Sanierter Häuserblock in Brandenburg

Energetische Stadtsanierung - Blick auf's ganze Quartier

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Prof. Elke Pahl-Weber

von Prof. Dipl.-Ing. Elke Pahl-Weber, Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin und Vorsitzende der Arbeitsgruppe Städtebau/Raumordnung des Deutschen Verbandes

Gebäude haben einen beachtenswerten Anteil am Energieverbrauch und können damit einen wesentlichen Beitrag zu den Energie- und Klimaschutzziele leisten. 40 Prozent des Energieverbrauchs wird dem Gebäudesektor zugerechnet, davon rund 80 Prozent für Wärme. Dabei sollte aber der Fokus nicht allein das den einzelnen Gebäuden mit ihren individuellen baulich-technischen Merkmalen liegen, vielmehr sind Konzepte für das Quartier der zentrale strategische Hebel. Denn auch Siedlungsstrukturen, Städtebau und die örtlichen Möglichkeiten zur Gewinnung regenerativer Energien sind ausschlaggebend für die Verringerung des Energieverbrauchs und die Schaffung einer CO2-armen Energieversorgung.

Für eine wirtschaftlich, sozial, baukulturell und klimapolitisch nachhaltige energetische Erneuerung unserer Gebäude- und Siedlungsstrukturen bilden integrierte Stadtentwicklungskonzepte wichtige planerische Grundlagen. Sie verbinden Stadtentwicklungs- und städtebauliche Planungen, Infrastrukturentwicklung mit Klimaschutz- bzw. Energiekonzepte. Wichtige Grundvoraussetzung für eine wirtschaftlich, sozial und baukulturell verträgliche energetische Stadterneuerung bildet eine integrierte Planung von Infrastrukturen, Städtebau und Stadtentwicklung. Energie- und Klimaschutzkonzepte müssen mit bewährten integrierten Stadtentwicklungskonzepten verknüpft werden.

Eine entscheidende Handlungsebene für die energetische Bestandserneuerung ist das Quartier - jeweils im Zusammenspiel zwischen dezentralen Versorgungsstrukturen und großräumigen Energieversorgungsnetzen. Hier lassen sich verschiedene Modernisierungsinvestitionen für die verschiedenen Gebäude und vor allem Gebäudegruppen anstoßen und bündeln. Insbesondere kann eine zeitlich, technologisch, wirtschaftlich und sozial abgestimmte Aktivierung von Investitionen zur Erneuerung der Gebäudehüllen und Heizungsanlagen, zur Anpassung von Versorgungsstrukturen unter Nutzung regenerativer Energien und zur nachbarschaftlichen Ressourcennutzung (z.B. Abwärme) sowie zur Beeinflussung von Verbraucherverhalten erfolgen. Dabei können auch neue Geschäftsmodelle zum Tragen kommen, Ziel könnte dabei die Bildung von "Engergy Improvement Districts" sein, in denen in einem guten Zusammenspiel aus privater Initiative, öffentlicher Planungskompetenz und Akteurs-basierter Information, Kommunikation und Aktion zukunftsweisende Bestandsentwicklungen durchgeführt werden.

Herausforderungen energetischer Stadtsanierung - Unterschiedliche Ziele und Akteure in Einklang bringen

Die besondere Herausforderung besteht im Umgang mit der komplexen Konstellation an Gebäude- und Infrastrukturen, Eigentümern, Mietern, Energieversorgern und weiteren öffentlichen und privaten Akteuren. Diese müssen für umfassende, aufeinander abgestimmte energetische Maßnahmen gewonnen werden. Lösungen sind gefragt, die hohe Energieeffizienz und CO2-Einsparung erreichen, wirtschaftlich tragfähig und sozialverträglich sind und baukulturelle Qualitäten berücksichtigen - Zielsetzungen die nicht immer im Einklang miteinander stehen.

