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Die Chancen des demographischen Wandels für die
Wohnungs- und Städtepolitik
Von Dr. Hans-Michael Brey. Erschienen in: Kreuzer,
Volker; Reicher, Christa; Scholz, Tobias (Hrsg.): Zukunft Alter.
Stadtplanerische Handlungsansätze zur altersgerechten
Quartiersentwicklung, Dortmund 2008, S. (45 - 57)
Der demographische Wandel vollzieht sich seit 30 Jahren,
wird aber erst in jüngster Zeit hinreichend gewürdigt. Frei nach Albert
Schweitzer erkennen die Verantwortlichen, dass keine Zukunft das vermag
gutzumachen, was in der Gegenwart versäumt worden ist . Unstrittig ist,
die bevölkerungsstrukturellen und zahlenmäßigen Veränderungen werden die
räumliche Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland und damit die der
Stadtentwicklung sowie der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft
beeinflussen (ESPON Briefing 2006). Eingebettet ist die Diskussion in
den wirtschaftlichen Strukturwandel: das Erstarken der
Produktionsfaktoren Wissen und Kapital, die Veränderung der
Erwerbsarbeit, der sich ändernde Bedarf an industriell tätigen
Arbeitskräften, die Entstaatlichung des Sozialen und die
Wiederentdeckung des Wettbewerbsprinzips. Stellvertretend für die
Verschiebung von Sozial- und Wettbewerbspolitik sei auf die aktuellen
Entwicklungen in der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft hingewiesen: Der
bisherige gesellschaftliche Konsens, die Wohnung sei ein Sozial- und
kein Handelsgut, rückt immer stärker in der Hintergrund. Das
Immobilienvermögen wird zu einer Vermögenskategorie, die mit anderen
Anlageformen konkurriert. Dies gilt, wie der Erwerb größerer
Wohnungsbestände durch amerikanische Pensionsfonds in den
zurückliegenden Jahren in der Bundesrepublik Deutschland zeigt, auch für
die klassische kommunale Wohnungswirtschaft. So haben in den vergangenen
zwei Jahren ausländische Beteiligungsgesellschaften annähernd 20
Milliarden Euro in eine halbe Million deutsche Wohnungen investiert. Die
größte Transaktion entfiel mit sieben Milliarden Euro 2005 auf den
Verkauf der Viterra mit 138.000 Wohnungen an die Deutsche Annington
(Nomura Gruppe). Und diese Entwicklung könnte in den kommenden Jahren
noch an Dynamik zunehmen, da nach der Studie "Investing in German
Residental Property" der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley
noch etwa zwei Millionen Wohnungen zum Verkauf anstehen. Rund die Hälfte
dieser Wohnungen könnte schon in den kommenden fünf bis sechs Jahren an
den Markt kommen (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.02.06). Hinzu
kommen eine Auflösung des traditionellen Familienverbundes und eine
Singularisierung der Haushalte. In der Konsequenz werden Sozial- und
Wettbewerbspolitik eine neue Symbiose eingehen, die sich positiv auf die
gemeinschaftliche Entwicklung der Städte durch die öffentliche Hand und
die Privatwirtschaft auswirken kann . Aufgrund der Tertiärisierung kommt
es zu einem Bruch mit bisherigen Standortmustern des produzierenden
Gewerbes. In den Städten entstehen wieder Arbeitsplätze. Ferner wird die
Stadt für ältere Menschen als Wohnstandort wahrscheinlich wieder
attraktiv (Norddeutsche Landesbausparkassen 2007). Wird nicht die Ebene
der Stadt, sondern die des Raumes betrachtet, so wird sich die
Bevölkerung in Wachstumsregionen konzentrieren (Deutsche Kreditbank
2005). Die Verantwortlichen in den Städten sowie in der Wohnungs- und
Immobilienwirtschaft werden sich die Frage stellen müssen, wie sie auf
die demographischen Herausforderungen reagieren können, um im Sinne
einer erfolgreichen Standortpolitik die Aspekte der Wirtschaft und des
sozialen Ausgleichs miteinander in Einklang zu bringen (Bundesdrucksache
2004: 13ff). Im Folgenden ist somit darzustellen, wie sich die
demographische Entwicklung auf die Stadtentwicklung sowie Wohnungs- und
Immobilienwirtschaft auswirkt und was getan werden muss, damit die
Städte nicht nur erfolgreich mit dem Faktor Demographie umgehen, sondern
auch als Wirtschaftsstandort attraktiv bleiben.
1. Was heißt
demographischer Wandel?
Das Bild der zukünftigen Bevölkerungsentwicklung wird
häufig mit den Schlagworten "weniger, grauer, bunter und vereinzelt"
beschrieben (Klemmer 2004: 12ff). Dies gilt insbesondere für die neuen
Bundesländer und das Ruhrgebiet. Beide Teilgebiete eilen, was den
Einwohnerrückgang und die Entwicklung der Altersstruktur betrifft, dem
allgemeinen Entwicklungstrend etwa um 15 bis 20 Jahre voraus. In diesen
Regionen wird darum bereits heute sichtbar, was die Mehrheit der
deutschen Regionen, aber auch der Regionen Europas , zeitverzögert
erfahren wird. Somit wird sich die Bevölkerungsstruktur in der
Bundsrepublik Deutschland verschieben: Aufgrund der niedrigen
Geburtenraten werden wir weniger, grauer aufgrund des steigenden Alters
und bunter aufgrund der steigenden Anzahl von Personen mit einem
Migrationshintergrund. Das Attribut "vereinzelt" deutet auf den Wandel
der Lebensweisen und Haushaltsformen hin, auf den in einem besonderen
Maße die Stadtentwicklung und die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft
reagieren werden müssen.
