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Integrierte Stadtentwicklung und ihr geschäftspolitischer Nutzen für die Sparkassen

Anmerkungen zur Tätigkeit des Deutschen Seminars für Städtebau und Wirtschaft sowie zur Gemeinschaftsinitiative URBAN II der Europäischen Union

Von Dr. Hans-Michael Brey
Generalsekretär des DV e.V.

In Europa zeichnet sich in den Ballungsgebieten ein tiefgreifender Wandel ab: Neue Bevölkerungs- und Wirtschaftsstrukturen verändern ganze Stadtteile, traditionelle Industrien, Handel und Gewerbe verlagern ihre Standorte in das Umland, Finanz- und Dienstleistungsbranchen werden stetig weniger in die lokale Wirtschaft integriert. Die Konsequenzen: In den (Innen-)Städten gehen immer mehr Arbeitsplätze verloren mit der Folge massiver struktureller Veränderungen in den Stadtgebieten sowie einer räumlichen und sozialen Ausgrenzung der Bewohner. Die auftretenden sozialen und wirtschaftlichen Spannungen zwischen den Modernisierungsgewinnern und -verlierern sind somit vorgezeichnet.

Die daraus resultierenden negativen Auswirkungen lassen sich für den Wirtschaftsstandort (Innen-)Stadt anhand einer einfachen Wirkungskette verdeutlichen: der Strukturwandel im Handel führt zu Kaufkraftverlusten in den Städten - potente Betriebe wie auch Bewohner wandern an nicht-integrierte Standorte ab. Der inner-
städtische Facheinzelhandel büßt bei hohen Mieten Umsatzanteile ein, so daß Grenzanbieter vom Markt - und vom Standort - verschwinden. Es bleiben leerstehende Läden zurück, oder Filialisten halten vermehrt Einzug. Mietausfälle privater Grundbesitzer und sinkende Steuereinnahmen der Städte bedeuten eine Verschiebung notwendiger Renovierungs- und Gestaltungsarbeiten im privaten wie im öffentlichen Raum. Dieses quittieren Kunden und Investoren mit einem weiteren Kaufkraftabzug.

Die Sparkassen sind von dieser Entwicklung in einer besonderen Art und Weise betroffen. Ihre Zielgruppe sind weniger die "global player", sondern vielmehr die kleineren und mittleren Unternehmen von privatem Rang sowie Privatkunden. Gerade diese Klientel aber ist von den Strukturveränderungen besonders betroffen. Damit gehen den Sparkassen langfristig nicht nur Gelder, die z.B. in Form von Existenzgründungsdarlehen vergeben wurden, verloren, sondern auch Kunden, die ein persönliches sowie wirtschaftliches Interesse an einer attraktiven und vitalen (Innen-)Stadt haben.

Es stellt sich die Frage, ob diese Trends steuerbar oder umkehrbar sind? Knüpft man an die Erkenntnisse von URBAN 21, der Weltkonferenz zur Zukunft der Städte, die vom 4. bis 6. Juli 2000 in Berlin stattfand, an, dann gibt es Möglichkeiten, gegenzusteuern. So weist die Berliner Erklärung darauf hin, dass die Städte

  • und Gebietskörperschaften soziale, ökologische und wirtschaftliche Gesichtspunkte in ihre Standortüberlegungen einbeziehen;
     
  • die wirtschaftliche Entfaltung der Bürger fördern und ihnen Raum für gemeinschaftliche Aktionen ebnen;
     
  • die Chancen der Informations- und Kommunikationstechnologie nutzen sowie den Bürgern die Möglichkeit des lebenslangen Lernens eröffnen sollten, um eine globale Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen.

Die mit den Thesen verbundenen Hoffnungen scheinen berechtigt. Die dafür benötigten Instrumente existieren zum Teil auf nationaler, zum Teil auf europäischer Ebene. Dies machen die Bemühungen des Bundes und der Länder sowie der Europäischen Union deutlich. Vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Handelslandschaft und eines individuellen Konsumentenverhaltens haben z.B. die Bundesregierung, vertreten durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, und die deutsche Wirtschaft 1993 das Deutsche Seminar für Städtebau und Wirtschaft (DSSW) unter dem Dach des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V. (DV) mit dem Ziel gegründet, Konzepte für die Revitalisierung ostdeutscher Innenstädte zu erarbeiten. Ähnliche Ziele verfolgt die europäische Ebene mit der Gemeinschaftsinitiative URBAN II für die Strukturfondsperiode 2000 bis 2006. Absicht all` dieser Bemühungen: Städten bei der Bewältigung ihrer Zukunftsaufgaben zu helfen.

Integrierte Stadtentwicklung in den neuen Ländern - die Aufgaben des Deutschen Seminars für Städtebau und Wirtschaft

Aufgabe des DSSW ist es, Konzepte für eine Revitalisierung ostdeutscher Innenstädte zu erarbeiten, in Pilotprojekten zu erproben und die Beteiligten zu gemeinsamem Handeln zusammenzuführen. Ziel ist die Steigerung der Attraktivität als Lebens-, Wirtschafts-, Kultur- und Wohnstandort.

