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Paradigmenwandel in der Stadt-, Standort- und Projektentwicklung:
Lehren für die Zukunft
von Rolf Kyrein, Prof. Dipl. Oec. Publ (ehem. Vorsitzender der
Landesgruppe Bayern des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau
und Raumordnung e. V.)
1. Paradigmenwandel in der Stadt-, Standort- und Projektentwicklung
Seit den frühen 90-er Jahren vollzog sich in der Stadt-, Standort- und
Projektentwicklung ein Paradigmenwandel. Von ihm sind Wirtschaft,
Grundstückseigentümer, Nutzer und Planungshoheit gleichermaßen
betroffen. Der Paradigmenwandel bei der Planungshoheit ist
gekennzeichnet insbesondere durch die Finanznot der Kommunen sowie die
lokalen Agenden 21 mit Postulaten nach ökologischer, ökonomischer,
soziologischer und politischer Nachhaltigkeit. Die Finanznot der
Kommunen führte dazu, dass Baulandausweisungen sehr restriktiv
gehandhabt wurden und neue Instrumente der Baulandentwicklung und deren
Finanzierung eingeführt werden mussten, sollte die Bautätigkeit nicht
völlig zum erliegen kommen. Städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen und
"Städtebaulicher Vertrag" ermöglichen nun den Kommunen eine
Partizipation am "planungsbedingtem Wertzuwachs", die
Entwicklungstätigkeit ist wieder in Gang gekommen.
Durch die Partizipation am "planungsbedingtem Wertzuwachs" im Rahmen
"Städtebaulicher Verträge" wird die Finanzierung von Voraussetzungs- und
Folgekosten der Entwicklungen ermöglicht. Der Einsatz des
"Städtebaulichen Vertrages" setzt nicht nur interdisziplinäre, sondern
auch systematische Kooperation von Planungshoheit,
Grundstückseigentümern, Nutzern und Finanziers voraus. Daraus resultiert
zwangsläufig eine höhere Kooperationsbereitschaft sowohl auf kommunaler
Seite als auch in der privaten Wirtschaft.
Darüber hinaus veränderte auch die Entwicklung globaler Märkte die
Stellung der Kommunen. Sie befinden sich nun auf nationalem,
europäischem und internationalem Niveau in einem Wettbewerb der
Standorte. Die Konsequenzen sind bedeutend. In den 80-er Jahren wäre
undenkbar gewesen, was sich seit den 90-er Jahren beobachten läßt.
Kommunen sind neuerdings wie Wirtschaftsunternehmen auf den nationalen
und internationalen Immobilienmessen vertreten. Dort treten sie in einen
Wettbewerb um Investoren für Wohnungs- und Gewerbebauten in ihren
Gemeindegebieten ein. Die Größe ihrer Messestände unterscheiden sich auf
der EXPO-REAL und auf der MIPIM in Cannes kaum von jenen der Aussteller
aus der Privatwirtschaft. Der Paradigmenwandel wurde in den Nationalen
Städtebaukongressen 1999 und 2003 reflektiert. Bereits im Nationalen
Städtebaukongreß 1999 "Urban 21" fordert die Schlussresolution:
- eine neue Bodenpolitik, namentlich bodenpolitische
Grundsatzbeschlüsse (Benchmark hierzu: die "Sozialgerechte
Bodennutzung" der Landeshauptstadt München)
- eine neue Projektorganisation, gefordert wurden beispielgebende,
innovative Planungsprozesse,
- eine neue Politikkultur als Voraussetzung für Stadtkultur, Ausfluß
ist die dynamische Entwicklung von Public Private Partnership nicht
nur objektbezogen, sondern auch in der Stadtentwicklung,
- neue Projektkonzepte, die zu einer Aufwertung der Innenstädte und
zur Wiedergewinnung urbaner Qualitäten durch Mischung von
Einzelhandel, Kultur und Freizeitangebot führt.