Wir werden weniger: Nach den Berechnungen der 10. koordinierten
Bevölkerungsprognose wird die Bevölkerungszahl in Deutschland von 83
Millionen im Jahre 2002 auf 75 Millionen Menschen im Jahre 2050
zurückgehen . Dieser demographische Wandel wird sich auf den Wohlstand,
den Lebensstandard und die Beziehungen zwischen den Generationen
auswirken. Im modernen Europa hat es niemals wirtschaftliches Wachstum
ohne Geburten gegeben.
Wir werden älter: Die Lebenserwartung hat sich im letzten Jahrhundert
durch ein Zusammenspiel von steigendem Wohlstand, Bildung, gesunder
Ernährung, humaneren Arbeitsbedingungen mit geringerem körperlichem
Verschleiß, verbesserter Hygiene, sozialer Fürsorge und medizinischer
Versorgung stark erhöht. So ist die Lebenserwartung neugeborener Kinder
heute um 30 Jahre höher als noch vor 100 Jahren. Nach der mittleren
Annahme des Statistischen Bundesamtes wird die Lebenserwartung eines
neugeborenen Jungen 2050 81,1 und eines Mädchens 86,6 Jahre betragen und
damit ca. sechs Jahre höher als heute liegen (Destatis 2003: 19f.). Mit
der zunehmenden Lebenserwartung steigt die Zahl der über 80-Jährigen
erheblich an. Heute hat diese Gruppe einen Anteil von 4% der
Bevölkerung, dieser wird sich bis 2050 verdreifachen (Destatis 2003:
31). In der Konsequenz führt die höhere Lebenserwartung in Europa dazu,
dass die Staatsausgaben für Gesundheit und Rente kontinuierlich steigen
werden.
Wir werden bunter: In der gesamtdeutschen Betrachtung ist für die
zukünftige Bevölkerungszahl und Alterstruktur vor allem der Saldo der
Außenwanderung von Bedeutung. Die hohe Zahl von Migranten in den 1960er
und 1970er Jahren bildete das Fundament des hohen Sockels ausländischer
Bevölkerung, die meist schon in der zweiten oder dritten Generation in
Deutschland lebt. Zwischen 1960 und 2000 wurde durchschnittlich ein
jährlicher positiver Wanderungssaldo von 250.000 Personen erreicht. Im
Gegensatz zur Lebenserwartung und zur Geburtenhäufigkeit ist eine
Prognose der künftigen Wanderungsbewegungen unsicher, da sie von den
politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten in den Herkunftsländern
wie auch der Bundesrepublik Deutschland abhängt. Das Statistische
Bundesamt rechnet mit drei Varianten, nach denen bis 2050 ein
Wanderungsüberschuss zwischen 5,7 und 14,5 Millionen Personen erzielt
wird. In jedem Fall sind die nach Deutschland zuziehenden Ausländer im
Durchschnitt jünger als die Wegziehenden, sodass sich ein
Verjüngungseffekt ergibt (Destatis 2003: 22). In der Konsequenz werden
aber die Integrationsbemühungen in der Bundesrepublik Deutschland
zunehmen müssen, um die Auswirkungen der bereits existierenden
Parallelgesellschaft möglichst zu minimieren (Der Spiegel vom 26.03.07).
Ferner ist davon auszugehen, dass die Zuwanderer sich in den
wirtschaftlichen starken Zentren niederlassen werden, was zu besonderen
Herausforderungen in der Stadtentwicklung führen wird. So wird sich der
Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Nordrhein-Westfalen,
ausgehend von 1992, bis zum Jahr 2010 nahezu verdreifachen. In der
Konsequenz der demographischen Entwicklung verschieben sich in
Deutschland die Anteile zwischen den Altersgruppen zu Ungunsten der
jüngeren Bevölkerung. So wird sich in einem Zeitraum von 100 Jahren,
zwischen 1950 und 2050, der Jugendquotient von 50,8 auf 29,7 Personen
verringern (Deutscher Verband 2007: 13). Für die räumliche Konzentration
ist zu erwarten, dass auf allen räumlichen Maßstabsebenen ein
Nebeneinander von Wachstum und Schrumpfung zu verzeichnen sein wird.
Diese bipolaren Prozesse lassen sich gesamtdeutsch, interregional,
stadtregional sowie interkommunal beobachten. Somit stellt sich die
Frage nach den Entwicklungskorridoren und den Handlungsmöglichkeiten für
die Städte- und Wohnungspolitik "vor Ort".
2. Welche Entwicklungskorridore ergeben sich für die
Städte- und die Wohnungspolitik?
Welche Entwicklungskorridore ergeben sich für die
Städtepolitik?