Dieser Vorsatz bestimmt die Auswahl von Pilotprojekten, in denen Ideen und Erfahrungen gesammelt werden, um sie anschließend bzw. projektbegleitend in die Fläche zu transportieren. Dies geschieht durch den Know-how-Transfer in Netzwerken und Veröffentlichungen. Ergibt sich aus den Pilotprojekten Handlungsbedarf auf Grund fehlender wissenschaftlicher Grundlagen oder optimierbarer Rahmenbedingungen wird das DSSW durch die Vergabe von Gutachten oder als Politikberater tätig.

In den vergangenen Jahren hat das DSSW verschiedene inhaltliche Schwerpunkte gesetzt. Exemplarisch für die Aktivitäten sei auf die Werkstattgespräche "Investitionsstrategien von Brachflächen" verwiesen. Die Brachflächen in Ost- wie auch in Westdeutschland stellen nicht nur ein besonderes Problem der Stadtentwicklung dar, sondern können für die lokalen Sparkassen auch besonders interessant sein. Viele dieser Flächen werden nicht bzw. falsch entwickelt. Eine Nutzung wenig genutzter bzw. brachliegender Standorte (Post, Bahn, Gewerbe) kann die Attraktivität der (Innen-)Stadt aber erheblich erhöhen. Für die Brachflächenentwicklung werden Untersuchungsstrategien für die Sanierung, Prioritätenlisten sowie Vermarktungsstrategien benötigt. Ferner bedarf es einer genauen Kenntnis über aktuelle Investitionschwerpunkte sowie kommunale Handlungsmöglichkeiten, z.B. beim Abbau von Investitionshemmnissen, bei den Möglichkeiten der Vorfinanzierung und beim Einsatz von Fördermitteln. Exemplarisch sei daher hier auf den Leitfaden des DSSW zur Brachflächenentwicklung verwiesen, in dem Fragen der Stadtentwicklungspolitik und der wirtschaftlichen Zielsetzung gleichberechtigt miteinander in Beziehung gesetzt werden, um so als Entscheidungshilfe für Investoren wie auch Kommunen zu dienen.

Integrierte Stadtentwicklung in Deutschland und Europa - die Gemeinschaftsinitiative URBAN II und die Tätigkeit des URBAN-Netzwerkes

Basierend auf den guten Erfahrungen mit URBAN I werden in der Strukturfondsperiode von 2000 bis 2006 allein in Deutschland 12 Städte durch URBAN II gefördert. Die 140 Millionen Euro europäische Fördermittel werden in jeweils sechs städtische Entwicklungsgebiete in den neuen und alten Bundesländern fließen. Einschließlich nationaler Fördergelder sind danach für jedes Gebiet 18,667 Millionen Euro vorgesehen. Davon zahlt die EU in den neuen Ländern 75 % (14 Millionen Euro) und 50 % (9,333 Millionen Euro) in den alten Ländern.

Die Fördergelder unterstützen besonders innovative Strategien zur wirtschaftlichen und sozialen Wiederbelebung von kleinen und mittleren Städten bzw. heruntergekommenen Stadtvierteln in größeren Städten. Ferner sollen sie dazu beitragen, den Erfahrungsaustausch für eine nachhaltige Entwicklung zu fördern.

Organisiert ist URBAN II in Form nationaler Netzwerke, die einen internationalen wie nationalen Erfahrungsaustausch sicherstellen. Die Aufgaben des "Netzwerkmanagers" für Deutschland wurden bereits 1996 vom BMWi dem DSSW übertragen. Finanziert wird das URBAN-Netzwerk Deutschland aus Beiträgen der Städte sowie aus Fördermitteln des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Neben den teilnehmenden URBAN-Städten steht das Netzwerk auch Städten offen, die keine Mitglieder sind, jedoch gleichgeartete Programme und Projekt zu Revitalisierung von städtischen Problemfeldern durchführen.

Welche Erfolge bereits mit URBAN I zwischen 1994 und 1999 erzielt werden konnten, lassen sich am Beispiel der Kröpeliner-Tor-Vorstadt in Rostock verdeutlichen. Werden die Zahlen für die Beschäftigungseffekte aus den Jahren 1998 und 1999 herangezogen, so wurden 1998 157 Arbeitsplätze geschaffen, 303 Arbeitsplätze gesichert und 101 Teilnehmer in Qualifizierungsprogrammen weitergebildet. 1999 erhöhten sich diese Zahlen auf 175 Arbeitsplätze, 368 gesicherte Arbeitsplätze und 144 Teilnehmer in Qualifizierungsmaßnahmen. Abgerundet werden diese Erfolge durch Zahlen, die den Stand der Sanierung spiegeln: 1996 zu Beginn der Intervention waren 10 % der Immobilien saniert, 1999 bereit 90 %. Die gewerblichen Leerstände wurden von 40 % auf 3 % reduziert, die Leerstände bei den Wohnungen von 15 % auf 1 %. Die Zahl der Unternehmer stieg in der gleichen Zeit von 300 auf 360 Unternehmen.

