Fernwärme

Klimaneutraler Gebäudebestand: Europäischer Aktionsplan unterstützt Städte und Gemeinden bei der Umsetzung

von Christian Huttenloher, Generalsekretär, Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V.

29. April 2026. Wenn es um Klimaschutz geht, ist die sogenannte „Dekarbonisierung“ des Gebäudebestands eine der größten Transformationsaufgaben für Städte und Gemeinden in Europa. Dies bedeutet, dass der CO2-Ausstoß der Gebäude, der durch Heizen, Kühlen und die Stromversorgung entsteht, langfristig gesenkt werden soll – hauptsächlich durch die Nutzung erneuerbarer statt fossiler Energiequellen und durch eine bessere Dämmung. Europäische und nationale Richtlinien geben zwar vor, bis wann der Gebäudebestand „klimaneutral“ sein soll – umgesetzt werden die Klimaziele aber nicht auf dem Papier, sondern in den Städten und Gemeinden. Denn dort kommen Wärmeversorgung, Gebäudesanierung, Stadtentwicklung und soziale Fragen zusammen. Die Dekarbonisierung in ihrer Komplexität und Dringlichkeit stellt die Städte – gerade kleine und mittelgroße – allerdings vor große Herausforderungen, was die Planung, Finanzierung und Organisation angeht. Vor diesem Hintergrund erarbeitet die „Dekarbonisierungspartnerschaft“ (Building Decarbonisation) der Urbanen Agenda für die EU praxisnahe Lösungen für die kommunale Umsetzung der europäischen Gebäudepolitik und hat im April 2026 einen Aktionsplan mit konkreten Handlungsfeldern vorgelegt.

Hintergrund und Problematik

Aktuell sind etwa 75 Prozent der Gebäude energetisch ineffizient, die Sanierungsraten sind zu niedrig und die Abhängigkeit von fossilen Energien ist hoch. Gerade auf Stadt- und Quartiersebene gibt es zudem verschiedene Faktoren, die das Erreichen eines klimaneutralen Gebäudebestands erschweren. Dazu zählen

  • die fehlende Verzahnung von Wärmeplanung und Gebäudesanierung,
  • die komplexen und fragmentierten Finanzierung‑ und Förderstrukturen,
  • die begrenzten kommunalen Gelder und Personalressourcen sowie
  • die mangelnde Integration sozialer Aspekte wie Bezahlbarkeit und Energiearmut.

Die Dekarbonisierungs-Partnerschaft: integriert, gebietsbezogen, umsetzungsorientiert

Die „EUI‑Dekarbonisierungs-Partnerschaft“ wird im Rahmen der 2016 verabschiedeten Urbanen Agenda für die EU von der Europäischen Stadtinitiative „European Urban Initiative – EUI“ durchgeführt. Sie bringt – wie auch die anderen thematischen Partnerschaften der Urbanen Agenda – Städte, Regionen, Mitgliedstaaten, europäische Netzwerke und die EU‑Kommission zusammen. Geleitet wird sie von der belgischen Stadt Mechelen. Aus Deutschland sind die Stadt Bergisch Gladbach sowie der Deutsche Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. (DV) involviert.

Die insgesamt 26 Partner arbeiten gemeinsam an der Frage, wie die Dekarbonisierung des Gebäudebestands strategisch geplant, finanziert und organisiert werden kann – insbesondere auf Quartiers‑ und Stadtebene. Dies geschieht mit einem klaren Ansatz: integriert, gebietsbezogen und umsetzungsorientiert. Statt Einzelgebäudelösungen rückt die Partnerschaft integrierte Quartiersansätze in den Fokus, die Gebäude, Wärme‑ und Kälteinfrastrukturen, erneuerbare Energien, Finanzierung und Governance zusammendenken. Damit wird die Dekarbonisierung des Gebäudebestands als Teil der Wärmewende und der kommunalen Wärmeplanung verstanden – und nicht als isolierte technische Aufgabe.

Der Aktionsplan: Handlungsfelder und Arbeitsaufträge

Mit dem nun fertiggestellten Entwurf des Aktionsplans liegt ein zentrales Ergebnis der Partnerschaft vor. Er übersetzt eine zunächst erfolgte gemeinsame Analyse in konkrete Handlungsfelder und Arbeitsaufträge für die kommenden Jahre. Ziel ist es, die Lücke zwischen europäischen Vorgaben und kommunaler Praxis zu schließen und die Umsetzbarkeit deutlich zu verbessern.

