Bundesförderprogramm 'Soziale Stadt'. Das Beispiel des
Modellgebietes Halle-Silberhöhe.
Symposium des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und
Raumordnung e.V. am 17.05.2001 in Halle
Wohnungsleerstand in Ostdeutschland!
Nur eine Not oder auch eine Chance?
Lehren aus dem Leerstandsbericht
Dr. Friedrich Busmann
Beigeordneter, Dezernat Planen und Umwelt, Stadt Halle/Saale
Silberhöhe: der Stadtteil innerhalb der Stadt Halle mit dem
allergrößten Entwicklungsbedarf von insgesamt vier großen
Plattenbausiedlungen, in denen bis vor kurzem noch knapp die
Hälfte der 255 000 Hallenser wohnte. Silberhöhe: die zweitgrößte
Plattensiedlung der Stadt mit zur Zeit noch ca. 24 000
Einwohnern. Am Ende der zweitägigen Starterkonferenz zur
Sozialen Stadt werden weitere vier bis fünf Haushalte
voraussichtlich ausgezogen sein und nur etwa zwei werden von
außen in diesen Stadtteil ziehen.
Es werden sozial schwache Haushalte sein. Sie tragen dazu
bei, dass die vorhandene Sozialproblematik dieses Stadtteils
weiter verstärkt wird und die sogenannte Segregation zunehmen
wird.
Diese Sozialschwäche wird durch fast alle signifikanten
Sozialindikatoren bestätigt. Von der schon fast alles
erklärenden hohen Arbeitslosenquote (25,6 Prozent gegenüber 20,7
Prozent innerhalb der Gesamtstadt) über den hohen Anteil der
Sozialhilfeempfänger (1760 Personen) bis zur
Jugendkriminalität.
Für die dramatische Entvölkerung ist nur zum Teil der leider
unveränderte Rückgang der natürlichen Bevölkerung unserer Stadt
verantwortlich.
Die viel zitierten Wegbrüche der Industriearbeitsplätze des
ehemaligen Chemiestandortes Halle erklären die hohe
Arbeitslosigkeit und die Wegzüge in den ersten Jahren nach der
Wende, nicht aber die jetzt festzustellenden Wegzüge innerhalb
ein und derselben Stadtregion.
Hierfür sind die mehrschichtigen Qualitätsprobleme dieser
"Schlafstadt" verantwortlich. Suburbia wurde einmal als "zivile
Form des Garnisonslebens" bezeichnet. Aber sub-urbia hat von den
beiden die Urbanität kennzeichnenden Komponenten Öffentlichkeit
und Privatheit zumindest eine ausgeprägte Privatheit. Silberhöhe
hat weder das eine noch das andere in Qualität.
Wir haben diese Qualitätsprobleme in unserem Kurzporträt
ausreichend gewürdigt. Wir kämpfen mit dem Doppelproblem, die
Infrastruktur für eine am Ende der DDR-Zeit nicht zu Ende
gebaute zentrumslose und arbeitsplatzarme Stadt nachzurüsten und
gleichzeitig die übliche Modernisierung und Instandsetzung der
Wohnungen mit großem Tempo sicherzustellen.
Trotz erheblicher Investitionen vor allem in großzügige
Grünanlagen und der Sanierung bzw. Teilsanierung von mehr als
der Hälfte aller 14400 Wohnungen scheinen wir unvermindert
gegen den Strom zu schwimmen, gegen den wegziehenden
Bevölkerungsstrom.
In Kürze wird mindestens jede fünfte Wohnung leer stehen. Und
das Ergebnis unserer sorgfältigen stadtregionalen
Wohnraumbedarfsprognose ist, dass in absehbarer Zeit jede dritte
Wohnung leer stehen wird, und das bei relativ optimistischen
Prognoseannahmen, wenn nicht ein kleines Wunder passiert.
Werden wir also mit dem ideellen und materiellen Programm der
"Sozialen Stadt" den ideellen und materiellen Werteverfall der
ehemals sozialistischen Stadt bremsen können? Wie zukunftsfähig
ist Silberhöhe? Nachhaltig ist diese Siedlung eigentlich nur
noch in punkto Energiebilanz und sparsamem Umgang mit Grund und
Boden zu nennen. Wichtige Ansätze! Wir werden mit jedem Pfund
wuchern müssen. Wir werden uns Mühe geben, optimistisch zu
bleiben und nicht etwa sozialromantisch zu werden, wenn wir
dabei den Leitfaden der ARGEBAU zur Ausgestaltung der
Gemeinschaftsinitiative "Soziale Stadt" (vom 22. April 1998) vor
Augen haben. Denn die Ansprüche sind hoch. Ich zitiere:
- "Nicht mehr die Beseitigung städtebaulicher Missstände steht
im Zentrum des politischen Interesses, sondern die Funktion und
der Zusammenhalt des Gemeinwesens Stadt."
- Der Segregation soll entgegengewirkt werden, die Bevölkerung
vor Verdrängung geschützt werden.