Dabei bestehen neben (bau)technischen Grenzen vielfältige weitere Hemmnisse: planerische und organisatorische, wirtschaftliche, bestandsbezogene und nutzerbezogene Schwierigkeiten, Probleme im Eigentümer-Mieter-Verhältnis sowie von Eigentümergemeinschaften, Informationsdefizite sowie psychologische und Kommunikations-Barrieren. Für neue Strategien dezentraler Energieerzeugung und -versorgung sind Betreiber- und Geschäftsmodelle noch im Entwicklungsstadium. Rechtliche, finanzielle Fragen sind zu klären und Modelle für die Umsetzung zu finden. Hier könnte auch ein Ansatzpunkt für Kommunen liegen, zunächst einmal ein eigenes Betreibermodell zu entwickeln und zu klären, in welchen Bereichen Privatisierung und öffentliche Betreiber gesehen werden, wie dezentrale und zentrale Systeme miteinander verknüpft werden sollen.

Einsparpotenzial einzelner Quartiere ermitteln

Ausgangspunkt bildet eine sorgfältige Bestands- und Potenzialanalyse des Quartiers, das bewusst als Einzelfall zu betrachten ist, da die Gebäude je nach Typ und Nutzungsart (Wohnen, Gewerbe, öffentliche Einrichtung etc.) unterschiedliche energetische Qualitäten, Instandhaltungszyklen, Wirtschaftlichkeits- und Finanzierungspotenziale besitzen. Um Einsparpotenziale energetischer Maßnahmen abschätzen zu können, sind ausreichende Informationen zu energetischen Gebäudezuständen sowie zur Effizienz der Wärmeversorgung erforderlich, die jedoch nicht immer leicht zu erheben sind. Jedoch haben selbst Eigentümer bzw. Nutzer häufig keine gesicherte Datenbasis oder wollen diese nicht immer herausgeben. Datenschutz kann die Erfassung und Nutzung der Daten erschweren.

Eine aufwendige und schwierige Aufgabe ist es, die verschiedenen Gebäudeeigentümer und Bewohner in die Quartiersprozesse einzubinden. Eine frühzeitige Einbindung ist wichtig, um das Spezialwissen vor Ort zu nutzen und Investitions- bzw. Mitwirkungsbereitschaft bei den Akteuren zu erreichen. Insbesondere für gemischte Eigentümerstrukturen mit hohem Anteil an privaten Einzeleigentümern kommt dem Sanierungsmanager die Aufgabe zu, Informationen und Wissen zu energetischen Maßnahmen und deren Vorteilen sowie über bestehende Finanzierungs- und Förderangebote zu vermitteln. Finanzielle oder materielle Anreize (z.B. kostenlose Energieberatung, zinsgünstige Darlehen, Zuschüsse oder steuerliche Vergünstigungen) spielen eine große Rolle. Ebenso kann die Bildung von Eigentümerstandortgemeinschaften oder der Anschluss an Nah- oder Fernwärmenetze helfen, Einzeleigentümer einzubinden.

Eine weitere höchst komplexe Aufgabe ist die Verbindung der vielfältigen energetischen Modernisierungsinvestitionen im Gebäudebestand mit effizienten Wärmeversorgungssystemen. So ist eine zentrale Wärmeversorgung für Quartiere wenig geeignet, in denen der Gebäudebestand bereits energetisch hocheffizient ist bzw. viele Einzelgebäude oder Blöcke dezentral mit Wärme aus erneuerbaren Energien versorgt werden. Das gleiche gilt für Quartiere mit geringer oder zurückgehender Dichte im Zuge des demographischen Wandels. Denn Leitungsverluste und verringerte Wärmeabnahme beeinträchtigen die Wirtschaftlichkeit der Wärmenetze. Der Einsatz erneuerbarer Energien benötigt darüber hinaus eine innovative Steuerung (z.B. Speichermöglichkeiten im Quartier), damit die Überproduktion regenerativer Energien in Zeiten, wenn die Energie nicht gebraucht wird, nicht verpufft. Schließlich müssen für eine Effizienzsteigerung der Wärmeversorgungssysteme auch die Austauschzyklen der Heizungsanlagen berücksichtigt werden, die für verschiedene Gebäude meist zeitlich asynchron sind.

