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Demographie und Immobilienwirtschaft
Fortsetzung
2. Ausgewählte immobilienwirtschaftliche Konsequenzen
2.1. Das Risiko einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums
Es gibt seit geraumer Zeit eine vitale Diskussion darüber, inwieweit die
eben skizzierten demographischen Trends nicht doch zu einer
Verlangsamung des Wirtschaftswachstums sowie zu einem Einbruch bei den
Vermögenswerten (asset-meltdown) führen können. Beides hätte
Konsequenzen für die Immobilienwirtschaft. Ein verlangsamtes
Wirtschaftswachstum würde die Nachfrage nach spezifischen
Immobilienbeständen (etwa Büroimmobilien) bzw. die Bauaktivitäten
mindern. Ein erwarteter Einbruch bei Werteinschätzung der
Immobilienbestände könnte zu einem Rückgang des Konsums
(Vermögensabhängigkeit des Konsums) oder in Abhängigkeit von der
Dimension des Einbruchs sogar zu einer Bankenkrise führen.
Eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums kann auf verschiedene Weise
ausgelöst werden. Da sind zum einen die potentiellen Nachfrageeffekte.
Eine schrumpfende Bevölkerung muss langfristig einen Nachfragerückgang
zur Folge haben. Dieser kann schon früher eintreten, wenn erwartete
Risiken bei der Altersversorgung die Sparneigung erhöhen. Zum anderen
kann sich eine im Zuge der Alterung rückläufige Zahl von Erwerbsfähigen
mit wachstumslimitierenden Engpasswirkungen verbinden. Insbesondere
können sich bei einer Alterung der Erwerbspersonen negative
Produktivitätseffekte einstellen. So befürchten manche bei einer
Alterung wegen des Verlustes an Muskelkraft, der höheren
Stressanfälligkeit, der Verlangsamung der Reaktionsgeschwindigkeit bzw.
der abnehmenden Lernfähigkeit älterer Arbeitskräfte einen
Produktivitäts- und Innovationsverlust.
Teilweise handelt es sich hier - etwa bei der Abschätzung der
Nachfrageeffekte - um sehr langfristige Betrachtungen bzw. äußerst
spekulative Hypothesen. Zum einen weiß man nicht, ob es nicht doch
gelingt, den Bevölkerungsschrumpfungsprozess zu stoppen. Zum anderen
werden altersspezifische Nachfragekomponenten und vor allem Innovationen
ausgeblendet. So steigt mit zunehmendem Alter die Nachfrage nach
Gesundheitsleistungen und setzt neue Nachfrageimpulse. Erfolge bei der
Suche nach neuen Formen der Energieerzeugung oder der Motortechnik
können einen Umrüstungsbedarf und damit eine Nachfragewelle induzieren.
Angesichts der generell zu beobachtenden Beschleunigung des
technologischen Wandels ist es darum äußerst schwierig, sich ein genaues
Bild von der Konsumstruktur des Jahres 2050 zu machen.
Gravierender sind schon eher die Alterungseffekte, vor allem da sie sich
bereits jetzt bemerkbar machen. Aber auch sie können gemildert werden.
So muss man darauf aufmerksam machen, dass Erfahrungs- und
Kontaktwissen, Arbeitsmoral, Qualitätsorientierung, Zuverlässigkeit,
Loyalität, Führungsfähigkeit und soziale Kompetenz Merkmale und Stärken
älterer Arbeitnehmer sind , die es besser zu nutzen gilt. Die
Weiterbildung älterer Arbeitskräfte wurde bislang sträflich
vernachlässigt. Das zeigt, dass bezüglich der ökonomischen Implikationen
einer Alterung durchaus divergierende Hypothesen möglich sind. Was die
wachstumslimitierenden Effekte eines knapper werdenden
Erwerbspersonenpotentials betrifft, müssen auch die in Deutschland
dominierenden teuren Vorruhestandsregelungen auf den Prüfstand. Es wird
wahrscheinlich kein Weg daran vorbei führen: die Lebensarbeitszeit muss
verlängert werden. Alle Anstrengungen müssen darauf konzentriert werden,
die Arbeitsproduktivität zu steigern. Insofern werden der Ausbildung und
Weiterqualifikation sowie der Innovationspolitik künftighin besondere
Bedeutung zukommen.