In der Konsequenz der oben aufgezeigten bipolaren Prozesse werden alle
Städte und Regionen einem immer härteren Wettbewerb um Ansiedlungen wie
auch um demographisches Nachwuchspotential unterliegen. Während in nicht
wenigen Städten der Prozess der Deindustrialisierung durch
Produktspezialisierungen, innovative Technologien und neue urbane
Dienstleistungen kompensiert werden kann, steigt andererseits die Zahl
der Städte, die keine selbsttragende Wirtschaftskraft mehr haben oder
sie durch Unternehmensentscheidungen plötzlich verlieren. Kurzfristige
Folgen des Bevölkerungsrückgangs sind u.a. fehlende Nachfrage nach
Dienstleistungen, Kaufkraftverluste, Wohnungsleerstand, sinkende
Steuereinnahmen und Schlüsselzuweisungen, eine geringere
Infrastrukturauslastung, verbunden mit höheren Betriebskosten. In der
Konsequenz der negativen demographischen Entwicklung entsteht eine
Problemspirale für die Wohnungs- und Städtepolitik, die durch die
folgenden Merkmale charakterisiert wird: Bevölkerungsrückgang,
Abwanderung, hohe Sockelarbeitslosigkeit, Verlust weiterer
Arbeitsplätze, Rückgang der Kaufkraft, Rückgang der Kommunalfinanzen,
Anstieg des baulichen Funktionsverlusts sowie Schließung und Anpassung
öffentlicher Einrichtungen. Vor diesem Hintergrund existieren in der
Stadtentwicklung derzeit zwei Szenarien, die die Diskussion
beeinflussen: Das erste Szenario wird mit "Suburbanisierung"
umschrieben. Das zweite Szenario geht von einer Reurbanisierung der
Zentren aus, um mit rückläufigen Ressourcen dem öffentlichen Auftrag der
Daseinsvorsorge hinreichend gerecht zu werden. Als richtungsweisend für
die Stadtentwicklung wird der Strukturwandel in der Wirtschaft
angesehen. Der Prozess der funktionalen Konzentration, der eine
europäische Dimension besitzt, wird für die klassischen deutschen
Funktionsträger eine große Herausforderung sein, mit Auswirkungen nicht
nur auf den Wohnungsmarkt und die städtische Entwicklung, sondern auch
auf das gesamtstädtische Gefüge. Regional divergierende
Arbeitsmarktperspektiven münden in ein Wanderungsgefälle, bei dem
wachstumsschwache Gebiete jüngere Altersgruppen zu Gunsten
wachstumsstärkerer Gebiete abgeben. Hier werden alle Städte
Herangehensweisen entwickeln müssen, in denen soziale, städtebauliche
und wirtschaftliche Aspekte gleichermaßen nebeneinander stehen
(Deutscher Verband 2005: 2ff). In den Städten könnten somit wieder
Arbeitsplätze entstehen und sie könnten auch für Ältere als Wohnstandort
wieder interessant werden, wenn die notwendigen politischen
Weichenstellungen auf nationaler wie europäischer Ebene erfolgen. Die
Bundesregierung hat aktuell auf die Herausforderungen mit dem Gesetz zur
Erleichterung von Planungsvorhaben für die Innenentwicklung der Städte
reagiert. Ziel des Gesetzes, welches am 10. November 2006 im Deutschen
Bundestag verabschiedet wurde, ist es, beschleunigte Verfahren für
Bebauungspläne einzuführen, die der Innenentwicklung der Städte und
Gemeinden dienen sowie dem bestehenden Anpassungs- und
Investitionsbedarf Rechnung tragen und damit einer nachhaltigen
Stadtentwicklung entgegenkommen. Auf europäischer Ebene wird die
Gemeinschaftsinitiative "Urban" in die Mainstreamförderung zur
Strukturfondsperiode 2007 bis 2013 überführt, um benachteiligte
Quartiere aus ihrer wirtschaftlichen und sozialen Isolation
herauszuführen. Zeitgleich hat die Bundesregierung die Themen "Zukunft
der Städte" und "Territoriale Kohäsion" gleichberechtigt auf die
politische Agenda zur Deutschen Ratspräsidentschaft gesetzt, um einen
nationalen wie europäischen Diskussionsprozess zu initiieren (Brey 2006:
47).
Aus dem bisher Dargestellten wird deutlich, dass die Konsequenzen des
demographischen Wandels eine umfassende Intervention in viele städtische
Politikfelder erfordern. In der Konsequenz der absehbaren räumlichen
Entwicklungen müssen heute langfristig Richtlinien entwickelt werden,
die die vitalen Strukturen der Städte stärken. Durch eine
Qualitätsoffensive "Stadt" sind die Lebensbedingungen für alle
Generationen zu verbessern, um so die Nutzungsintensität der vorhandenen
Strukturen zu erhalten, gegebenenfalls zu verbessern und soweit möglich
nachhaltige Siedlungsstrukturen zu schaffen. Der wirtschaftsstrukturelle
Wandel, gepaart mit dem demographischen Wandel, muss in eine Kooperation
der Gebietskörperschaften und der privaten Wirtschaft münden.
Voraussetzung hierfür ist, dass die Veränderungsprozesse akzeptiert und
in den Wachstums- wie auch den Schrumpfungsregionen in einen
Strategiemix aus Anpassungs- und Gegensteuerungsmaßnahmen überführt
werden. Ansatzpunkte sind die räumlichen Ebenen: das Quartier, die
Kommune, die Region oder auch das Land.
Welche Entwicklungskorridore ergeben sich für die Wohnungspolitik?
