Von Michael Groschek, Staatsminister a. D., Präsident des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V.

Der Bund hat die Unterstützung für energetische Sanierung, Beratung und Strukturen zuletzt stark ausgebaut. Als Reaktion darauf gab es eine große Nachfrage, vor allem für gebäude- und maßnahmenbezogene Zuschüsse der KfW. Die Förderanreize für die Quartiersbetrachtung wurden zum April 2021 ebenfalls verbessert, indem unter anderem der Zuschuss zur KfW-Programm „Energetische Stadtsanierung“ noch einmal um zehn Prozent auf 75 Prozent erhöht wurde. Damit verringert sich der kommunale Eigenanteil entsprechend - viele Bundesländer geben ihrerseits noch weitere Landesförderung dazu, so dass die Kommunen nun mehr minimale Eigenmittel aufbringen müssen. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir noch weit davon entfernt sind, das Quartier zum Nukleus unserer energetischen Sanierungsbemühungen zu machen und die Förderinstrumente entsprechend auszurichten. Die damit verbundenen Potentiale dürfen nicht verschenkt werden!

Große Synergieeffekte im Quartier

Das Quartier bietet bei der energetischen Sanierung große Synergie- und Effizienzpotentiale: Die Dekarbonisierung der Energieversorgung sowie Maßnahmen an der Gebäudehülle können zusammengedacht und gebäudeübergreifend aufeinander abgestimmt werden. Technisch ergeben sich neue, effizientere Kombinationspotentiale, wenn mehrere Gebäude in den Blick genommen werden. Ökonomisch können mit der Quartiersperspektive Skaleneffekte genutzt und kritische Investitionsmassen erreicht werden. Und auch organisatorisch kann auf der Quartiersebene der Interessenausgleich gefördert werden: Es gelingt leichter, Eigentümer:innen von einer Sanierung zu überzeugen, so dass im besten Fall eine sich selbst verstärkende Bewegung entsteht.

Die Zeit drängt: Synergie- und Effizienzpotentiale nicht verschenken

Unsere selbstgesteckten Klimaziele im Gebäudebereich sind ambitioniert. Erst kürzlich hat Brüssel mit eigenen Zielwerten bis 2030 das Tempo nochmals angezogen. Wollen wir die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit schließen, muss von den Potentialen des Quartiersansatzes Gebrauch gemacht werden. Damit sie nicht länger brachliegen, ist ein integriertes und gemeinschaftliches Denken und Handeln bei den Entscheidungsträger:innen vor Ort nötig. Das setzt einen Mehraufwand an Kommunikation, Planung, Koordination und Interessenausgleich voraus. Hier benötigen die Kommunen und andere Akteure Förderung, wenn das Quartier als Handlungsebene stärker etabliert werden soll.

Kleinteilige Beratung stärker fördern

Umfassende energetische Sanierungen sind vor allem für Laien ein sehr komplexes Unterfangen. Nicht nur unsere Forschungsarbeit zu diesem Thema zeigt, dass gerade in Vierteln mit heterogenen Eigentümern eine sehr niedrigschwellige Mobilisierung, Beratung und Begleitung der Eigentümer:innen notwendig ist, um Sanierungsraten zu steigern. Dies kann sowohl durch eine stärker aufsuchende Beratung mit einer Direktansprache als auch durch feste Ansprechpartner:innen im Quartier geschehen. Diese müssen über einen längeren Zeitraum kontinuierlich arbeiten, da erst über einen längeren Zeithorizont hinweg viele Eigentümer erreicht und für die Umsetzung von Maßnahmen gewonnen werden können. Das Sanierungsmanagement im Rahmen des KfW-Programms „Energetische Stadtsanierung" (KfW 432) kann allerdings mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und in den Zeiträumen all diese Mobilisierungsaufgaben schwer leisten. Auch hier sind die verbesserten Konditionen seit April ein erster Schritt. Permanente Ansprechpartner:innen lassen sich aber finanziell kaum stemmen – es sei denn, energetische Quartierskonzepte überlagern sich mit Städtebauförderkulissen: Denn mit einem Quartiersmanagement wäre der vielzitierte „Kümmerer“ bereits vor Ort. Damit mehr KfW-Quartierskonzepte mit einem Sanierungsmanagement in die Umsetzung gehen, wäre eine noch bessere Ausstattung für kleinteilige und quartiersspezifische Mobilisierung notwendig.

Energetische Quartierskonzepte stärker in die Fläche bringen

Nach einer erneuten Verbesserung der Förderkonditionen unterstützt das Bundesprogramm „Energetische Stadtsanierung“ bereits die kommunale Planung und Koordinierung energetischer Sanierung im Quartier. Das Programm ist eine Erfolgsgeschichte, die es unbedingt fortzuschreiben und auszubauen gilt. Möchten die Kommunen die so erstellten Konzepte umsetzen, müssen sie diese bislang aber noch mit separat geförderten Einzelmaßnahmen untersetzen, was die Synergieeffekte im Quartier untergräbt. Grund dafür sind begrenzte Förderlaufzeiten und mangelnde investive Quartiersförderung. Auch wird die Mobilisierung von Eigentümer:innen vor Ort dadurch aufwendig und komplex.

Gebündelte Investitionen im Quartier fördern

Gezielte und gebündelte Investitionsförderung ist dagegen rar. Dadurch erfolgt keine Synchronisierung von Sanierungszyklen verschiedener Gebäude, wodurch eine Quartierssanierung als „konzertierte Gemeinschaftsaktion“ unwahrscheinlich wird. Versorgungsseitig und bei per se quartiersbezogenen Infrastrukturen wie Wärmenetzen wurde hier deutlich nachgebessert und Konzept- und Umsetzungsphase stärker verknüpft (Verdopplung der Tilgungszuschüsse von KfW-Krediten 201/202 auf 40 Prozent, wenn ein KfW 432-Konzept zugrunde liegt). Für gebäudebezogene Maßnahmen ist eine solche speziell quartiersbezogen Investivförderung nicht möglich. Es sei denn, es gelten steuerliche Förderungen für Maßnahmen in einem Quartier in der Städtebauförderkulisse oder es geht um sogenannte Gebäudenetze nach der Bundesförderung für effiziente Gebäude, die jedoch zumeist größere Eigentümer und Wohnungsunternehmen ansprechen. Hier besteht ein Hebel darin, gezielt Einzelinvestitionsbündelung im Quartier zu fördern – beispielsweise auf Basis energetischer Quartierskonzepte. Dies könnte die gegenseitige Mobilisierung im Quartier stärken oder auch für Sanierungsdienstleister Anreize setzen, gleich Lösungen für das ganze Quartier anzubieten. Denkbar ist eine CO2-orientierte Förderung, die bei mehr Einsparungen ansteigt. Wichtig ist dabei, dass nicht einzelne „Unwillige“ den Sanierungsprozess bremsen können. Die Logik sollte zuerst wirkungsorientiert sein: Je mehr Maßnahmen und CO2-Einsparung im Quartierskontext mobilisiert werden, desto größer der Förderanreiz.