2.2. Das Risiko eines Vermögenswertverfalls
Eine Frage, die gegenwärtig besonders lebhaft diskutiert wird, ist jene
nach dem Risiko eines demographisch bedingten Verfalls der Renditen bzw.
Vermögenswerte ("asset-meltdown") . Die Überlegungen derer, die vor
einem solchen Risiko warnen, basieren auf den Implikationen von
Lebenszyklus-Modellen, wie sie vor allem der Wirtschaftsnobelpreisträger
Franco Modigliani in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts
formulierte. Danach versuchen Menschen im Laufe ihres Lebens ihren
Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Das bedeutet, dass sie während des
Arbeitslebens, in dem sie gut verdienen, sparen, um dann am Lebensabend
von diesen Guthaben zu leben. Letzteres kann auch heißen, dass
angesammeltes Geldvermögen wieder verkauft wird. Das Sparverhalten
ändert sich somit im Laufe eines Lebens. In Gesellschaften mit
Verjüngungstendenzen wird demzufolge mehr gespart, in alternden
Gesellschaften hingegen entspart. Folgt man dieser Hypothese, stellen
junge Gesellschaften Geld für Investitionen zur Verfügung, d.h. die
Wirtschaft wächst, in alternden Gesellschaften wird demgegenüber der
Anteil der Ersparnisse am Bruttoinlandsprodukt zurückgehen und muss sich
demzufolge das Wirtschaftswachstum verlangsamen.
Das hat auch Auswirkungen auf die Geld- und Kapitalmärkte. Die Sparwelle
junger und dynamischer Gesellschaften treibt die Kurse von Aktien und
Anleihen in die Höhe, wobei vor allem die Aktien eine interessante
Anlageform darstellen, da sie erfahrungsgemäß unter langfristigen
Perspektiven und unter Berücksichtigung von Vermögenswertsteigerungen
besonders renditeträchtig sind. Aber auch Investitionen in Immobilien
erscheinen bei wirtschaftlich und bevölkerungsmäßig expandierenden
Volkswirtschaften interessant, da sie - vor allem bei inflationärem
Umfeld - neben regelmäßigen Mieteinnahmen Werterhalt und
Wertsteigerungen versprechen. Im Lauf des Lebens ändert sich aber das
Anlegerverhalten. Mit zunehmendem Alter steigt man aus den riskanteren
Aktien aus und wechselt hinüber in angeblich sicherere Staatspapiere und
Anleihen. Bei Auflösung von Guthaben bzw. Geldvermögensbeständen kommt
es gleichzeitig zu starken Kursverlusten mit dem Ergebnis, dass die
Zinsen bzw. Renditen fallen. Es wird nach Ansicht mancher Experten immer
schwieriger, sich gegen diese Kapitalmarktrisiken alternder
Gesellschaften abzusichern. Auf alle Fälle sinkt die Sparneigung und
Kapitalbildung mit der Folge abnehmenden Wirtschaftswachstums. Dies hat
- so die Hypothese - auch Auswirkungen auf das Immobilienvermögen.
Werden größere Bestände zwecks Absicherung eines erträumten
Lebensstandards auf den Markt geworfen und verkauft, kommt es zu einem
Preisverfall und zu Vermögenswertverlusten, was bei einer
Vermögensabhängigkeit des privaten Konsums wiederum die
gesamtwirtschaftliche Nachfrage schrumpfen lässt.
Gemäß diesen Modellüberlegungen kann die demographische Entwicklung zu
einem gravierenden Risikofaktor werden. Es wundert daher nicht, dass die
eben skizzierten Hypothesen im wissenschaftlichen Raum eine lebhafte
Diskussion auslösten. Als Ergebnis dieser Diskussion kann festgehalten
werden, dass es gute Gründe für eine gewisse "Entwarnung" gibt. So
trifft es zu, dass Modigliani vor allem amerikanische Haushalte im
Blickfeld hatte und in Europa mit seinen sozialen Sicherungssystemen ein
anderes Sparverhalten dominiert. Das kann sich aber schnell ändern, wenn
auch hier die private Altersvorsorge zunehmend an Bedeutung gewinnt bzw.
