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Herausforderung für Städte im Wettbewerb
Dr.-Ing. Irene Wiese-von Ofen, Beigeordnete der Stadt Essen a. D.,
Architektin AKNW, Vorsitzende des Verbandsrates des Deutschen Verbandes
für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e. V. (DV),
Past President of the International Federation for
Housing and Planning
Städte sind wie Menschen in erster Linie unterschiedlich. Sie wissen
auch in den profansten Städten, ob sie in Gelsenkirchen oder
Recklinghausen, in Detroit oder Denver sind. Städte sind weiter zu
allererst einmal in toto immobil; das unterscheidet ihre Lebendigkeit
von der Ganzheit eines Körpers und der Summe (auch eines großen)
Kapitals. Sie haben eine Lagebedingtheit: Hamburg wie Barcelona z.B.
nutzen ihre Küstenlage und aus dem geschickten Nutzen dieser
lagegegebenen Vorteile entsteht internationaler Wettbewerb, der
natürlich noch durch weitere wirtschaftliche, handelspolitische,
klimatische u. a. Faktoren beeinflusst wird. Imagekonkurrenz gibt es
daneben schon lange; im Ruhrgebiet als Kirchturmspolitik verspottet, aus
Rivalitäten z.B. zwischen Düsseldorf und Köln (nicht nur aus der
Weiberfastnacht) bekannt und Berlins Bemühen, spätestens nach der
Reichsgründung Paris, London oder Wien zu erreichen haben schon im
föderalen Deutschland nicht nur Wohlwollen ausgelöst.
Städte sind eigentlich geübt im Wettbewerb - ob um ansiedlungswillige
Firmen oder um
Bewerbungen um große Sportveranstaltungen, Kulturhauptstadt oder
Weltausstellungen. "MOMA" oder "Cezanne", die "Staufer" oder "Otto der
Große" zu präsentieren - auch mit Kulturereignissen zu punkten haben sie
gelernt. Bewerbungen um die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes
bringen à la longue der Bedeutung einer Stadt als Ort, der touristisch
einen Vorsprung bekommt und in internationaler Anerkennung sich sonnen
kann, auch ökonomische Vorteile. Selbst der Streit um die Wahrung des
Weltkulturerbes (s. die Hochhausdebatten um Köln oder Wien) trägt zur
Publizität bei, und erweisen sich somit eigentlich eher weniger als
nachteilig denn in der ernsthaften Fachdebatte befürchtet, wenn man z.B.
an das Resumeé zur Prognose möglicher unterbleibender Investitionen nach
abschließendem
Ergebnis der Debatte hier in München denkt. Städtische Kämmerer haben
auch schon
immer vorgerechnet, wie viel Löcher im Hauhalt durch fehlende,
zuziehende oder wegziehende Bürger entstehen. Die Städte haben bisher
meist mit Wohnungsbauprogrammen darauf geantwortet, d.h. um Einwohner
geworben. Nicht nur daraus resultieren viele (zu viele) - der vom Rat
für Nachhaltigkeit letztendlich beanstandeten - Flächenausweisungen für
Wohnbauzwecke.
Ob und was die Städte aus Anlass von Großereignissen machen, führt zu
höchst unterschiedlichen Lösungen und nicht immer zu nachhaltigen
Vorteilen. München hätte sicherlich nie eine so fabelhafte U-Bahn
erhalten ohne die Olympischen Spiele, Lissabon keine durchgreifende
Industrieviertelsanierung und Rückgewinnung der Uferfront ohne die
Weltausstellung und Graz hätte kaum so viel internationale Beachtung
gefunden, die sich auch baulich in der Renovierung des Stadtkerns
niedergeschlagen hat samt mutiger Neubauten als durch die
Kulturhauptstadt - um nur einige Beispiele zu nennen.