Bei Nutzern im privaten Sektor ist der Paradigmenwandel
gekennzeichnet durch den demographischen Wandel, die Individualisierung
der Gesellschaft, deren die Überalterung, Migration und Gendering. Bei
gewerblichen Nutzern ist er gekennzeichnet vom Wandel zur
Dienstleistungsgesellschaft und der damit einhergehenden Änderung der
Arbeitswelt.
Diese Veränderungen führten zu ausdifferenzierten Ansprüchen im
Wohnungsbau, im Einzelhandel, im Bürobau, bei Freizeitimmobilien.
Gefragt ist nicht nur Multifunktionalität und Variabilität der Gebäude.
Darüber hinaus haben die Nutzer auch eine pointiertes Kosten-
/Nutzenbewusstsein entwickelt. Ausfluß dieses Bewusstseins ist unter
anderem die dynamische Entwicklung im Bereich "Facilities Management".
Der Paradigmenwandel bei den Grundstückseigentümern und -anbietern
ist gekennzeichnet dadurch, dass nicht mehr Privatpersonen, vorwiegend
Landwirte am Stadtrand, Grundstücksanbieter sind. Grundstücke werden
vielmehr als Konversionsflächen vom Bund und den Kommunen (den größten
Grundstückseigentümern in Deutschland aus Finanznot), angeboten. In
ihrem Strukturwandel bieten darüber hinaus die Post, die Telekom und die
Bahn vorzugsweise innerstädtische Grundstücke an. Letztlich werden die
im Wandel vom sekundären zum tertiären Sektor notwendigen, heute
überflüssigen, Grundstücksressourcen von Industriebetrieben offeriert.
Mit der strukturellen Veränderung der Anbieter haben sich auch die
Projektstandorte verändert: Vom Stadtrand zur Innenstadtentwicklung:
Der Paradigmenwandel hat in der Wirtschaft tiefe Narben hinterlassen.
Er war dort gekennzeichnet von hohen, volkswirtschaftlich bedeutsamen
Wertberichtigungsbedürfnissen, so bei der staatlichen Landeswohnungs-
und Städtebaugesellschaft Bayern GmbH (LWS), der Bayerischen Hypotheken-
und Wechselbank, der Bayerischen Vereinsbank, der Allgemeinen
Hypothekenbank Frankfurt AHB, bei der Holzmann AG und bei der Roland
Ernst Gruppe um nur einige Beispiele zu nennen. Ursächlich waren
zahlreiche Insolvenzen in der Developer- und Bauträgerbranche sowie im
Zusammenhang damit im Bauhaupt- und Baunebengewerbe.
Die neuen Ratingstandards bei Basel II ab dem Jahre 2005 veränderten
zusätzlich einerseits die Kreditvergabebereitschaft der Banken,
andererseits damit verbunden die Möglichkeit, gerade mittelständischer
Unternehmen sich projektbezogen zu refinanzieren. Bedeutsam wurden
nämlich nicht nur die Beurteilung des Projektes, sondern auch die
Qualität des Managements, sein Erfahrungshorizont und die
Prozessqualität in der das Projekt abgewickelt wird. Darüber hinaus sind
supranationale Player die sowohl in Bestand als auch in
Projektentwicklungen investieren in den nationalen Markt eingetreten.
Ihre Kompetenz, ihre Anforderungen an Projekte, ihre Projektphilosophie
setzte neue Maßstäbe auf nationaler Ebene, die für die Branche nicht
folgenlos blieben.
Zusammengefaßt kann festgestellt werden, dass die Veränderungen im
Verhalten der Planungshoheit, der Nutzer und Finanziers, der Wandel in
der Angebotsstuktur der Grundstücksanbieter ein hohes Maß an praktischem
und theoretischem Rüstzeug erfordert hätte, über das aber weder der
öffentliche noch der private Sektor in ausreichendem Maße verfügte.