Für die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft sind vor dem Hintergrund der
demographischen Entwicklung vor allem die Phänomene Schrumpfung,
Heterogenisierung, Binnen- sowie Stadt- und Umlandwanderung und Alterung
bzw. Singularisierung von Bedeutung. Hinzu kommt das Phänomen sich
verändernder Lebensstile. In der Konsequenz dieser Entwicklung wird der
Neubau in seiner Bedeutung abnehmen, die Bestandsentwicklung wichtiger
werden. Ferner drängen stadt- und siedlungsstrukturelle Aspekte des
Wohnens in den Vordergrund und legen eine stärkere Vernetzung und
Verzahnung mit Fragen der Stadtentwicklung nahe. Hier kann und sollte
das Wohnungswesen eine stärkere integrative Ausrichtung erhalten. Dabei
geht es sowohl um die soziale und ethnische wie auch um die regionale
Integration im Sinne einer erfolgreichen Standortentwicklung. Darüber
hinaus sind zwei gegenläufige Trends für die weitere Entwicklung von
Bedeutung: Zum einen wird sich der Arbeitsmarkt demographisch bedingt
wandeln, da das Potential an Erwerbspersonen schrumpft. Somit wird der
Arbeitsmarkt der Zukunft durch einen Fachkräftemangel geprägt sein.
Diese Fachkräfte werden ein langfristig gesichertes und vermutlich auch
steigendes Einkommen haben. Ferner werden Frauen ein wichtiger Faktor
zur Deckung des Fachkräftemangels, die sogenannte "stille Reserve"
strömt auf den Arbeitsmarkt. In der Konsequenz wird es sehr viel mehr
Haushalte mit doppeltem Einkommen geben. Zielgruppen wie Singles mit
einem hohen Einkommen, oder DINKS (double income no kids) werden für die
Wohnungs- und Immobilienwirtschaft temporär und regional an Bedeutung
gewinnen. Es kann davon ausgegangenen werden, dass das Anspruchsniveau
dieser Zielgruppen im Hinblick auf den Wohnungsmarkt weiter steigen wird
(VdW Rheinland Westfalen 2002: 113f.). Zum anderen werden sich durch den
Trend der Zunahme älterer Bevölkerung – nach Prognosen wird die Zahl der
Haushalte mit einem Haushaltsvorstand im Alter von 65 Jahren oder mehr
bis 2020 um 1,4 Millionen auf dann 12,3 Millionen Haushalte anwachsen
(GdW Gesamtverband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft 2006: 55) –
und eine sinkende Leistungsfähigkeit in der Versorgung durch
Familienmitglieder die Ansprüche an Quartiere, Wohnungen und an die
Infrastruktur verändern. Hinzu kommen sich immer weiter
ausdifferenzierende Lebensstile: Neue Haushaltstypen und -strukturen
verdrängen zunehmend die "Normal-Familie" als zentrales Lebens- und auch
Planungsmuster. Des Weiteren kommen neue Lebensstile hinzu, da die
Verbindung zwischen Demographie und Nachfrage sich zunehmend auflöst:
Traditionelle demographische Dimensionen der Abgrenzung von
Nachfrageverhalten, u.a. Einkommen, Familienstand oder auch die
Altersklasse, werden immer weniger aussagekräftig. An ihre Stelle treten
Lebensstile, die auf Seiten der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in
die Notwendigkeit münden, Zielgruppen neu zu definieren (VdW Rheinland
Westfalen 2002: 67f.). In der Konsequenz wird sich die Wohnungs- und
Immobilienwirtschaft darauf einstellen müssen, dass Immobilien zwei
Komponenten haben: die Hard- und die Software. Das Haus, die Hardware,
ist dann erfolgreich konzipiert, wenn es gelingt, es möglichst lang an
die unterschiedlichen Wünsche anzupassen. Somit ist freie Nutzbarkeit
gefordert. Die Software eines Hauses, die leicht veränderbare
Komponenten wie Ausstattung, Design, Marketing und Service umfasst, hat
darauf zu achten, dass Wohnraum zu einem langlebigen Produkt wird,
welches regelmäßig überholt und damit an die aktuellen Herausforderungen
angepasst wird. Es kann davon ausgegangen werden, dass Angebotsüberhänge
in Wohnungsmärkten auch in Regionen mit stabilen Bevölkerungszahlen –
und nicht nur in Schrumpfungsregionen – entstehen können. Dies wird die
besondere Herausforderung für Stadtentwickler und Wohnungswirtschaftler
gleichermaßen sein.
3. Wie differenzieren sich Wohnungsmärkte?
Zur Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen für die Kommune und das
Land aber auch für die Wohnungswirtschaft bedarf es einer kleinteiligen
Analyse. Es ist die Frage zu stellen: Wie und aus welchem Grunde
regionalisieren sich die Wohnungsmärkte? Die Antwort ist zum einen in
dem Umstand zu suchen, dass es historisch begründete Unterschiede in der
Struktur der regionalen Wohnungsbestände gibt. Zum anderen wirkt auch
die immer divergentere Wirtschaftsentwicklung der Regionen als push-
oder auch als pull-Faktor auf den Wohnungsmarkt. Wohlstands- wie auch
Wachstumsinseln stehen regionalen Märkten mit hohen Leerständen und sich
selbst verstärkenden Schrumpfungsprozessen gegenüber (Deutscher Verband
2006: 60). Angespannte Wohnungsmärkte sind so überwiegend in den
Metropolregionen München, Frankfurt, Köln und Stuttgart zu finden.
Entspannte Märkte finden sich auf breiter Front in den neuen
Bundesländern oder auch in Teilen des Ruhrgebietes. Somit wird deutlich,
dass unterschiedliche Problemlagen in divergierenden Teilmärkten
existieren. Hinzu kommt, dass ein scheinbar übersättigter Wohnungsmarkt
bereits heute den Blick auf die Tatsache verstellt, dass sich hinter
einem Überangebot an oftmals teurem Wohnraum eine wachsende Knappheit an
preiswerten, finanzierbaren Wohnungen versteckt. Insbesondere Familien
mit Kindern sowie Alleinerziehende, die nicht der Erbengeneration
angehören, werden sich in Zukunft den teuren Wohnbau nicht mehr leisten
können. In der Konsequenz führt die Komplexität des demographischen
Wandels zu einer Erhöhung des Informationsbedarfs auf allen Seiten, um
die lokale Entwicklung hinreichend korrekt einschätzen zu können.
