Neue Wege in der städtischen "Wohnungslandschaft": Impulse,
Projekte, Perspektiven
Symposium des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und
Raumordnung e.V. am 17.05.2001 in Halle
Wohnungsleerstand in Ostdeutschland!
Nur eine Not oder auch eine Chance?
Lehren aus dem Leerstandsbericht
Dr. Friedrich Busmann
Beigeordneter, Dezernat Planen und Umwelt, Stadt Halle/Saale
Verstehen Sie bitte meinen vielleicht etwas skeptisch
geratenen Beitrag als Impuls nach dem Motto: Wir können die
große Herausforderung im Umgang mit den wachsenden Problemen in
der ostdeutschen "Wohnungslandschaft" um so besser annehmen, je
weniger Illusionen wir haben.
Mein Motto dazu: Die Aufklärung fortsetzen!
Da wir uns in Leipzig befinden: Vor etwa zwei Jahren nahm ich
an der Stadtwerkstatt Leipzig teil zum Thema
Wohnungsentwicklung. Schwerpunkt war das so genannte letzte
Drittel der Gründerzeitaltbauten. Die Großsiedlungen waren
damals tabu. Obwohl sich der Entleerungsprozess schon deutlich
abzuzeichnen begann. In Sachsen-Anhalt diskutierten die
Denkmalschützer allen Ernstes eine "Unterschutzstellung der
Platte".
In Halle wurden wir etwas früher ernüchtert. Kein Wunder
angesichts der knapp 70.000 Wohnungen in Großsiedlungen. Das
sind die Hälfte des Wohnungsbestandes der viertgrößten Stadt der
ehemaligen DDR, 1/4 des Großsiedlungsbestandes von
Sachsen-Anhalt.
Ich verfasste damals meinen Bericht "Die Entleerungsmotoren".
Die ersten Berichte der statistischen Landesämter lagen vor mit
ihren dramatischen Prognosen, die leider immer mehr bestätigt
werden.
Die Ernüchterung breitet sich jetzt aus. Die Leipziger
Planerin Frau Dr. Döhler fordert jetzt sogar schonungslose
Bestandsaufnahme in ihrem guten Vortrag "Schrumpfung Planen?"
und spart wohl auch Grünau nicht aus.
Das Leerstandsthema, gefolgt vom Schrumpfungsthema, verdrängt
zeitweilig sogar das Thema Arbeitslosigkeit im Osten. Kongresse
auf allen Ebenen: Wohnungswirtschaftsverbände, Difu, Deutscher
Städtetag, Stiftungen, Bürgermeister, die Bundesländer, die
Parteien und Akademien.
Wenn es nicht so dramatisch wäre, man könnte schmunzeln:
wieder einmal läuft nicht nur die Politik, sondern auch die
Raumordnungswissenschaft der Praxis hinterher. Leerstand und
Schrumpfung: Ein sagenhaftes Forschungsfeld.
Leipzig mausert sich zum Zentrum deutscher
Schrumpfungsplanung. Wie schön das aussehen kann, zeigt die
beeindruckende große Ausstellung zu diesem Thema im
Rathausfoyer.
Ende der Illusionen?
Aber bei allem notwendigen Optimismus: Wir müssen noch
genauer hinsehen und Klartext reden. Hier in der
Fachöffentlichkeit ist dies besonders geboten. In der
Bürgeröffentlichkeit fällt der Klartext schon etwas schwerer.
Obwohl ich zunehmend den Eindruck habe, dass es die Bürger eher
zu würdigen wissen, die unangenehme Wahrheit zu hören als den
politisch populäreren Euphemismus.
Die vom Bund eingesetzte Kommission für den
wohnungswirtschaftlichen Strukturwandel (zu Recht auch
Lehmann-Grube-Kommission genannt) war eine Art
Aufklärungskommission. Zunächst einmal für die
Kommissionsmitglieder selbst. Manche Barrieren wurden erst in
der vorletzten Sitzung weggeräumt, z.B. durch die klare
Forderung nach einer umfassenden Abbruchförderung durch Bund und
Länder. Es wurde u.a. klargestellt:
- Der Wohnungsleerstand ist längst ein
flächenhaftes Problem im Osten geworden und kein punktuelles
Problem mehr (wie z.B. von den Banken gerne behauptet).