gewinnen muss. Gewichtiger ist, dass Modigliani primär im Modell einer
geschlossenen Volkswirtschaft dachte. Die Globalisierung der
Kapitalmärkte erlaubt es hingegen, an der wirtschaftlichen Entwicklung
junger Volkswirtschaften, die einen gewaltigen Kapitalhunger kennen, zu
partizipieren. Große Aktienfonds können die sich hieraus ergebenden
Chancen ausnutzen und dabei gleichzeitig eine Politik der weltweiten
Risikostreuung praktizieren. Die Finanzmärkte haben bereits auf die
wachsenden demographischen Risiken durch die Konzipierung innovativer
Produkte reagiert. Die Europäische Investitionsbank (EIB) will z.B.
zusammen mit BNP Paribas und dem in Bermuda ansässigen Partner Re einen
25-jährigen Bond (Longvity-Bond) lancieren, dessen Cashflow an die
Mortalität der britischen Bevölkerung gekoppelt ist . Damit können sich
Pensionskassen gegen die Risiken alternder Gesellschaften absichern. Dem
Beispiel dieser neuen Anlagekategorie werden sicherlich bald weitere
folgen.
Auch trifft zu, dass die Rolle des Vererbens unterschätzt wurde. Die
Neigung, seinen Kindern einen möglichst hohen Vermögensbetrag zu
hinterlassen, bremst den Entsparvorgang. Und nochmals sei daran
erinnert, dass die Möglichkeiten einer Steigerung der
Arbeitsproduktivität über eine verstärkte Qualifizierung Arbeitskräfte
bzw. den technischen Fortschritt unterschätzt werden. Auch wird
deutlich, dass pauschale Aussagen zur Entwicklung der
Immobilien-Vermögenswerte problematisch sind. Aufgrund des bereits oben
skizzierten Trends der Heterogenisierung wird deren Wertentwicklung
immer stärker auseinanderklaffen. In vielen Regionen und
Nachfragesegmenten der Wohnungsmärkte können sich Engpässe auftun, die
Miet- und Vermögenswertstiegrungen versprechen.
Außerdem gibt es verschiedene Möglichkeiten, um das in der Immobilie
steckende Kapital zu nutzen. Zu denken ist an den Verkauf auf
Leibrentenbasis und die umgekehrte Hypothek . Grundlage der
Immobilienverrentung ist der Verkauf der Immobilie. Der Kaufpreis wird
in diesem Fall jedoch nicht ausbezahlt, sondern ganz oder teilweise
verrentet. Dabei besteht die Möglichkeit, dem Verkäufer ein
unentgeltliches Wohnungsrecht oder ein Nießbrauchsrecht mit
Instandhaltungspflicht einzuräumen. Der über den kapitalisierten Wert
eines solchen Rechts hinausgehende Wert der Immobilie wird durch eine
zusätzliche monatliche Leibrentenzahlung an den Verkäufer ausgeglichen.
Die umgekehrte Hypothek ermöglicht es dem Immobilieneigentümer, seine
Immobilie zu verpfänden und sie dabei so lange wie gewünscht selbst zu
nutzen. In den USA hat sich diese Form als "reverse mortgage" zu einem
wichtigen Bestandteil des Rentensystems entwickelt. Der mindestens
60-jährige Eigentümer setzt dort sein Haus als Sicherheit für einen
Kredit ein, der ihm in monatlichen Raten ausbezahlt wird. Das Haus
bleibt im Besitz des bisherigen Eigentümers, der für die Instandhaltung
sorgen und weiterhin Steuern und Versicherungen zahlen muss. Abgerechnet
wird nach dem Verkauf der Immobilie durch den Kreditnehmer oder nach
dessen Tod. Diese Entwicklung befindet sich in Deutschland noch in den
Anfängen, könnte aber auch hier an Bedeutung gewinnen.
Auch REITs können eine Option bieten, bei der die demographischen
Risiken begrenzt werden, indem Immobilien aus unterschiedlichen Regionen
und Nationen gehalten werden . Vereinfacht kann man Real Estate
Investment Trusts (REITs), wie sie in den USA existieren, als
Aktiengesellschaften bezeichnen, deren Geschäftsbereich auf den
Immobiliensektor begrenzt ist. Selbst wenn einzelne REITs sich stark
spezialisieren, z. B. nur auf Gewerbeimmobilien eines bestimmten Typs
setzen, kann der einzelne Bürger Anteile an verschiedenen Gesellschaften
erwerben und dadurch sein Anlagerisiko verringern.
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