Auf Seiten der Anbieter ist zunächst einmal zu konstatieren, dass sich
die Anbieterstruktur auf dem deutschen Wohnungsmarkt sehr viel stärker
differenziert. Hier zerfällt die Anbieterstruktur in drei Marktsegmente:
in professionell-gewerbliche Bestandshalter, private Kleinanbieter und
Selbstnutzer (Gesamtverband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft 2006:
120f.). Der Wohnungsmarkt in Deutschland umfasst etwa 39 Millionen
Wohneinheiten. Fast 14 Millionen der etwa 23 Millionen vermieteten
Wohnungen werden von privaten Kleinanbietern und Amateurvermietern
angeboten. Professionell-gewerbliche Anbieter verwalten in Deutschland
ca. zehn Millionen Wohnungen. In diesem Bereich dominieren kleinere bis
mittlere Unternehmen mit einem Wohnungsbestand von bis zu 2.000
Einheiten. Dazu gehören Genossenschaften, öffentliche
Wohnungsunternehmen mit kommunalen Mehrheitsbeteiligungen,
privatwirtschaftliche und kirchlich gebundene Wohnungsunternehmen sowie
Banken und Fonds als kleinere Anbieter. Sie bewirtschaften etwa 80% der
Wohnungsbestände der professionellen Bestandshalter. Etwa 16% der von
professionell-gewerblichen Eigentümern bewirtschafteten Wohnungen
gehören Unternehmen unterschiedlicher Rechtsformen, für die das
Bestandsmanagement von Wohnimmobilien ein eher nachrangiger
Geschäftsbereich ist. Die verschiedenen Akteure des Wohnungsmarktes
unterscheiden sich deutlich in ihren Motivationsstrukturen, was in der
Konsequenz Auswirkungen auf die Gesamtstandorte sowie die
Unternehmensstrategie hat. Die professionell-gewerblichen Anbieter
stellen sich hinsichtlich ihres Markt-, Wettbewerbs- und
Standortverhaltens als eine eher heterogene Gruppe dar (Deutscher
Verband 2006: 7). So verfolgen kommunale und öffentliche Unternehmen
eine eher langfristig angelegte Unternehmenspolitik, deren Ziele
vorrangig in der Erfüllung sozialer und ökologischer Belange bestehen.
Dazu gehört auch die Sicherung der kommunalen Wohnraumversorgung.
Genossenschaften besitzen in der Regel kleinräumig fokussierte Bestände.
Sie verfolgen in erster Linie das Ziel, ihre Mitglieder mit
kostengünstigem Wohnraum zu versorgen. Privatwirtschaftliche Unternehmen
wurden hauptsächlich in den 1990er Jahren gegründet. Sie entstanden u.a.
als Resultat einer breiten Privatisierungsstrategie öffentlicher
Wohnungsunternehmen, des Bankenverbunds sowie der Industrie. Nach dem
Wegfall der Gemeinnützigkeit Anfang der 1990er Jahre nutzen diese
Unternehmen die veränderten Rahmenbedingungen, um
immobilienwirtschaftliche Optimierungsstrategien zu entwickeln. Die
ökonomischen Ziele dominieren dabei noch über städtebauliche und soziale
Ziele.
Trotz der Höhe des Anteils privater Kleinanleger und "Amateurvermieter"
am Gesamtmarkt ist deren Bedeutung aufgrund des geringen
Professionalisierungsgrades und der kleinen Unternehmensgröße gering.
Sie verfügen über gute regionale Marktkenntnisse und passen sich eher
den Preisen an, als dass sie versuchen, auf die Entwicklungen
gestalterisch einzuwirken. Hinsichtlich des Investitionsverhaltens
unterscheiden sich die Optionen deutlich voneinander.
Generell gilt, dass sich innerhalb der Anbieterstruktur eine gewisse
Polarisierung von Größenstrukturen abzeichnet, die Auswirkungen auf den
Umgang mit den demographischen Herausforderungen in der Wohnungspolitik
haben werden: Zum einen besteht ein Trend zur Atomisierung der
Anbieterstrukturen: In allen Märkten erscheinen neue, meist lokal
fokussierte Kleinanbieter. Gleichzeitig sind aufgrund von
Größenvorteilen Bündelungstendenzen bei einigen Marktteilnehmern zu
verzeichnen. Diese zumeist internationalen Finanzinvestoren verfolgen
überwiegend noch eine kurz- bis mittelfristige Strategie (Lammerskitten
2007: 77ff) . Die gekauften bzw. entstehenden neuen Gesellschaften
entwickeln unter dem ökonomischen Druck dynamische Geschäftsmodelle mit
einem aktiven Immobilienhandel auf der Ebene mittlerer und kleinerer
Teilportfolien. Bestandsinvestitionen erfolgen dort, wo eine
Privatisierung von Beständen erfolgreich erscheint.