Herausforderungen für die Städte könnte man angesichts dieser Beispiele
etwas leichthin definieren als Notwendigkeit, sich um solche Highlights
zu bewerben und die Stadtpolitik darauf zu fokussieren. Wettbewerb - so
sagt man - belebe das Geschäft. Städte aber sind kein "Geschäft" und es
steht ihnen auch nicht an, Geschäfte zu machen. Sie werden nie unter
Rentabilitätsgesichtspunkten als erfolgreich oder weniger erfolgreich zu
beurteilen sein, denn sie sind Ort des nur bedingt planbaren Lebens,
immer noch Orte der Zuflucht aus den verschiedensten Gründen, sie sind
Sammelbecken von Starken wie Schwachen, Edlen wie Strolchen, Stätten
glanzvoller Schönheit und Luxus und unendliche Ansammlungen von Profaneität und Hässlichkeit. Sie sind alles gleichzeitig und ziehen aus
dieser Ungleichzeitigkeit von Ansprüchen und Zuständen ihre Lebendigkeit
und ihr Überlebenspotential. Homogenität - wenn sie denn überhaupt
erreichbar wäre - mag zwar Ziel mancher Sehnsüchte nach Friedlichkeit im
Sinne von Freiheit von Anstrengungen der Konkurrenz und Sicherheit sein,
würde jedoch kaum die Kreativität bringen, die Zukunftsfähigkeit
bedeutet; Spannungslosigkeit erzeugt Stillstand, denn nur aus
Spannungsaufbau und -abbau entsteht Energie, und ob eine Stadt sie hat (power
= Kraft, wie es in der englischen Sprache noch treffender heißt) spürt
man, wenn man eine Stadt betritt.
Städte werden oft überschätzt wie unterschätzt. Die Überschätzung, d.h.
die Erwartung, sie könnten alles regeln, seien für die Wohlfahrt ihrer
Bürger in jeglicher Hinsicht ihrer verschiedensten Ansprüche zuständig,
und seien zudem der Hort der Demokratie - hat sicher immer noch mit den
Nachwehen des hoheitlichen Staatsverständnisses etwas zu tun. Wohingegen
die Unterschätzung davon ausgeht, alles privat Geregelte sei besser,
effizienter, schneller und kostengünstiger. Beides ist nicht richtig.
Die erste Herausforderung für die Städte im Kontext der Erwartungen
einer wohl auch nach langer Zeit zum ersten Mal etwas in die Krise
geratenen Immobilienwirtschaft sehe ich darin, diese wechselseitigen
Fehleinschätzungen zu revidieren, denn sie bestimmen offensichtlich oft
genug das Handeln von tatsächlichen oder potentiellen Investoren. Zum
ersten Komplex - der Überschätzung - gehört m. E. auch die Erwartung,
dass Städte durch den geforderten Wettbewerb untereinander soviel
Spitzenpositionen erreichen könnten, dass sie lukrative
Standortbedingungen d.h. Lagen, die Renditen bei entsprechendem privaten
Handeln und Investitionen verheißen, zu bieten in der Lage sein müssten.
Städte können aber nur und müssen den rechtlichen Rahmen
abstecken, aber Aufgabe Nr.1 wäre es m. E., gemeinsam Lagen zu
schaffen, die à la longue attraktiv und damit gute Rendite versprechend
sind, und man sich nicht erst zu Investitionen entschließt, wenn die
durch die öffentliche Hand aufwendig geschaffenen Lage das einigermaßen
risiko-lose Geschäft verspricht. Projektentwicklung müsste demnach sich
von Shareholder-value und den tatsächlichen oder angenommenen
Stakeholder-Rechten zum "Community-value" im Sinne nachhaltiger
Stadtentwicklung hin bewegen. Die Erkenntnis, dass es auf Dauer mir nur
gut geht, wenn es auch dem anderen gut geht, müsste ihren Niederschlag
im veränderten Handeln finden. Das würde z.B. bedeuten, dass auch
materielle Wohltaten erst in der nächsten Generation entstehen, statt
des heute Üblichen: Die Wohltaten heute, die Lasten morgen für die, die
nach uns kommen.
Zum Komplex der Unter-Schätzung gehört m. E. das Vorurteil, dass
Städte weder über wirtschaftlich denkende Spitzen noch über flexibel
handelnde Entscheider verfügen und Private wirtschaftlicher, schneller
und effizienter in Entscheidungsabläufen, Umsetzung und Durchführung
seien. Großstrukturen, ob die öffentlicher Hände oder die fusionierter
Unternehmen der Wirtschaft (besonders wenn sie durch außerhalb der
Gemeinde residierende Hauptverwaltungen geführt werden), zeigen die
gleiche Schwerfälligkeit großer Apparate. Und was man in den
Wirtschaftsnachrichten bei wirtschaftlichen Schieflagen großer Firmen
über verpasste Marktchancen liest, spricht keineswegs dafür, dass
private Hände flinker handelten als öffentliche. Wir sollten bei jeder
Kritik - hier wie dort - die Zahl der Entscheidungsebenen in Betracht
ziehen, d. s. im privaten Bereich insbesondere die unterschiedlichen
Rechtsformen und Eigentumsstrukturen und im öffentlichen Bereich die
Hierarchieebene, auf der die anstehende Entscheidung zu fällen ist, und
die Vielzahl sektoraler Gremienzuständigkeiten. Aber wir alle wissen,
dass Querschnittskoordinierung die eigentliche Geißel jedes Zeitplans
ist. Wer je unter Zeitverlusten durch verzögerte Entscheidungen großer
Apparate gelitten hat, kann die nicht nachprüfbaren
Entscheidungsanonymitäten und die oft auch nicht erkennbar werdende
Verantwortungsübernahme nur bedauern. Somit das gleiche Leiden.