Integrierte Stadterneuerung und der geschäftspolitische Nutzen für die Sparkassen

Die Maßnahmen und Zahlen machen deutlich, daß die Stadtentwicklung erfolgreich ist, wenn sie als eine Querschnittsaufgabe verstanden wird. Sie verlangt eine ressortübergreifende Arbeitsweise. Die Arbeit des DSSW wie auch der Gemeinschaftsinitiative URBAN "schieben" diesen Handlungsansatz an, der dann auf der lokalen Ebene forciert und weiter verfolgt werden muß. Damit ist die Arbeit des DSSW wie auch von URBAN II für die Sparkassenorganisation aus vier Gründen interessant:

  1. URBAN zieht Investitionen von kleineren und mittleren Unternehmen wie auch Privatpersonen nach sich.
     
  2. Die Revitalisierung ostdeutscher Innenstädte ist der Beginn. Folgen werden in den kommenden Jahren die alten Länder mit ähnlichen Problemen. Nur der Mittelstand kann die benötigten regionalen Arbeitsplätze schaffen. Daher wird der Schwerpunkt der Infrastrukturpolitik sich auf kleinere und mittlere Unternehmen konzentrieren. Das DSSW hat in diesen Bereichen umfassendes Know-how erworben.
     
  3. Mit URBAN können die Sparkassen über das reine Finanzdienstleistungsgeschäft hinaus aktiv an der lokalen Standortentwicklung beteiligt werden. Somit können sich die Sparkassen auch gegenüber alternativen Finanzdienstleistern besser positionieren.
     
  4. Sparkassen unterliegen dem Regionalprinzip. Hieraus ergibt sich ein besonderes Näheverhältnis zur regionalen Wirtschaftspolitik. Dieses kann über eine intensive Kooperation mit dem URBAN-Netzwerk und dem DSSW betont werden.

Last but not least sollte nicht übersehen werden, dass die Beteiligung der Sparkassen am URBAN - Prozeß den lokalen Kreditinstituten ein weites Feld der öffentlichen Präsentation und Selbstdarstellung bietet. Da der Gemeinschaftsinitiative ein Modellcharakter zukommt, besteht die Chance, dass die im Netzwerk gemachten Erfahrungen der gesamten Sparkassen-Finanzgruppe zur Verfügung gestellt werden.

Gemeinsame Ziele für den Standort Deutschland

Aus dem Geschilderten wird deutlich, daß nicht nur vielfältige Instrumente für eine zukunftsfähige Städtebaupolitik existieren, sondern daß die Berliner Erklärung in den kommenden Jahren neu und konsequent mit Leben erfüllt werden muß, um nachfolgenden Generationen intakte und lebenswerte Städte zu überlassen. Notwendig ist, stärker auf integrierte Wirkungszusammenhänge zu achten mit dem Ziel, im Sinne des Standorts (Innen-)Stadt zu agieren. Einsatzfähige und zielgerichtete Instrumente und Handlungsstrategien zur Förderung einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung sind durchaus verfügbar, sie sind sicherlich ergänzungsfähig, aber sie sind vorhanden. Nunmehr geht es um die Weiterentwicklung dieser Instrumente, Verfahren und Strategien. Dies gilt für die Nachverdichtung als städtebauliche Ergänzung, dies gilt für die Mischnutzung als funktionale Ergänzung, dies gilt auch für die Wiedernutzung von Brachen genauso wie für die Erhaltung und Entwicklung von Freiräumen oder die Verbesserung der - allerdings stadtverträglichen - Erreichbarkeit der Stadtzentren.

All' diese Instrumente - so die zurückliegenden Erfahrungen - werden allerdings nicht immer hinreichend angewandt. Hierbei wird die Klärung der Aufgabe zum Bestandteil des Planungsprozesses. Moderation, Diskurs, Kooperation und Management gewinnen an Bedeutung. An die Stelle von Bildern und Konzepten, von Diagrammen und Zahlen treten Verfahrensregeln bzw. Umsetzungsstrategien. Und genau an diesem Punkt knüpfen die Tätigkeiten des DSSW sowie des URBAN-Netzwerkes mit der Moderatorentätigkeit an. Mit dem Beispiel, das von URBAN 21 ausging, müssen Städte noch stärker als bisher als "Motoren" für gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklungen verstanden werden, die zukunftsfähig sind, wenn mit ihnen entsprechend intelligent verfahren wird!

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Bild: Dr. Hans-Michael Brey Dr. Hans-Michael Brey
Generalsekretär des DV e.V.
 
Fon: (0 30) 20 61 32 50
E-Mail: h-m.brey@deutscher-verband.org
   
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