In Bezug auf die Nachfrager hat sich in den zurückliegenden Jahren
ebenso eine differenzierte Betrachtungsweise von Marktsegmenten
durchgesetzt. Dies bezog sich zunächst nur auf den Wohneigentumsmarkt,
hat sich in jüngster Zeit aber auch auf den Mietermarkt erstreckt. Die
bereits oben aufgezeigte Pluralisierung der Lebensstile fungierte Ende
der 1990er Jahre als Argumentationshilfe für die Prognose einer sich
verändernden Nachfrage . Erweitert wurde das Blickfeld dann noch einmal
durch die in den Fokus rückende demographische Entwicklung. Im Zuge
dieser Diskussion sind Familien und Senioren, insbesondere die
finanzkräftigeren älteren Bevölkerungsschichten, verstärkt in das
Blickfeld eines weiterhin zu optimierenden städtischen Wohnungsmarktes
geraten. In diesem Kontext kommt auch der sozialen Infrastruktur, der
Gestaltung des Wohnumfeldes – zur Aufwertung des Standortes – sowie der
Wohnung eine erhebliche Bedeutung zu. So ergaben Untersuchungen, dass
die Kinderzimmer bei Wohnungen im Eigentumssegment im Mittel etwa drei
Quadratmeter größer sind. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass die
Kinderfreundlichkeit von Bestandswohnungen deutlich angehoben werden
könnte. Ähnliche Optimierungstendenzen gelten für die Wohnbedürfnisse im
Alter. So zeigt die Empirica-Studie "Wohnformen der Zukunft", wie sich
zum einen die Lebensphasen im Alter entwickeln, zum anderen wird
deutlich, dass es nicht das Modell für die altengerechte Stadt oder für
den Wohnanbieter gibt (Norddeutsche Landesbausparkassen 2007: 39ff). Und
somit stellt sich die Frage nach den möglichen Handlungsstrategien.
4. Welche Strategien gibt es auf Seiten der Wohnungs- und der
Städtepolitik?
Einleitend ist festzustellen, dass sich aufgrund der demographischen
Herausforderungen das Altersbild in unserer Gesellschaft verschieben
sollte, dem derzeit ein negatives Image anhaftet. Auch wenn das Gros der
Alten u.a. aufgrund ihrer Erwerbsbiographie nicht dem Bild des "jungen
Alten" entsprechen wird, so kann ein Blick in die USA oder nach
Großbritannien deutlich machen: Alt bedeutet in der Zeit zwischen 60 und
80 nicht zwangsläufig gebrechlich zu sein. Im Gegenteil, die Betonung
der Aktivität, des gesellschaftlichen Umgangs mit Gleichgesinnten sowie
der Unabhängigkeit stehen in angelsächsisch geprägten Ländern im
Vordergrund: Alte Menschen sind modern und lebenslustig . Die bereits
erwähnte Empirica-Studie "Wohnformern der Zukunft" weist auch noch
einmal darauf hin, dass bei den Handlungsstrategien die "jungen Alten"
(60- bis 70-Jährige), die "mittleren Alten" (70- bis 80-Jährige) und die
"alten Alten" (über 80-Jährige) in Betracht gezogen werden sollten
(Norddeutsche Landesbausparkassen 2007: 39ff) . Das bedeutet für den
Anbieter von Wohnraum: Ein nennenswertes Pflegefallrisiko wird
statistisch gesehen erst ab 80 Jahren vorliegen. Ferner ist, laut der
10. koordinierten Bevölkerungsprognose, für die kommende Dekade bei den
Alten noch von einem Frauenüberschuss aufgrund der Auswirkungen des
Zweiten Weltkrieges auszugehen; dieser wird sich dann aber zu Gunsten
von mehr älteren Paaren und älteren Männern verschieben. Hierauf werden
auch die Städte und Wohnungsbaugesellschaften in ihren Angeboten zu
reagieren haben. Soll heißen: Paare werden mittelfristig eine größere
Anzahl an Zimmern nachfragen als Einzelpersonen, Frühruheständler werden
ein anderes Wohnungsangebot nachfragen als Hochbetagte. Erste werden
eher die Komfort- oder auch Freizeitwohnung nachfragen, Letztere werden
übergehend vom Betreuten Wohnen in die ambulante Pflege und schließlich
in die stationäre Pflege wechseln. Erste werden sich beispielsweise in
der Stadtteilarbeit im Bereich der Nachbarschaftshilfe engagieren
können. Letztere werden verstärkt die Nachbarschaftshilfe nachfragen.
Dieses sich verändernde Nachfrageverhalten im Alter wird auf den
Seniorenimmobilienmarkt dahingehend wirken, dass dieser sich
ausdifferenziert und zahlreiche Alternativen im Um- und auch Neubau
angeboten werden. Es ist somit davon auszugehen, dass die vorstellbaren
Wohnformen von normalen Wohnungen ohne Dienstleistungen über ein
integriertes Dienstleistungsangebot bis hin zu Wohngemeinschaften
reichen werden (Eichner 2007: 4ff). Augenfällig ist, dass die normalen
Wohnformen mit altersgerechten Dienst- oder auch Serviceleistungen bzw.