In einem wesentlichen Punkt unterscheiden Städte sich jedoch von
privaten Unternehmungen und ihren letztendlich zuzuordnenden
Entscheidungsstrukturen: Jenseits aller wirtschaftlichen
Abwägungsprozesse sind und bleiben sie Orte sozialen Lebens. Sie sind
Stätten
der Kultur - der Schönheit - der Erholung
kurz der vorsorgenden, der nachsorgenden, der immateriellen Wohlfahrt.
Sie sind das Ergebnis zahllosen individuellen Handelns. Als solche sind
Städte zwar ohne Zweifel wirtschaftliche Kristallisationspunkte und
Motor materieller Wohlfahrt, sie sind aber ebenso Orte sozialen
Ausgleichs, der Versorgung der Schwachen, der Hilfe für diejenigen, die
sich nicht oder nur schwer selbst helfen können. Im geforderten
Wettbewerb der Städte um Glanz, Spitzenleistung und Attraktivität, da
sie wie eine geschmückte Braut wohl nur dann gut verheiratet werden
können, wird oft vergessen, dass die Anziehungskraft von Städten auch
gespeist wird aus besserer Obdachlosenfürsorge, Krisenhilfe für
Drogenabhängige, Einsatz von Streetwalkern für arbeitslose Jugendliche,
Konsensbündnissen für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Unqualifizierter,
Betreuungsmodellen für allein erziehende Mütter und Netzwerken zur
Versorgung Alter und chronisch Kranker und manches andere mehr an
Gemeinschaftsleistungen, die erforderlich sind in diesem Gemeinwesen,
das sich Stadt nennt und seit Jahrhunderten diese Freiheit der Vielfalt
aushält, schützt und versorgt Städte leiden unter dem Anstieg an
vielfältigen Ansprüchen an sie und dem gleichzeitigen Rückgang an
Finanzausstattung. Noch immer hat der versprochene Finanzausgleich keine
eigenen Steuerhebungsmöglichkeiten geschaffen, mit der dezentrale
Verantwortung auch an Budgethoheit gebunden wäre. Eigentlich kann
Aufgabenhoheit in der Abwicklung auch nur so funktionieren. Stattdessen
ist eher das Gegenteil zu beobachten. Es ist bekannt, dass die
Soziallasten den immer größeren Anteil in städtischen Haushalten haben,
der investive immer weiter zurückgeht. Die Städte stehen vor der
Aufgabe, ihren Bürgern ein "Wir-Gefühl" zu vermitteln, den sozialen
Zusammenhalt zu stärken. Im Grunde ist das auf der lokalen Ebene die
gleiche Aufgabe wie auf der der EU mittels der Kohäsionspolitik Europa
als Ganzes sich selbst finden zu lassen und gleichzeitig durch
Wettbewerb untereinander den ökonomischen Motor zu stärken. In der
Äußerung von Junckers, als derzeitigem luxemburgischen EU-Vorsitzenden
zugunsten eines Primates der Kohäsions-Politik und Barrosos Entgegnung
zur Priorität der Ökonomie ist diese Herausforderung hinreichend
beschrieben. Angesichts der Entwicklung in der EU, die eine veränderte
Politik in den Strukturfonds nach 2006 bis zu einer stärkeren Rolle der
städtischen Dimension anstrebt, sind Deutschlands Städte eher im
Nachteil. Die städtische Dimension ("Urban Policy") ist kein
Prioritätspolitikfeld in Deutschland - aber das ändert sich hoffentlich.