2. Die akademische Kulisse
Der Paradigmenwandel vollzog sich vor dem Hintergrund einer wenig
akademisierten Kulisse. In den frühen 90-er Jahren befaßten sich mit
einem "Paradigmenwandel" in diesem so bedeutsamen Bereich der Wirtschaft
und des öffentlichen Sektors die deutschen Hochschulen nur sektoral,
nämlich überwiegend aus planerischer, architektonischer Sicht, wenig aus
ökonomischer und rechtlicher. Fragen nach einer nachhaltigen Stadt- und
Standortentwicklung wurden – außer in technischen Disziplinen – schon
gar nicht gestellt. Nur wenige befaßten sich damit – und dann auch nur
mit ausgewählten Erkenntnisgegenständen.
Es gab allerdings einige Exoten und Pioniere:
Die ebs, European Business School, entwickelte allmählich mit Prof.
Schulte an der
Spitze Kompetenz in Immobilienökonomie. Bereits seit den frühen 70-er
Jahren hatte sich das Institut für Gewerbezentren, Prof. Falk, einen
Namen für Projektentwicklung im Einzelhandel gemacht.
Die Firma Bulwien entwickelte eine Marktführerschaft bei
immobilienwirtschaftlicher Marktforschung. Bulwien ist
bezeichnenderweise auch einer der Initiatoren der "GIF", Gesellschaft
für Immobilienforschung, die sich in den 90-er Jahren entwickelte.
Um Kompetenz bemühten sich mit Fachseminaren zu ausgewählten Themen in
der Privatwirtschaft Seminarveranstalter wie Bernd Heuer, der nachmalige
Mitinitiator von agenda4. Im öffentlichen Sektor bildeten die "Kommunale
Gemeinschaftsstelle" (KGSt) oder An-Institute vorwiegend an Technischen
Universitäten, die auch teilweise die Referendariatsausbildung für den
öffentlichen, technischen Dienst übernahmen, fort.
Bildungsträger für vorwiegend technische – also nicht interdisziplinäre
– Erkenntnisgegenstände waren die Technischen Universitäten und die
Fachhochschulen. Eine systematische Betrachtung, wie etwa in der
"Institutionen Ökonomik" oder "Spieltheorie", fand auf
wissenschaftlichem Niveau ebenso wenig statt wie eine Auseinandersetzung
mit der Wertschöpfungskette.
Die für nachhaltige Standort- und Stadtentwicklung und qualitatives
Wachstum unerläßliche Vernetzung von Stadtplanung, Architektur,
Ingenieurwesen, Wirtschaft, Öffentlichem Recht, Zivilrecht, Steuerrecht,
Soziologie und Ökologie war also nicht Gegenstand von Forschung und
Lehre. Öffentlicher und privater Sektor lehrten und handelten aus ihren
Blickwinkeln. Die Ansätze zur Akademisierung waren konnten daher nicht
interdisziplinär, systemisch und auf Prozesskompetenz ausgerichtet sein.
Die Folge und deren Wirkung ist bis heute, dass zahlreiche Akteure der
Stadt-, Standort- und Projektentwicklung in der Regel zwar in einer
Disziplin Fachkompetenz haben, in den "Komplementärdisziplinen" die
notwendige Kompetenz vermissen lassen, bestenfalls als Autodidakten
agieren. So sind heute noch häufig Ökonomen Autodidakten in Technik und
Recht, Techniker in Wirtschaft und Recht, Juristen in Wirtschaft und
Technik. Die Akteure sind unfähig miteinander zu kommunizieren. Häufig
begegnen sie sich mit Desinteresse oder Ablehnung und sie machen die
jeweils anderen Disziplinen für Misserfolge, die eigene aber für Erfolge
verantwortlich. Dies gilt selbst für die technischen Disziplinen
Stadtplanung, Architektur und Ingenieurwesen untereinander.
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