der Umbau der Wohnungen von der Mehrheit der Befragten einem Aufenthalt
in der Seniorenresidenz, einer Wohnung im Haus der Kinder oder auch
einem Altenwohnheim sehr deutlich vorgezogen wird: So sprechen sich
beispielsweise 37,1% der Befragten in Westdeutschland für Betreutes
Wohnen bzw. Wohnen mit Servicecharakter aus, 26,1% für ein Alten- oder
auch Pflegeheim, 18,2% bevorzugen ein Verbundkonzept, 9,2% eine
Seniorenresidenz, 4,7% das altersgerechte Wohnen und ebenso 4,7% ein
Altenwohnheim. Damit liegen die Verbundkonzepte in der Bundesrepublik
Deutschland momentan im Trend: Altenpflegeheime und –wohnheime nehmen in
ihrer Bedeutung ab, Seniorenresidenzen, Betreutes Wohnen und
Verbundkonzepte nehmen in ihrer Bedeutung zu. Allerdings ist hier noch
einmal hinsichtlich der Nachfrageseite zu differenzieren: die stärkste
Nachfrage nach Verbundkonzepten bzw. nach einem altengerechten Wohnen
liegt im mittleren bzw. oberen Preisniveau. Beim Betreuten Wohnen liegen
mittleres und unteres Preisniveau hinsichtlich der Nachfrage etwa gleich
auf. Seniorenresidenzen werden im mittleren Preisniveau, Altenwohn- und
Pflegeheime werden sehr stark im unteren Preisniveau nachgefragt werden
(Eichner 2007: 8ff). Auf die Frage, welches Marktpotential
altersgerechte Wohnformen haben werden, vermag ein Blick nach Freiburg
im Breisgau eine erste Antwort zu geben (Klemmer 2004: 17f.). Freiburg
hat es in den zurückliegenden Jahren geschafft, sein demographisches
Potential u.a. aufgrund des Zuzugs älterer Menschen zu stabilisieren. In
der Konsequenz dieser Bemühungen liegt der Versorgungsgrad
altersgerechter Wohnformen bei etwa 33%, d.h. ein Drittel des
Wohnungsbestandes ist auf die Bedürfnisse von älteren Menschen baulich
vorbereitet worden. Werden die Versorgungsgrade für ältere Menschen von
Köln, Münster, Mühlheim/Ruhr oder auch Essen hierzu in Bezug gesetzt, so
ist festzustellen, dass der Grad der Versorgung zwischen 14,3% und 23%
schwankt. Somit kann gefolgert werden, dass ein nicht zu
unterschätzendes Marktpotential für altersgerechte Wohnformen besteht.
Hier ist die Wohnungs-, die Bau- sowie die Kreditwirtschaft nebst den
Kommunen gleichermaßen gefordert. Folgende strategische Überlegungen
beim Wohnungsneubau sollten in Betracht gezogen werden: Beim Neubau von
Wohnungen sollten Komfortwohnen für Ältere errichtet werden; ein
Abschied von der Klinikarchitektur steigert die Akzeptanz. Hier können
Verbundeinrichtungen von "Service Wohnen" und stationäre Pflege für eine
gesteigerte Nachfrage sorgen. Ferner ist Wert zu legen auf eine
wohnliche und moderne Architektur. Kundenorientierte Pflegewohnheime
zeichnen sich durch optimale Belichtung und Besonnung, durch kurze
Funktionswege, einen geschützten Innenhof, keine Zimmer in Nordlage
sowie attraktive Gemeinschaftsräume aus. Ferner sind die
architektonischen Überlegungen durch kundenorientierte
Betreuungsangebote abzurunden: Eine Whiskyprobe ist unter Umständen dem
Leben mehr zugewandt als gemeinsames Plätzchenbacken im Sommer. Für eine
selbstständige Lebensführung bis in das hohe Alter sind darüber hinaus
ein Wohnumfeld der kurzen Wege, einfach und sicher zu erreichende
Einkaufsmöglichkeiten im Quartier sowie eine ausgebaute Infrastruktur
zur Befriedigung kultureller und sozialer Bedürfnisse wichtige
Voraussetzungen. Diese Rahmenbedingungen zu schaffen und zu erhalten,
sind zentrale Ziele der Wohnungsunternehmen u.a. in Bezug auf ihr
Engagement in der Quartiersentwicklung. Nicht alle Faktoren sind dabei
von Unternehmen selbst zu beeinflussen. Allein in einer verlässlichen
Partnerschaft aus Kommunen und Bürgern, den Wohnungsunternehmen und den
sozialen Trägern lässt sich die Bereitstellung von altengerechtem Wohn-
und Lebensraum unternehmerisch umsetzen. Hier wird den Kommunen vor dem
Hintergrund der demographischen Veränderungen, die sich auch in der
städtebaulichen Entwicklung niederschlagen, eine entscheidende Bedeutung
zukommen.
Mit Blick auf die Handlungsstrategien heißt das für die
Wohnungsbaugesellschaften und die Städte, dass es zahlreiche
Alternativen für das Wohnen im Alter gibt: Diese reichen von einer
altersgerechten Anpassung der Bestandswohnung, über eine altersgerechte
Wohnung ohne integrierte Betreuung, bis hin zu betreutem Wohnen,
Verbundeinrichtungen, Seniorenresidenzen und Pflegeheimen.
5. Welche politischen Handlungsempfehlungen lassen sich formulieren ?
Es ist zu fragen, ob es einer Neujustierung kommunaler Wohnungspolitik
bzw. der Städtepolitik bedarf und wo die Chancen für die beiden
Politikfelder zu verorten sind.