In der Konkurrenz des föderalen Landes Deutschland hat die EU zu viele
Ansprechpartner, wie umgekehrt die Städte in der EU-Administration bzw.
den EU-Gremien keine adäquaten Ansprechpartner haben. Am deutlichsten
kann man das am "german vote" feststellen, wenn wegen fehlender
Abstimmung oder Uneinigkeit zwischen Bund und Ländern, Deutschland sich
bei Abstimmungen wieder einmal der Stimme enthält. Die Städte glauben
deshalb, es würde sich an ihrer Situation manches bessern, wenn sie
direkt in Gremien der EU vertreten wären. Vor allem aber, wenn der
Stellenwert städtischer Politiken bei Bund und Ländern stiege. Dann
würden z.B. Gemeinschaftsaufgaben wie Städtebauförderung,
Eigenheimzulage, Pendler-Pauschale, Hochschulfinanzierung,
Kinderbetreuungseinrichtungen und manches andere nicht mehr im Gerangel
um Macht und Einfluss und "Goldenen Zügel" untergehe, sondern
sachgerecht und ideologiefreier diskutiert und vielleicht sogar gelöst
werden können. Möglicherweise ist die fehlende Anerkennung für die
Städte in der deutschen Gesellschaft (das Sehnsuchtsziel der Mehrheit
der deutschen
Bevölkerung ist z.B. immer noch das Einfamilienhaus im Grünen) noch ein
Relikt aus der Stadtfeindschaft des ausgehenden 19.Jahrhunderts, die in
der gesamten Literatur der damaligen Zeit angesichts der Auswüchse der
Industriestädte ihren Niederschlag fand. Vielleicht auch ist es das
kollektive Gedächtnis der Stadtzerstörungen des 2.Weltkrieges, wo
ländliche und dörfliche Regionen weitgehend unzerstört blieben.
Vielleicht ist es auch die Konflikt-scheu unserer Gesellschaft, die die
deutsche Bevölkerung aus Stadtvierteln mit einer Mehrheit nichtdeutscher
Bewohner und Kindern mit Migrationshintergrund wegziehen lässt ins
Umland, wo man sich deutsch und sicher wähnt. Speckgürtel und "urban
sprawl" sind jedoch nicht nur ein nationales Phänomen.
Diese Tendenz der Suburbanisierung ist in allen Ländern Europas
ungebrochen. Dafür gibt es zahlreiche Motive, beispielsweise:
- Bodenpreise und Grundstückserschließungskosten
- Gesichertes Wohnen / überschaubare Nachbarschaften
- Verbindung zur Landschaft
- Möglichkeiten individueller Mobilität
- Weniger Lärm
- Sport / Freizeit / Erholungsnähe.
Diesem Bündel an individuellen Vorteilen hat die auf Rücksichtnahme
und Ausbalancieren von Interessenkonflikten angewiesene verdichtete
Stadt wenig entgegenzusetzen - noch nicht einmal Kulturangebote, deren
Einrichtung auch für das Umland vorgehalten werden.
Kulturfeste gibt es mittlerweile sommers wie winters draußen auf
Schlössern, Gutshöfen, in Kirchen und Museen, die Künstler kommen aufs
Dorf. Das Gleiche gilt für das Erlebnis-Einkaufen in Shopping-Centern
vor den Toren der Städte in Verbindung mit Hotels, Leisure und Sport.
Die Menschen orientieren sich auf das für das eigene Lebensoptimum
maßgebliche nahe Umfeld. In diesem Zusammenhang konzentriert sich das
Stadtgefühl auf Wohlgefühl und Ereigniserfahrung, Attraktivität basiert
auf Angebotvielfalt und Event-Wechsel. Damit gewinnt neben Kultur,
Gesundheit und Einkaufen auch Landschaft einen wieder größeren
Stellenwert: Landschaft für den attraktiven Blick vom Wohnen an ihrem
Rande aus, Landschaft für Schönheit, Landschaft für Stille, Landschaft
für Sport, Landschaft für alternatives Leben.
Internationale Wettbewerbe junger Architekten zeigen, dass Wohnen und
Landschaft ein sich wechselseitig bedingender Topos ist, der die
kompakte europäische Stadt mit den steinernen Plätzen der städtischen
Begegnung, wenn nicht gar ablöst, so doch zumindest ergänzt. Bei
sinkenden Bevölkerungszahlen und nicht mehr nachgefragten
Wohnungsbeständen sollte man diesen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel
bewusst planerisch einsetzen. Die Herausforderung für die Städte ist,
Partner zu finden, die diesen Wechsel mit vollziehen und baulich
gestalten, mit Komplexität umgehen können - und in ihre
Finanzierungskonzepte einbeziehen.