- Er ist auch nicht einseitig eine Folge
weggebrochener Industriekerne und von Fernwanderung.
- Für die Wohnungsnachfrage sind Haushalte,
nicht Einwohner von Bedeutung. Die Haushalte steigen zwar bis
2015 ostweit noch kräftig an. Aber zum einen gehen sie danach
dramatisch zurück, weil die Haushaltszunahme die
Bevölkerungsschrumpfung nicht mehr kompensieren kann. Und zum
anderen sinkt in den vielen Städten jetzt schon die Zahl der
Haushalte kontinuierlich wegen der starken unveränderten
Abwanderungen. Das mag in Halle etwas stärker sein als in
Leipzig, wo es durch Eingemeindung gelang, die Abwanderung
zumindest rechnerisch wieder etwas zu kompensieren. An der
Zentrifugalbewegung hat dies allerdings nichts geändert.
- Das bedeutet z.B., dass ohne die von der
Kommission empfohlene deutliche politische Kehrtwende in der
gesamten Steuer- und Förderpolitik zugunsten der
Bestandsentwicklung und des selbstgenutzten Wohneigentums im
Bestand der Leerstand in den neuen Bundesländern sich
langfristig noch einmal fast verdoppeln dürfte.
- Das bedeutet u.a. auch: Die EU-Erweiterung
(die uns vielleicht 4 bis 5 Mill. neue "Einwanderer" bringen
wird, wie einige Experten meinen) wird diesen Trend
modifizieren, nicht brechen.
- Auch unabhängig von der Abwanderung fern und
nah entleeren sich die Großsiedlungen. In Halle ist
festzustellen, dass etwa die Hälfte der aus den Großsiedlungen
Abwandernden in der Stadt selbst bleiben und dies trotz
Programm "Soziale Stadt", Exwost-Programm,
Wohnumfeldverbesserung und enormen
Modernisierungsanstrengungen.
- Etwa 2 Drittel aller ostdeutschen Städte
können als Doppelstädte bezeichnet werden mit hohem
Altbauanteil und hohem DDR-Wohnungsbauanteil. Hier gilt: Der
Altbauleerstand ist nach wie vor absolut der höchste, jedoch
stagnierend. Der Großsiedlungs-Leerstand wächst dramatisch. In
Halle waren hier die Fortzüge fast doppelt so hoch wie in der
Gesamtstadt innerhalb der letzten 5 Jahre.
- Der Leerstand hat zwei Quellen: Etwa die
Hälfte der 1 Mio. leerstehenden Wohnungen im Osten liegt im
Altbau und wurde als Ergebnis verfehlter
DDR-Wohnungswirtschaft sozusagen in die Wende gebracht. Die
andere Hälfte ist das Ergebnis neugebauter Wohnungen, Sonder
Afa, Einfamilienhausbauförderung und
Mietwohnungsneubauförderungen haben ihre Wirkung gezeigt,
insbesondere auf die Entleerung der Großsiedlungen.
- 70 % der staatlichen Förderung, auf die ein
Rechtsanspruch bestand, konnte räumlich nicht gesteuert
werden. Letzteres traf nur für die diversen
Städtebauförderprogramme und Modernisierungsprogramme der
Länder zu.
- Der Löwenanteil der Subventionspolitik ging
in Form von KW-Programmen und speziellen
Länder-Modernisierungsprogrammen in die Modernisierung, hier
wiederum stark in die Großsiedlungen. Bittere Erkenntnis: Es
wurde in schrumpfende Märkte bzw. schrumpfende Mieterträge
hinein subventioniert. Inzwischen sind die Erträge so gering,
dass kaum noch ein Wohnungssegment ohne Subventionen in der
ostdeutschen Wohnungslandschaft auskommt. Und: Die zunehmenden
Liquiditätsengpässe der Wohnungsunternehmen resultieren nicht
allein aus dem Leerstand schlechthin, sondern aus der
Kombination von Leerstand und überhöhter
Modernisierungsinvestition. Dies sollte zu denken geben.