- Ein nachhaltiger Aufschwung auf sozialem, wirtschaftlichen,
städtebaulichem und ökologischem Sektor.
- Selbständige, lebensfähige Stadteile mit dem Anspruch,
Quartiersentwicklungsprozesse in Gang zu setzen,
Arbeitsbeschaffung mit Werkstätten aller Art, Tauschringen. Eine
soziokulturelle Infrastruktur für alle einschließlich Kindern,
Kinderbauernhöfe etc. und natürlich die bekannten Ziele der
Wohnumfeldgestaltung und Ökologie. Schlussendlich alles mit
intensiver Bürgermitwirkung. Usw.
Was ist nun unsere Agenda 21 für die Silberhöhe? Stichworte
dazu:
- Seit etwa zwei Jahren verstärkte Impulse seitens der
Stadtverwaltung (Dezernat Planen und Umwelt, Sozialdezernat) zum
Aufbau von Kommunikationsebenen und zur Stärkung der bestehenden
Bürgerinitiative Silberhöhe.
- Es entstand der "Arbeitskreis Silberhöhe" mit Akteuren aus
allen Bevölkerungsschichten, den Stadtwerken (als einer der
wenigen Arbeitgeber vor Ort), Vertretern der zehn
Wohnungsunternehmen, Vertretern der soziokulturellen
Einrichtungen. Gemeinsame Veranstaltungen etwa alle zwei bis
drei Monate.
- Dazu eine übergreifende so genannte Stadtteilkonferenz in
größeren Zeitabständen für die gesamte Bevölkerung.
- Einrichtung eines Bürgerbüros, ausgelöst durch die
Landesinitiative Urban 21 und das Programm "Soziale Stadt".
Gemeinsame Finanzierung von Stadt und Wohnungsunternehmen.
- Ausgangspunkt für das Stadtteilmanagement. Betreut durch ein
Architekturbüro aus Halle und S.T.E.R.N GmbH aus Berlin. Enge
Kooperation mit dem sozialen Beratungsdienst Silberhöhe und den
Wohnungsunternehmen. Herausgabe einer Stadtteilzeitung
Silberhöhe.
- Aufgaben von S.T.E.R.N GmbH: Unterstützung des Dezernates
Planen und Umwelt bei der Gesamtkoordination verwaltungsintern
sowie mit den Wohnungsunternehmen. Abwicklung der
Förderprogramme, Kosten und Finanzierung. Vor allem: Betreuung
der konkreten Projekte von "Soziale Stadt" und der
Landesinitiative Urban 21.
- Die Projekte: Umnutzung einer ehemaligen Schule als
Stadtteilzentrum. Umnutzung eines leerstehenden Jugendklubs als
so genannte Kiezkneipe (Ausbildungs- und Jugendwerkstatt), Bau
einer Ausbildungswerkstatt nach Abbruch von Elf-Geschossern,
Schaffung von "Lungerpunkten" für Jugendliche. Dies alles
zugleich als Einstieg für das Programm Urban 21.
- Intensivierung der Kooperation zwischen den in Bedrängnis
geratenen elf Wohnungsunternehmen (sechs private, ein
städtisches, vier genossenschaftliche) und der Stadtverwaltung.
Unter anderem auf der Basis einer Kooperationsvereinbarung zu
allen wichtigen Maßnahmen beider Partner inklusive Kosten- und
Finanzierungsplanung, Durchführung der Abbruchkonzepte,
Informationspolitik.
- Erarbeitung eines städtebaulichen Erneuerungskonzeptes für die
Silberhöhe mit umfassendem Rückbaubestandteil für etwa ein
Drittel aller Wohneinheiten (6 000), darunter fast alle Hochgeschosser. Ein Ratsbeschluss ist dafür in Kürze vorgesehen.
Der Erfolgszwang wächst täglich. Der soziale Friede ist labil
geworden in der Silberhöhe. Die Dialogfähigkeit und das Geschick
der Akteure bei der Vermittlung unangenehmer Wahrheiten ist aufs
äußerste gefordert. Die Ungewissheit der Finanzierung eines
Stadterneuerungsprogramms inklusive Abbruch von mindestens einer
halben Milliarde DM für vor allem Investitionen im Bereich der
Wohnungsunternehmen lähmt immer wieder unser Engagement.
Zum Schluss ein offenes Wort, das nicht missverstanden werden
soll, denn wir brauchen jede Hilfe, auch die des Programms
"Soziale Stadt":
Es wäre unsozial, den Bürgern die Wahrheit zu verweigern. Es
wäre unsozial, so zu tun, als könnte Silberhöhe seine jetzige
Größe annähernd erhalten und die Notwendigkeit umfassender und
vor allem geordneter Abbruchmaßnahmen zu leugnen. Es wäre
unsozial, private und öffentliche Fehlinvestitionen zuzulassen.
Es wäre unsozial, ohne intensive Wohnungsbauförderung für die
Modernisierung von Wohnungen und der Städtebauförderung für die
städtebauliche Nachrüstung die Programmziele der "Sozialen
Stadt" in Silberhöhe verwirklichen zu können.
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