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Die Zukunft der deutschen Städte
Beitrag von Prof. Dr. Paul Klemmer (†), Präsident des Deutschen
Verbandes, zu aktuellen Problemen und Lösungsansätzen in der
Stadtentwicklung
Wenn heute über die Zukunft der deutschen Städte gesprochen wird und
manche deren Zukunft als bedroht ansehen, nimmt man in der Regel auf die
Einwohnerentwicklung Bezug. Danach sind jene Städte gefährdet, die einen
großen Einwohnerverlust aufweisen, was als Indiz eines
"lebensbedrohlichen" Funktionsverlustes angesehen wird. Wie sieht dies
bei den deutsche Städten aus? Reiht man zur Beantwortung dieser Frage
die 118 kreisfreien Städte Deutschlands gemäß der Größe ihres
Einwohnerverlustes bzw. - gewinnes im Zeitraum von 1990 bis
einschließlich 2001, ergibt sich folgendes Bild:
- Einwohnerentwicklung streut sehr stark, und es gibt ein
beachtliches West-Ost-Gefälle. Alle Beobachtungseinheiten, die im
Analysezeitraum 10 Prozent und mehr ihrer Einwohner verloren haben,
liegen in den neuen Bundesländern. Im Westen sind es die Zentren der
alten Industriegebiete, die einen Einwohnerrückgang erfuhren. Alles
deutet darauf hin, dass es vor allem arbeitsmarktbedingte
Fernabwanderungen waren, die in beiden Fällen für die hohen Verluste
verantwortlich sind.
- Die Trends der Zeiträume 1990 bis 2001 und 1995 bis 2001 sind
weitgehend identisch. Die Zahl der einwohnermäßig wachsenden Städte
wird aber geringer. Expandierten im gesamten Untersuchungszeitraum
noch 53 Städte, waren es in der Phase 1995 bis 2001 nur noch 37. Der
gesamtgesellschaftlich Trend der sich anbahnenden langfristigen
Einwohnerschrumpfung Deutschlands ist bereits bei der Mehrheit der
Städte angekommen.
- Größe ist noch keine Garantie für Zukunft. Mehrheitlich liegen die
Gewinner nämlich bei den Städten zwischen 50.000 und 150.000
Einwohnern. Zu den Ausreißern zählen Bonn, das den Verlust der
Hauptstadtfunktion mehr als kompensieren konnte, Freiburg, Wiesbaden
und Karlsruhe, die auch von ihrer Wohnortqualität profitieren konnten,
sowie Hamburg, das nach der deutschen Wiedervereinigung sein altes
Hinterland wieder gewonnen hatte und einen enormen Funktionsgewinn
erfuhr.
Aus der dritten Feststellung könnte man fast schlussfolgern, dass die
gehobenen Mittelstädte sich zu Hoffnungsträgern der Stadtlandschaft
aufschwingen. Solche Überlegungen geistern durch die Presse und erinnern
an die Diskussion um die kleinen und mittleren Unternehmen als den
Hoffnungsträgern der Wirtschaft bzw. des Arbeitsmarktes. Hier ist
Vorsicht geboten und ein tieferer Einstieg in die Erklärung der
streuenden Werte der oben genannten Städteliste.
Städte sind Multi-Funktionsträger. Ihre klassische Funktion ist es,
Mittelpunkt einer Region zu sein. Bei Nichttransportierbarkeit von
Gütern (insbesondere Dienstleistungen) ergibt sich diese aus der Lage in
einem von Menschen gefüllten Raum, ihrem sich überlagernden
Dienstleistungsangebot, der Distanz zu konkurrierenden Zentren sowie dem
Einkaufsverhalten der Nachfrager (etwa steigende Präferenz zum
Großeinkauf mit dem eigenen Auto in attraktiven Angebotsorten in
weiterer Entfernung). Hinzu treten Sonderfunktionen, die sich aus
besonderen Lagevorteilen (etwa Hamburger Hafen) oder staatlich
zugewiesenen Funktionen (Regierungsfunktionen, staatliche
Forschungseinrichtungen, Sonderbehörden, Militärstandorte usw.) ergeben.