- Die wichtigste Gestaltungskomponente für die
Wohnungslandschaft liegt in den nächsten 15 Jahren sozusagen
in der Eigentumskaufkraft und nur marginal in der Nachfrage
nach Mietwohnungen. Wenn es nicht gelingt, die
Eigentumsbildung weg vom Neubau in der Peripherie hin zur
Eigentumsbildung im Altbaubestand zu lenken innerhalb dieser
Frist, sind die wesentlichen Chancen für eine halbwegs
geordnete Stadtgestaltung in den ostdeutschen Städten vertan.
Die Warnung der Kommission ist deutlich: Zerfall der Städte,
Brachen neben Investitionsgebieten und konsolidierten
Gebieten. Patchwork-City. Ich persönlich halte diese Vision
für außerordentlich realistisch. Leider.
Die Empfehlungen der Kommission sind insofern ganz darauf
ausgerichtet, dem Weiter-So-Wie-Bisher in Wohnungswirtschaft und
Städtebau ein Politikszenario entgegenzusetzen. Und zwar sowohl
auf der Ebene der Nachfragesteuerung (Förderpolitik) als auch
auf der Ebene der Angebotssteuerung (Städtebaumanagement).
Wir sollten nicht so gutgläubig sein, als seien die Zeichen
der Zeit von allen Verantwortlichen erkannt worden seien. Einige
Beispiele:
- Die Deutsche Kreditbank (deren
Vorstandsvorsitzender selbst Mitglied der Kommission war)
freut sich, seinen Lesern das Ergebnis einer
Wohnungsmarktstudie in Ostdeutschland mit folgenden Worten
mitteilen zu können: "Die Situation auf dem ostdeutschen
Wohnungsmarkt wird sich auch in Zukunft positiv entwickeln".
(Und dies nur, weil man sich an dem Strohhalm der wachsenden
Zahl der Haushalte bis 2015 festhält). Und fast grotesk:
"Sanierte Plattenbauwohnungen werden sich langfristig am Markt
behaupten." (Hier dient der absolut höchste Leerstand im
Altbaubereich als Strohhalm).
- Übrigens zugleich ein weiteres Beispiel für
den zweckoptimistischen Umgang der Banken mit dem Thema
Leerstand.
- Ein renommiertes
wirtschaftswissenschaftliches Institut, das IWH in Halle,
warnt in seiner umfassenden Analyse zur Wirtschaftssituation
in Sachsen-Anhalt davor, dass zu viele Wohnungen abgebrochen
werden könnten. Denn die EU-Erweiterung könnte einen großen
neuen Wohnungsbedarf erzeugen in den Städten.
- Vertreter namhafter Wohnungsunternehmen
bezweifeln ernsthaft den weiteren Anstieg der Eigentumsquote
und verweisen z.B. auf die niedrigen Eigentumsquoten in der
Schweiz.
- Die besonderen Förderprogramme für die
"Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf" suggerieren,
dass man dem Trend der Entleerung in den Großsiedlungen bei
geschicktem Stadtteilmanagement maßgeblich entgegenwirken
könnte. Gemeint ist das Programm Soziale Stadt, auf
Landesebene z.B. Urban 21 in Sachsen-Anhalt. Als ob die
wenigen hierdurch erzeugbaren Arbeitsplätze den Trend brechen
können. Wenn sie denn erzeugt werden und nicht schlicht
verlagert werden.
- Ich selbst bin zuweilen Gegenstand der
Verwechslung von Ursache und Wirkung, in dem man mir mitteilt:
Kein Wunder, dass die Leute abwandern und die Wohnungen
leerstehen, wenn Sie so reden. Ich rede davon, dass in etwa 10
Jahren 45.000 Wohnungen in Halle leerstehen werden. Zurzeit
sind es 22.000.