Die aus der Ausdifferenzierung der Lebensmilieus resultierenden höchst
unterschiedlichen Lebensstile zu befriedigen bietet derzeit weder der
Bestand noch ausreichend die Angebotspalette der Wohnungswirtschaft.
Arbeiten und Wohnen zusammenbringen - den veränderten Berufsfeldern
gerecht zu werden und ein lange beschworenes Ideal umzusetzen - steckt
als Chance in der Umgestaltung des Bestandes, um attraktives Neues
spannungsreich ergänzt. Dieses müsste die Immobilienwirtschaft
eigentlich schon um ihrer selbst willen versuchen, nicht nur wegen der
Stadt und ihrer städtebaulichen Leitbilder der gemischt genutzten
Quartiere.
Wenn die deutsche Gesellschaft darüber hinaus sich wirklich sicher wäre,
dass die Städte die Orte der Wissensgenerierung und der Motor der
Entwicklung wären, wie Stadtplaner und Soziologen nicht müde werden zu
beschwören, und vor allem die internationale Diskussion und Berichte der
UNCHS im globalen Kontext behaupten - heimlich aber doch offensichtlich
der Campus vor den Toren (sei es der Universitätscampus oder
Feriencampus) ihnen eher dafür geeignet erscheint - würde vielleicht der
Gemeinschaftssinn wiedererwachen, den einmal das unabhängige Bürgertum
ausgangs des Mittelalters entwickelt hatte gegen Kirche und Adel, und
sein Gemeinsinn mit Handel, Bildung, Eigentum und Selbstverwaltung bis
heute prägte und letztendlich dann auch baulich so gestaltete, wie uns
das denkmalswürdige Erbe als wichtiges Pfand der Identität und
Attraktivität unserer Städte dient. Die wortreiche Beschwörung des
Gemeinschaftssinnes in Form von Ehrenamt, Sponsoring, NGO, Corporate Citizenship und vielen anderen ehrenwerte Initiativen kann nicht darüber
hinwegtäuschen, dass es in den Städten dieses Gemeinsinns mangelt und
die Städte mit noch ganz anderen Umbrüchen fertig werden müssen.
Die demografischen Veränderungen der älter werdenden Bevölkerung müssten
eigentlich zu anderen Wohnformen, anderen Betreuungsangeboten, anderer
Nahversorgung und veränderten Dienstleistungen führen. Bisher ist aber
davon nur wenig zu erkennen. Die Städte tun sich schwer damit, diese
Auswirkungen der Alterung, des Verlustes an Jugend, der Zunahme
nichtdeutscher Bevölkerung und der notwendigen Zurücknahme von
Infrastruktur Politik und Öffentlichkeit zu vermitteln. Der daraus
resultierende Konkurrenzdruck (wer behält welche Einrichtung
überregionaler Bedeutung?) wächst. Die Städte haben es noch nicht
geschafft, die Wirtschaft mit den Aufgaben der Schrumpfung zu versöhnen,
obwohl diese oft vor der gleichen Aufgabe steht. Nur auf Wachstum zu
setzen - als Glaubenssatz der Wirtschaft - man gäbe sich sonst selbst
auf, kann sich auch als Irrglaube erweisen. Und wenn sie aus dieser
Maxime Betriebe verlagert oder Betriebsstätten schrumpfen lässt,
Firmensitz verlegt u. a. fallen solche Firmenentscheidungen ohne
Rücksicht auf Belange der jeweils betroffenen Stadt. Wegziehende
Menschen, leer stehende Wohnungen und Büros, verfallende Hallen,
Tankstellen und Parkplätze, überflüssige Ladenlokale, stillgelegte
Bahnanlagen, sich wild begrünende Sportplätze, vergessene Bahnhöfe -
alles Bilder, die wir nicht nur aus dem Osten Deutschlands kennen und
die es selbst in bestimmten Stadtteilen auch in ansonsten boomenden
Städten gibt.
Was können die Städte tun? Was tun sie schon?