Mit Blick auf die gebaute Stadt sowie den kommunalen Wohnungsmarkt ist
deutlich geworden, dass die Phänomene Alterung, Schrumpfung,
Heterogenisierung sowie Binnen-, Stadt- und Umlandwanderungen der
Bevölkerung zentrale Herausforderungen sind. Das Label "entspannter"
oder "angespannter Markt" ist nicht hilfreich, da unterschiedliche
Problemlagen in den Teilmärkten einer Stadt bzw. einem Quartier
existieren. In der Entwicklung lokaler Wohnungsmärkte und –bestände wird
dem Um- und dem Rückbau eine sehr viel größere Bedeutung als bisher
zukommen. Der Transformationsprozess städtischer Wohnungsmärkte wird
nicht kurzfristig bewältigt werden können. Ihn voranzutreiben ist eine
Daueraufgabe, die Städte und Gemeinden mit ihren
Wohnungsbaugesellschaften bzw. Bund und Länder nur gemeinsam mit der
Wohnungswirtschaft schultern können. Es bedarf einer Struktur, die die
Zusammenarbeit aller ermöglicht. Ein Prozessmanagement im Sinne einer
Dialogplanung ist zu installieren. Stadtumbauverträge nach § 171 c BauGB
als besondere Ausprägung der bekannten städtebaulichen Verträge
erleichtern die Zusammenarbeit zwischen Immobilien- und
Wohnungswirtschaft sowie Kommunen und Bürgern. Interdisziplinäre
Entwicklungskonzepte, die städtebauliche, immobilienwirtschaftliche
(betriebswirtschaftliche), soziale, ökologische und infrastrukturelle
Prozesse berücksichtigen, sind aufzustellen bzw. fortzuschreiben.
Insbesondere die betriebswirtschaftlichen Sanierungskonzepte der
Wohnungsunternehmen bzw. die Anpassungsstrategien der Unternehmen an
einen sich verändernden Markt müssen sich in den Entwicklungskonzepten
spiegeln. Dazu ist interdisziplinäre Kompetenz im Sinne eines
städtebaulichen Entwicklungskonzeptes, § 171 b Abs. 2 BauGB, in den
Stadtverwaltungen gefordert (Goldschmidt 2007: 89f.). Die Einbeziehung
aller Verantwortlichen vor Ort sollte durch entsprechende
Beteiligungsformen erfolgen. Eine Lenkungsgruppe sollte bei der Kommune
eingerichtet werden, Grundstückseigentümer und Wohnungsunternehmen
sollten in diesen Prozess integriert werden . Gemeinsame
Tätigkeitsfelder werden sein: Konservieren, Umwandeln und Ergänzen von
Beständen. Allen Beteiligten sollte deutlich sein, dass der Stadtumbau
weder von der öffentlichen Hand allein, noch von den Wohnungsunternehmen
allein bewältigt werden kann. Die Banken und Fonds sind sicherlich auch
bereit, in notleidende Wohnungsunternehmen zu investieren, wenn die
öffentliche Hand ebenso in den Stadtteil bzw. den Standort investiert .
Somit ist zu klären, welche private Investition welchen öffentlichen
Rahmen benötigt und ob Förderprogramme überhaupt noch
Investitionsimpulse geben können. In der Konsequenz bedarf es eines
städtischen wie wohnungswirtschaftlichen Leitbildes mit einer
integrierten Betrachtung aller notwendigen Maßnahmen. Diese Maßnahmen
allgemeiner Natur können sein: eine nachfrageorientierte
ressortübergreifende Stadtentwicklungsplanung, ein Prozessmanagement,
die Bündelung staatlicher und privater Aktivitäten, die Initiierung von
Schlüsselprojekten, der Aufbau eines Leerstandsmanagements bzw. eines
Liegenschaftskatasters, die Steuerung des Einzelhandels sowie eine
gezielte Aufwertung des öffentlichen Raumes. Die Wohnungsunternehmen
werden bauliche Maßnahmen vornehmlich im Bestand durchführen,
Wohnumfeldmaßnahmen und Infrastrukturen aufwerten sowie
Serviceleistungen ausbauen. Mit Blick auf die Aufwertung von Beständen
wird dem Thema des "Klimawandels" eine besondere Bedeutung zukommen, da
Beispiele wie die energetische Sanierung des Plattenbaubestandes der
HOWOGE in Berlin nicht nur einen standortprägenden Charakter haben,
sondern auch einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil
generieren (Reute 2007: 62f.).
Wird also eine Antwort auf die Frage nach der Neujustierung versucht, so
sind zwei Betrachtungsebenen notwendig: die der mentalen Prägung und die
der staatlichen Rahmenbedingungen. Es bedarf generell der Bereitschaft,
neue Wege zu gehen. Lippenbekenntnisse helfen nicht. Frei nach Paul
Klemmer ist es momentan noch offen, ob unsere menschliche Phantasie in
der Lage sein wird, Lösungsmodelle für die zu erwartenden
Schrumpfungsprobleme zu konzipieren und ein mögliches Ende von Städten
zu verhindern. Eine Vernetzung von Politikfeldern ist daher
wünschenswert: Stadtentwicklung, Wohnungs- und Wirtschaftspolitik sind
zu verzahnen, Ressortgrenzen zu überwinden. Ferner sind unterschiedliche
Entwicklungsperspektiven zu akzeptieren, um mit differenzierten
finanziellen und planerischen Aktivitäten reagieren zu können. Ein
Augenmerk ist auf die Quartiersebene zu richten. Die Frage, ob kommunale
Bestände von ihren Eigentümern verkauft werden sollten, um die Finanznot
der Gemeinden zu meistern, muss lokal entschieden werden. Generell gilt,
die ideologische Überfrachtung des Themas ist wenig hilfreich, da sich
nicht allgemeingültig beantworten lässt, ob die Wohnimmobilie Handels-
oder Sozialgut ist. Dies muss jeder für sich beantworten. Aus dieser
Positionsbestimmung ergeben sich alle weiteren Handlungsoptionen, wobei
soziale Verantwortung und wirtschaftlicher Erfolg im Sinne einer
sozialen Marktwirtschaft miteinander zur Deckung gebracht werden
sollten.
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