Die ganze Härte der Forderung nach Aufklärung offenbart sich
auf der Stadtteilebene im Umgang mit den Bürgern und Mietern in
den Großsiedlungen. Gerade sie haben einen Anspruch auf
Wahrheit. Nehmen wir das Beispiel des Stadtteils Silberhöhe in
Halle, mit noch25.000 Einwohnern eine der 4 Großsiedlungen der
Stadt Halle. Zugegeben ein Extrembeispiel, nicht unbedingt
vergleichbar mit Grünau oder Hellersdorf. Gleichwohl: Täglich
verlassen etwa 2-4 Haushalte den Stadtteil und ein bis zwei
ziehen wieder hinein. Ich zitiere eine I.R.S.-Studie über
Plattensiedlungen in Mecklenburg-Vorpommern, die im Prinzip auch
auf Silberhöhe zutrifft:
"... dass vor allem besser qualifizierte und erwerbstätige
Angestellte mittleren Alters die Siedlungen verlassen und eher
gering oder durchschnittlich qualifizierte Arbeiter sowie
Arbeitslose/Sozialhilfeempfänger nachziehen".
Dies sind die statistischen Wahrheiten. Unter anderem
nachzulesen in einer umfassenden Studie des Bundesamtes für
Bauwesen und Raumordnung aus dem Jahre 2000 zum Thema
"Marktchancen des jüngeren Geschosswohnungsbestandes der neuen
Ländern."
Zur Zukunftsfähigkeit von Großsiedlungen Ich persönlich bin
der festen Auffassung, dass es letztlich unsozial wäre, den
verbleibenden, überwiegend älteren Bürgern die Wahrheit zu
verschweigen oder in sozial-romantische Mäntelchen neuer Art zu
verpacken. Wer jetzt noch verdrängt, verbaut den Betroffenen
eine realistische Perspektive und wird ohnehin bald entlarvt.
Es geht doch eigentlich nur noch darum, wie man die Wahrheit
sagt.
Zur Perspektive gehört natürlich die realistische Darstellung
der Erneuerungschancen der jeweiligen Großsiedlung im
Zusammenhang mit oder besser infolge von Abbruch. Ist die These:
"Abbruch als Chance zur Erneuerung" eine belastbare Grundlage
für gesunde Stadtentwicklung oder womöglich doch nur ein Slogan
oder gar ein letzter Strohhalm? Ob nun das eine oder das andere:
Ich glaube, zumindest politisch haben wir kaum eine andere
Alternative als diese Perspektive. Sie ist tragfähiger als die
Hoffnung der 90er Jahre, allein durch Wohnumfeldverbesserung und
Modernisierung die Großsiedlungen zukunftsfähig zu machen.
Dafür sind die Großsiedlungen schlicht zu groß. Wir sprechen
dabei ostweit von insgesamt ca. 1.460.000 Plattenwohnungen,
fertiggestellt ganz überwiegend zwischen 1971 und 1990. Die
Hälfte der gesamten DDR-Wohnungsbauleistung zwischen 1958 und
1990. Das meiste davon größer als 2500 Wohnungen. 23 % der
Bevölkerung in den neuen Ländern und Berlin Ost leben in diesen
großen Neubausiedlungen.
In Halle decken diese Plattensiedlungen etwa 1/4 der bebauten
Stadtfläche ab. So wahr es ist, dass die Plattensiedlungen
ehrlicher und konsequenter Ausdruck einer Gesellschaftsideologie
sind, die den gleichgeschalteten Menschen zum Ziel hatte, über
dem nur noch die Partei stand, so wenig werden sich diese
Siedlungen in der jetzigen Form in einer Gesellschaft behaupten
können, die die freie Entfaltung des Individuums zum Ziel hat.
Ich glaube an den tiefen Zusammenhang zwischen
Gesellschaftsform und Stadtgestalt. Ich nenne hierbei das
bekannte Buch mit dem gleichnamigen Titel des renommierten
Baugeschichtlers Wolfgang Braunfels und erlaube mir, dessen
Antworten auf die Frage zu zitieren, was denn nun als
Quintessenz europäischer Stadtgeschichte erfolgreichen Städtebau
kennzeichnet. Und wo die Grenze zwischen notwendiger Planung und
dem Unplanbaren läge:
- Die Freiheit, das eigene Stadtzuhause mitzugestalten war
eine Voraussetzung für den Erfolg von Städten. Man kann nicht
Bau- und Wohnstile durch Verordnungen festlegen usw.