Eine entscheidende Frage für die energetische Stadtsanierung ist demnach: Wann ist der richtige Startzeitpunkt und mit welchen Quartiere soll gestartet werden? Denn in manchen Quartieren fanden vor nicht allzu langer Zeit umfassende Sanierungen statt. Und wie ist das Zukunftspotenzial komplett unsanierter Quartiere in Regionen mit Bevölkerungsrückgang?

Stadtplanung und Sanierungsmanagement als zentrale Koordinatoren

Aufgrund der Interessenvielfalt der relevanten Akteure im Quartier kommt der Kommune eine zentrale Funktion bei der Initiierung, Steuerung und Koordination energetischer Stadtsanierung zu. Im Sinne integrierter Ansätze sollte innerhalb der kommunalen Verwaltungen insbesondere die Stadtentwicklung bzw. Stadtplanung eine zentrale Rolle spielen. Initiatoren können aber auch Grundeigentümer, Mieter, Wohnungsunternehmen sein; wichtig ist eine kompetente zentrale Koordinationsstelle. Dabei ist eine fachlich Unterstützung durch ein Sanierungsmanagement  wichtig, das der Komplexität der Aufgabe gerecht wird. Erforderlich sind planerisch-städtebauliche Kenntnisse und Erfahrungen, energie- und ingenieurtechnische Know-how sowie Kompetenzen in der Prozesssteuerung, in der Beratung und im Management von Fördermitteln sowie in der Organisation von Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerbeteiligungen.

Bund fördert integrierte energetische Quartierskonzepte

Das KfW-Programm "Energetische Stadtsanierung" bietet Kommunen seit Ende 2011 eine wertvolle Unterstützung für die Anwendung integrierter energetischer Quartierskonzepte. Neben der Erstellung der Konzepte wird bis zu drei Jahre lang ein Sanierungsmanager gefördert, der für die Umsetzung der Konzepte eine wichtige Koordinierungs- und Aktivierungsfunktion hat. Das hohe Antragsvolumen und die zahlreichen genehmigten Programmgebiete belegen das große Interesse bei Kommunen sowie den hohen Bedarf an Unterstützung. Bis Mitte 2013 wurden 225 Mittelzusagen mit einem Fördervolumen von ca. 10 Mio. Euro erteilt. Die Programmumsetzung zeigt, dass...

... eine breite Akteursstruktur erreicht wird (u.a. Eigentümer, Wohnungsunternehmen, Bewohner, Energieversorger, Architekten, Ingenieure, Gewerbetreibende),

... unterschiedliche Quartierstypen gefördert werden (ländliche Gebiete und Großstädte; strukturschwache und wachsende Regionen; Altstadtquartiere und Großwohnsiedlungen),

... eine große Bandbreite an städtebaulichen, funktionalen, sozialen und baukulturellen Ausgangssituationen innerhalb des Programms erfasst werden können.

Deutscher Verband legt Positionspapier zu KfW-Programm vor

Die AG Städtebau/Raumordnung des Deutschen Verbandes hat sich auf der gemeinsamen Sitzung mit der Bundesvereinigung der Landes- und Stadtentwicklungsgesellschaften am 24. April 2013 mit der bisherigen Umsetzung des KfW-Programms befasst und Empfehlungen gegeben

  • zur weiteren Verbesserung der Wirksamkeit des KfW-Programms,
  • zur Verknüpfung mit weiteren Förderinstrumenten von Bund und Ländern,
  • zur Nutzung der künftigen Möglichkeiten der Europäischen Strukturfonds,
  • zur Verstetigung der Förderung.

Die Stellungnahme finden Sie im auf unserer Homepage.

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