Der Aktionsplan setzt dabei auf sechs eng miteinander verknüpfte Handlungsfelder:

  • Integrierte Planung von Gebäuden und Wärme: Ein Schwerpunkt liegt auf der besseren Abstimmung von europäischer Gebäudepolitik und kommunaler Praxis. Entwickelt werden Empfehlungen, wie lokale Wärme‑ und Kältepläne und nationale Gebäuderenovierungsstrategien inhaltlich, zeitlich und organisatorisch besser zusammengeführt werden können. Städte sollen damit in die Lage versetzt werden, kohärente, langfristige Dekarbonisierungsstrategien zu entwickeln.
  • Daten, Indikatoren und Monitoring: Ohne belastbare Daten ist strategische Planung nicht möglich. Der Aktionsplan sieht die Entwicklung eines praxisnahen Indikatorensets vor, das Kommunen für Wärmeplanung, Sanierungsstrategien und Monitoring nutzen können. Im Fokus stehen Vergleichbarkeit, Anwendbarkeit und die Einbindung sozialer Kriterien – als Grundlage für Steuerung und Erfolgskontrolle.
  • Von der Strategie zur Umsetzung: Ein zentrales Ergebnis soll eine Roadmap für integrierte Wärme‑ und Renovierungspläne sein. Sie zeigt Schritt für Schritt, wie Städte Planung, Priorisierung, Finanzierung und Umsetzung miteinander verbinden können – insbesondere auf Quartiersebene. Damit wird die Brücke von strategischen Konzepten zu Programmen und Projekten geschlagen.
  • Finanzierung integrierter Quartiersansätze: Die Partnerschaft erarbeitet eine Handreichung für die Bündelung von Förder- und Finanzierungsinstrumenten. Ziel ist es, Kommunen dabei zu unterstützen, aus Einzelmaßnahmen skalierbare Investitionsportfolios für Quartiere zu entwickeln – unter Nutzung von EU‑Mitteln, nationalen Programmen und privatem Kapital. Leitlinien sind Bezahlbarkeit und soziale Ausgewogenheit.
  • Kommunale Perspektive im EU‑Haushalt: Mit Blick auf den nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen der EU formuliert die Partnerschaft eine gemeinsame Position, wie kommunale Dekarbonisierungsaufgaben besser im EU‑Haushalt verankert werden können. Damit soll die Rolle der Städte in der europäischen Klima‑ und Förderpolitik gestärkt werden.
  • Governance und lokale Ökosysteme: Technik und Geld allein reichen nicht aus. Der Aktionsplan beschäftigt sich daher auch mit der Frage, wie lokale Akteure effektiv zusammenarbeiten können. Erarbeitet werden übertragbare Governance‑Modelle, die zeigen, wie Kommunen Verwaltung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wohnungsakteure in dauerhafte Umsetzungsstrukturen einbinden können.

Rolle des DV in der Partnerschaft: Fokus auf Quartiersansätzen

Der DV ist als „Nationale Dachorganisation“ in die Dekarbonisierungs-Partnerschaft eingebunden. Sein Fokus liegt auf integrierten Quartiersansätzen: In diesem Zusammenhang beschäftigt er sich vor allem mit der Umsetzung der EU-Direktiven - etwa von integrierten Gebäuderenovierungsprogrammen (EPBD) oder lokalen Wärme- und Kälteplanungen (EED und RED) – auf lokaler Ebene in den Mitgliedstaaten und beleuchtet die Wechselwirkungen zwischen EU-Rahmen und integrierte energetischen Quartiersansätzen. Mit den Fachleuten und Expert:innen aus seinen Verbands-Arbeitsgruppen „Europäische Stadt- und Raumentwicklung“ und „Energie, Immobilien und Stadtentwicklung“ begleitet er die Dekarbonisierungs-Partnerschaft fortlaufend. Ergebnisse aus der Partnerschaft kann er so direkt an kommunale Akteure in Deutschland kommunizieren und gleichermaßen deren Feedback in das europäische Bündnis zurückspielen.

Weitere Informationen und Beteiligungsmöglichkeiten

Der Entwurf des Aktionsplans der EUI‑Dekarbonisierungspartnerschaft befindet sich aktuell in der öffentlichen Konsultation. Städte, Kommunen, Verbände, Fachakteure und weitere Interessierte sind ausdrücklich eingeladen, ihre Perspektiven, Erfahrungen und Hinweise einzubringen. Gerade vor dem Hintergrund der anstehenden Wärmeplanung, der Umsetzung der EPBD‑Vorgaben und der enormen Investitionsbedarfe im Gebäudebestand ist eine breite Beteiligung wichtig, um integrierte, tragfähige und sozial ausgewogene Lösungen voranzubringen.

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