- Man kann Geschichte nicht vorausplanen. Das gilt für die
stadtbeherrschenden Großbauten wie für die Stadt als Ganzes.
Mit anderen Worten: Warnung von Hypertrophie.
- Wer immer nur ein Notwendiges plante, hat auch das
Notwendige nicht erreicht. Die Menschheit bedurfte des
emotionalen Bezugs zu ihren Wohnstätten, sie forderte die
ästhetische Überhöhung.
Wenn dieser Nestor deutscher Baugeschichte mit seinen
Erkenntnissen am Ende eines langen Forscherlebens recht haben
sollte, dann ist bei den Großsiedlungen die politische Kunst und
die formale Ästhetik des geordneten Rückzuges angesagt. Das kann
20 - 30 Jahres dauern. Ein Zeitraum, in dem durchaus noch neue
Investitionen in den Wohnungsbau und in die Infrastruktur in
gewissem Umfange begründbar sind. Sie werden politisch notwendig
sein und werden sich sogar teilweise in normalen ökonomischen
Abschreibungszeiträumen bewegen. Das bedeutet nicht die Negation
der Großsiedlungen als Ganzes. Aber es ist der Weg hin zu den
langfristig erhaltenswerten Beständen; der Versuch, diese zu
individualisieren, ja zu humanisieren nach dem Vorbild
erfolgreicher europäischer Städte. Das städtebauliche Pulver
braucht dabei nicht neu erfunden zu werden. (Wie es in dem sich
abzeichnenden neuen Stadtentwicklungsboom zuweilen den Anschein
hat.)
Auflockerung, Quartiersbildung, alle denkbaren Hilfen für
Identifikation, Zuordnung und Orientierungsmöglichkeit, Grün,
Gestaltungsvielfalt und vieles mehr, was die Sinne anregt. Man
denke an die Erkenntnisse von Kevin Lynch zum Thema "Bild der
Stadt". Eine Art Ent-Monotonisierung im Rahmen des Möglichen.
Dramatisch wird die Zukunftsfrage der Großsiedlungen in den
etwa 115 Doppelstädten der ehemaligen DDR, die jeweils einen
hohen Anteil sowohl an Altbausubstanz als auch an Großsiedlungen
beinhalten. Beispiel Halle: Wenn ich in etwa 10 Jahren bei
110.000 Haushalten 45.000 Wohnungen zu viel haben werde, muss
ich mich entscheiden, den Schwerpunkt in der Sanierung des
letzten Drittels der Altbausanierung zu setzen (mit 15.000
leerstehenden Altbauwohnungen) zu Lasten einer dann um so
höheren Abbruchquote in den Großsiedlungen. Dies gelingt nur (s.
Kommissionsempfehlung), wenn das 3. Segment, nämlich der
Einfamilienhausbau in den Bestand umgesteuert wird.
Abschließend noch einige mir wichtig erscheinende Hinweise im
Bestreben um Aufklärung.
Steuerschrauben Die Eigentumsbildung ist die städtebauliche
Steuerschraube für die Gestaltung der städtischen
Wohnungslandschaft der 2. Dekade nach der Wende. Sozusagen der
Dritte im Bunde. Nur wenn wir sie erfolgreich drehen können
zugunsten der Innenentwicklung, können wir ein Bermuda-Dreieck
vermeiden, in dem die hehren Ziele unserer
Stadtentwicklungskonzepte versinken. Das Ergebnis würde
Patchwork-City sein. Siehe oben.
Auch ohne Großsiedlungen wäre der Kampf um die Rückgewinnung
der alten Bürgerstadt schon dramatisch genug angesichts des sich
im Zeitraffertempo vollziehenden Nachholprozesses des
Einfamilienhausbaus auf der grünen Wiese im Umfeld der
ostdeutschen Städte. Die oft nur halbherzig oder gar nicht
vollzogene Gemeindegebietsreform tut ihr übriges dazu. Aber das
Fass kommt zum Überlaufen durch den gleichzeitigen enormen
Investitionsbedarf für Modernisierung und Abbruch in den
Großsiedlungen.