Sie müssen sich klar werden über die Fakten. Sie müssen ihre Bürger, die
Vertreter ihrer Wirtschaftsunternehmen und der relevanten Gruppen,
Vereine und Verbände dafür gewinnen, diese Veränderungen zum
Ausgangspunkt ihres jeweiligen veränderten Handelns zu machen. Sie
können manches an rechtlichen Rahmenbedingungen über das novellierte
BauGB vorbereiten. Sie können Offenheit im Gespräch, Partnerschaft im
Entwickeln gemeinsamer Vorgehensweisen anbieten, sie können die Führung
übernehmen im Schmieden von Bündnissen mit entscheidenden
Wirtschaftsvertretern, mit Bildungseinrichtungen, mit Jungunternehmern
und Initiativen aller Art, Investoren zu Partnern machen, Prozesse
besser steuern durch verwaltungsinterne sektorübergreifende Abläufe,
verlässliche Entscheidungen zwischen Politik und Verwaltung
organisieren, Partizipation moderieren und immer wieder von neuem die
eigenen Spielräume ausloten. "Enabling strategies": Ermöglichen statt
bedenklich sein, nennen unsere angelsächsischen Kollegen ihre
Vorgehensweisen, mit denen dann z.B. so Städte wie Liverpool oder
Manchester, die vor Jahren das abschreckende Beispiel deindustriellen
Niedergangs waren, heute revitalisiert und wieder attraktiv sind.
Die Herausforderung an die Städte liegt in der Aufgabe des Ermöglichens,
nicht in derer Abgabe von Verantwortung oder im Abschaffen von am
Allgemeinwohl ausgerichteten Regeln zugunsten von auf kurzfristig
erreichbaren wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteten Zielen. Sie liegt
darin, die Immobilienwirtschaft (wie auch die anderen
Wirtschaftsbereiche) dafür zu gewinnen, dass Projektentwicklung nicht
nur auf das eigene Projekt sich konzentriert, sondern integratives und
sektorübergreifendes Denken und Handeln einschließt. So könnte die
Übernahme der Kofinanzierung von EU-Mitteln z.B. eine kleinräumige
integrierte Förderung benachteiligter Stadtgebiete ermöglichen, die
sonst unterbliebe, da die städtischen Finanzen die Kofinanzierung nicht
schaffen. Da in abdriftenden Stadtteilen Immobilien an Wert verlieren,
sollte fast schon das Eigeninteresse das gemeinsame Upgrading zustande
bringen, was dann allerdings z. T. die Übernahme artfremder Aufgaben für
die Immobilienwirtschaft bedeuten würde (besonders in Vierteln mit einem
hohen Anteil von Privateigentümern, die meist alt und kapitalschwach
sind und die erst mit aufwendiger Betreuung einzubeziehen sind). Oder
die entsprechenden Versuche mit BID (Pilotphase HH) oder
Standortgemeinschaften, d.h. freiwillige Verträge in NRW, die weitere
Ansätze zeigen einen rechtlichen Rahmen zu schaffen für das, was über
das hinausgeht, was die Städte in der ganzen Stadt tun. D.h. summa
summarum: Beide, Stadt und Immobilienwirtschaft müssen aufeinander
zugehen, miteinander um den besten Lösungsansatz ringen, von Fall zu
Fall die Partnerschaft um weitere Interessenten vergrößern und neben
möglichen finanziellen vor allem auch moralische und verfahrensmäßige
Hilfe leisten.
Die Städte, die ein Klima der Offenheit, der Kooperation, der sozialen
Kompetenz, der partizipativen Prozesssteuerung und Einbeziehung aller
Beteiligten kreieren, die vor allem ein familien-freundliches Klima
schaffen (und das erschöpft sich nicht nur im Einrichten von
Kindertagesstätten: Die Statistik zeigt, wo Kinder sind, steigt auch die
Kaufkraft, denn wo Kinder gut leben, gibt es Zukunftsorientierung, die
letztendlich auch der Wirtschaft zugute kommt) diese Städte werden
schließlich auch wirtschaftliche Gewinner sein. Ansiedlungspolitik in
Zeiten von Angebotsüberfluss und nicht mehr Nachfrageengpässen werden
mehr von einem solchen kooperativen Klima mitbestimmt sein als je durch
den traditionellen Kanon der Nähe von Flughafen, ICE-Bahnhof, guter
Schulen und eines Golfclubs oder Theater vielleicht auch noch als
Kriterium für Standortentscheidungen beeinflusst wurden.
So individuell und phantasievoll wie möglich sollte man sich das
gemeinsame Vorgehen vornehmen - das schafft dann Schritt für Schritt die
Individualität oder das - ich meine weitgehend subjektive -
Alleinstellungsmerkmal, das anzieht und Sympathie auslöst und unter der
die Städte dann dem globalen Wettbewerb - hoffentlich - standhalten.
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