Generationen geschätzt und ist damit altersgerecht im besten Sinne. Bei Bedarf ist durch geringfügige, leicht umsetzbare Änderungen, wie das Anbringen von zusätzlichen Griffen, eine Anpassung an die Bedürfnisse älterer Menschen schnell und praktikabel umsetzbar. Zudem ließen sich auch die Voraussetzungen für ein technikunterstützes Wohnen frühzeitig integrieren, um die Dienste im Bedarfsfall einfach zu nutzen.

Wohnen im Alter als Querschnittsaufgabe

Fakt ist, Lebensqualität und Zusammenhalt können nur vor Ort gemeinsam gestaltet werden. Integrierte Wohn- und Quartierskonzepte bieten hierfür beste Voraussetzungen. Sie verbinden das Wohnen mit Aspekten altersgerechter Mobilität, Nahversorgung, adäquaten Pflege- und Betreuungsangeboten sowie Gemeinschaftseinrichtungen. Für ein gutes Zusammenwirken vor Ort übernimmt die Kommune eine wichtige, koordinierende Rolle. Unterstützt wird sie dabei von Akteuren der Wohnungs- und Sozialwirtschaft, Wohlfahrtsorganisationen und anderen Trägern. Entscheidend ist aber auch, das enorme Potenzial derjenigen vor Ort zu nutzen, die sich in vielfältiger Weise ehrenamtlich einbringen können und wollen. Sie sind bei der Weiterentwicklung bedarfsgerechter Angebote vor Ort unverzichtbar.  In einem gut  organisierten  Hilfemix, der auf die Mitwirkung zahlreicher Akteure setzt,  können nicht nur  Ressourcen gebündelt, sondern auch  das Engagement vielfältiger privater und öffentlicher Akteure - insbesondere auch unter Mitwirkung der älteren Generation selbst - gestärkt werden. Wohnen im Alter in all seinen Facetten ist also eine Querschnittsaufgabe, die das unermüdliche Engagement aller Beteiligten erfordert.

Weitere Informationen

  • Geförderte Projekte: 328; davon 61 Konzepte, 97 Bau- und Investitionsvorhaben, 170 nicht bauliche Umsetzungsprojekte
  • Fördervolumen: 7 Millionen mit einer Projektförderung von maximal 10.000 EUR - 30.000 EUR
  • Programmlaufzeit: 2013-2017
  • Gefördert durch: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
  • weitere Informationen zum Programm
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