Wäre es nicht nachvollziehbar, ja konsequent, wenn in dem
Streit um den zu klein gewordenen Einwohner- bzw.
Haushaltskuchen die Großsiedlungen einen möglichst großen Teil
ihrer abwanderungswilligen Bürger (und dies ist nach uns
vorliegenden profunden Befragungen fast jeder 2. Einwohner)
wieder an die Innenstadt abgeben würden, auf deren Kosten
seinerzeit die Großsiedlungen entstanden sind?
Aufklärung tut not. Wenn man sich die realistischen
Baufertigstellungen von Eigentumsmaßnahmen aller Art, d.h.
Neubau und Modernisierung, bei tendenziell abnehmenden
Haushaltszahlen genauer anschaut, und dabei auch von
realistischen Abwanderungsprognosen ausgeht, so wird deutlich:
Die zu verteilende Gestaltungsmasse ist schlicht zu klein, um
die wachsenden Leerstandslöcher in unseren Städten füllen zu
können.
Nehmen wir wieder Halle: In unseren Bemühungen um
realistische Prognosen gehen wir davon aus, dass uns in 10
Jahren (!) vielleicht 5000 - 6000 Wohnungsfertigstellungen im
Alt- und Neubausegment als Gestaltungsmasse zur Verfügung stehen
werden. Davon vielleicht 3000 bis 4000 Wohneinheiten im
Eigentumssegment. Das ist nicht viel, aber angesichts von dann
nur noch etwa 110.000 zu erwartenden Haushalten und einer
realistischen Einschätzung der Abwanderung nicht verwunderlich.
Vielleicht gelingt es uns, die Eigentumsbildung im Altbaubestand
zu erhöhen im Sinne des Politik-Szenarios, wie wir es in der
Lehmann-Grube-Kommission genannt haben. Vielleicht erhöht sich
dann diese Gestaltungsmasse (z.B. zu Lasten der Großsiedlungen)
vielleicht aber auch nicht (z.B. weil dadurch lediglich der
Anteil an Einfamilienhausneubau zurückgeht, was ja Ziel des
Politikszenarios ist).
Um so erstaunter muss man sein, wenn vielerorts dem Bau von
Einfamilienhäusern auf Abbrucharealen von Großsiedlungen das
Wort geredet wird nach dem Motto: Die Infrastruktur ist doch
vorhanden, außerdem wäre es doch zweckmäßig, den
Wohnungsunternehmen in den Großsiedlungen neue
Wertschöpfungsmöglichkeiten anzubieten. Dem ist
entgegenzuhalten: Die Infrastruktur ist auch in den Innenstädten
vorhanden, und eine fortgesetzte Wertminderung von
Innenstadtgrundstücken ist für die Gesamtstadtentwicklung von
größerem Nachteil!
Wer Recycling-Wohnungsbau in den Großsiedlungen forcieren
will, beschleunigt die Entwicklung zur Patchwork-City.
Die Kommunen stehen vor gewaltigen Steuerungsaufgaben. Wer
Jahrzehnte mit den drei Hauptsäulen planungshoheitlicher
Steuerung zu tun hatte, nämlich mit den Instrumenten des
Planungsrechts, der Bodenordnung und der Erschließung, kann nur
zu dem Schluss kommen, dass nur räumliche und inhaltliche
Teilbereiche unserer jetzt mit Verve betriebenen
Stadtentwicklungskonzepte für die schrumpfenden Städte
tatsächlich umsetzbar sind. Die Grundsätze unseres Planungs- und
Bodenrechtes vertragen sich nur dann mit dem immensen
Steuerungsanspruch für Altbau- und Abbruchmanagement zahlloser
Akteure auf allen Ebenen der Politik und der Wohnungswirtschaft,
wenn der freie Wille zur Einigung sich durchsetzt. Er ist immer
erforderlich, ob nun bei Abbruchgesellschaften,
Verwertungsgesellschaften, speziellen Lastenausgleichskonzepten,
Umlegungsverfahren, Grundstückspools, Altbaumanagement aller
Art.