Von besonderer Bedeutung ist immer noch die
Arbeitsplatzversorgungsfunktion. Sie resultiert aus der Ausstattung mit
den eben genannten zentralörtlichen Aufgaben und dem Vorhandensein von
Produktionsbereichen, deren Absatz regionsgrenzenüberschreitender Natur
ist (Basisaktivitäten). Sie können zu sektoralen und regionalen
Wachstumspolen werden, wenn es zu einer räumlichen Clusterung bestimmter
Wirtschaftsbereiche (Montankomplex, Medienkomplex, Fahrzeugbau,
pharmazeutische Schwerpunktbildung) in engem Kontakt zur
Grundlagenforschung, zur angewandten Forschung und zu unternehmerischen
Head-Quarter-Funktionen kommt (etwa Elektrotechnik und Firma Siemens in
München).
Losgelöst von den eben genannten Funktionen gibt es noch die
Wohnfunktion. Städte sind immer auch Wohn- und Lebensorte von Menschen.
Hier beobachtet man aber seit geraumer Zeit eine immer stärkere
Ankoppelung der Wohnfunktion an die zuvor genannten Funktionen. Dies
resultiert aus dem Tatbestand, dass bei niedriger Geburtenrate (Geburten
je Frau) und wachsender Bedeutung der Sterbefallüberschüsse, die
regionale Einwohnerentwicklung immer stärker von den Wanderungen geprägt
wird. Lang anhaltende arbeitsmarktbedingter Abwanderungen jüngerer
Alterskategorien bewirken eine sukzessiv voranschreitende
altersstrukturelle Erosion, die zu einem immer rascheren Anwachsen der
Sterbefallüberschüsse führen müssen. So hatten die kreisfreien Städte
Ostdeutschlands in 2000 die höchsten Abwanderungssalden je 1000
Einwohner. Die Stadt Hoyerswerda erreichte mit einem Wert von 37,2 einen
Spitzenwert, es folgten Halle/Saale, Frankfurt/Oder und Suhl mit Werten
von größer als 20.
Nimmt man die Sterbefallüberschüsse je 1000 Einwohner als Indikator zur
Messung der altersstrukturellen Vorbelastung, dann stehen die Städte
Pirmasens, Baden-Baden, Zwickau, Plauen, Wilhelmshaven, Görlitz und
Mülheim an der Ruhr an der Spitze der kreisfreien Städte. Baden-Baden
stellt hierbei einen Sonderfall dar, da sich bei ihr ein hoher
Sterbefallüberschuss mit einem positiven Zuwanderungssaldo paart. Die
Stadt lebt von älteren Menschen, die dort ihren Lebensabend verbringen
wollen. Anders sieht es hingegen in den Städten Pirmasens, Zwickau,
Wilhelmshaven und Görlitz aus. In Verbindung mit einem steten
Abwanderungsprozess deutet dort die altersstrukturelle Vorbelastung auf
das Risiko einer Bevölkerungsimplosion hin. Dehnt man die Betrachtung
auf Städte mit ähnlichen Merkmalsausprägungen aus, dann rücken noch
Städte wie Chemnitz, Brandenburg/Havel, Essen, Gera, Suhl, Hoyerswerda
und Gelsenkirchen in den Kreis potentiell gefährdeter Einheiten. In
allen genannten Fällen kann man sagen, dass der Kampf gegen das
Hinsiechen nur an der "Arbeitsplatzfront" gewonnen werden kann. Erst
dann folgen Maßnahmen zur Verbesserung des Wohn-Umfeldes. Stadtpolitik
wird immer mehr zur Wirtschaftsförderung.
Weitere aktuelle Aufsätze von Herrn Professor Dr. Klemmer sind bei der
Geschäftsstelle zu folgenden
Themen erhältlich:
- Demografisch gefährdete Kreise und kreisfreie Städte in Deutschland,
Berlin, 2004
- Demografischer Wandel: Städte am Ende?, Berlin, 2004
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