Ohne den ernsten Willen zur freiwilligen Kooperation werden
wir diese Steuerungsaufgaben nicht bewältigen. Dafür ist weder
unser Planungs- und Bodenrecht geeignet, dem das Prinzip der
Freiwilligkeit zugrunde liegt, während die "härteren"
Rechtsbestandteile der Satzungen und Gebote nur in speziell
begründeten Fällen angewandt werden sollen. Noch werden es die
öffentliche Haushaltslage erlauben, Grundstücksaufkäufe in
immensen Größenordnungen zu finanzieren bzw. vorzufinanzieren,
ohne Aussicht auf gesicherte Verwertung und somit
Refinanzierung.
Die flächendeckenden Folgen der Planwirtschaft, die in der 2.
Dekade nach der Wende die Wohnungssphäre erfassen und damit den
Zusammenbruch der Produktionssphäre ergänzen, müssen mit den
Mitteln der freien Wohnungsmarktwirtschaft behandelt werden und
das bei schrumpfender Nachfrage und somit schrumpfender
Wertschöpfungsmöglichkeit. Es ist, als ob man eine
hochtechnisierte Limousine ohne den richtigen Kraftstoff fahren
wollte.
Auch ich habe dafür gearbeitet, dass der Bund und vor allem
die Länder robuste Stadtentwicklungskonzepte zur Voraussetzung
für Ihre diversen Förderpolitiken machen. Aber wir dürfen die
Konzepte jetzt nicht überbewerten und nach gut deutscher Art in
eine Übergründlichkeit verfallen. Inzwischen wartet alles auf
diese Konzepte, z.B. als Voraussetzung für jegliche
Abbruchförderung. Dabei stehen schon seit Jahren in unseren
Städten Tausende von Wohnungen leer, die nachweislich nicht mehr
mobilisierbar sind und deren sofortige Beseitigung in jeder
Hinsicht von Vorteil wäre.
Eine Art Attentismus ist feststellbar. Die
Wohnungsunternehmen warten auf das Stadtentwicklungs- bzw.
Abbruchkonzept der Kommune. Die Kommune braucht die Zustimmung
der Wohnungsunternehmen. Diese erteilen sie aber nur, wenn sie
die Finanzierung der neuen Entwicklungsziele absichern können.
Dafür warten sie auf staatliche Hilfe. Der Staat wartet wiederum
auf die Stadtentwicklungskonzepte als Voraussetzung für seine
Hilfe. Warten wir es ab.
Zwar wird inzwischen viel von Abbruch geredet, der Abbruch
selbst erfolgt aber bislang nur in Einzelfällen. Die
Wohnungsförderung von Sachsen-Anhalt setzt in diesem Jahr sogar
die Wohnungsmodernisierung in den Großsiedlungen auf hohem
Niveau fort nach dem Motto: Mit Abbruch allein ist es nicht
getan. Diese aus welchen Motiven auch immer geborene Strategie
der Behutsamkeit im Umgang mit Abbruchmaßnahmen ist inzwischen
völlig deplaziert. Sie bleibt sogar noch hinter dem 30 Jahre
alten Städtebauförderrecht des Baugesetzbuches zurück, das
seinerzeit Abbruchmaßnahmen ausdrücklich als sogenannte
Ordnungsmaßnahmen im Rahmen des Sanierungsrechts
institutionalisiert hat.
Es stimmt: Es ist die Zeit der Stadtentwicklungsplanung wie
nie zuvor. Sie erfordert Kompetenzzuwachs der Kommunen. Denn sie
sind der eigentliche Austragungsort in den neuen Bundesländern.
Hier befindet sich die Masse des Wohnungsleerstandes. Hier
entscheidet sich, ob unsere schrumpfenden Städte zukunftsfähig
bleiben werden. Aber verfallen wir nach der planwirtschaftlichen
Hypertrophie, die uns so viele Probleme beschert hat nicht in
eine neue Hypertrophie umfassender Steuerbarkeit.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit trotz meiner
skeptischen Worte.
Zurück
zur Übersicht der Beiträge
|