Aufbruchsstimmung für die Innenstadt der Zukunft

Erster Bundeskongress Offline-Strategien am 10. April 2018 in Bochum propagiert wirkungsvolle Konzepte für attraktive und lebenswerte Innenstädte

von Christian Huttenloher, Generalsekretär des Deutschen Verbandes für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung e.V.

Was haben ein Männer-Metzger, eine Schatzkiste, eine Surfwelle, eine Digitalkirche und das Bermudadreieck gemeinsam? Sie alle stehen für kreative und ungewöhnliche Wege zur Belebung der Innenstädte um gegen die Online-Konkurrenz bestehen zu können. Im Rahmen seiner DSSW-Plattform beteiligte sich der Deutsche Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumordnung als Schirmherr und Mitdenker am ersten Bundeskongress „Offline-Strategien für die Innenstadt der Zukunft“ am 10. April 2018 in Bochum. Der Kongress zeigte auf, wie wir unsere Zentren im digitalen Zeitalter stärken und wiederbeleben können – und zwar nicht nur in Metropolen und Großstädten, sondern auch in den kleinen und mittelgroßen „Stadtpersönlichkeiten“.

Gegen den Niedergang der Innenstädte

Das Internet hat den Innenstädten zugesetzt. Weniger Laufkundschaft, geringere Umsätze, Immobilienleerstand. Schätzungsweise rund ein Viertel der Einzelhandelsumsätze mit typischen Innenstadtsortimenten wie Büchern, Unterhaltungselektronik und Bekleidung wird mittlerweile im Netz erwirtschaftet. Doch längst regt sich Widerstand, macht sich an vielen Orten Aufbruchsstimmung breit. Die Fragen, über die derzeit viele Experten nachdenken, lauten: Wie können die Zentren wieder zu den Orten der Begegnung werden, die sie jahrhundertelang waren? Welche Hebel müssen Politik, Wirtschaft und andere gesellschaftliche Akteure ansetzen, um die Innenstädte nachhaltig wiederzubeleben? Dabei ist auch Arbeit an der Außenwirkung nötig: Städte dürfen sich nicht durch negative mediale Darstellungen in eine Verliererrolle drängen lassen, sondern müssen entschieden gegensteuern. Die Aachener Grundvermögen startet deshalb zum Beispiel an 50 ihrer innerstädtischen Immobilien automatisierte Zählungen und veröffentlicht die Ergebnisse im Internet. Damit will der Immobilieninvestor belegen, dass die Frequenzen in den Innenstädten – anders als vielfach behauptet – nicht sinken und so die Werthaltigkeit der Immobilien sichern.

© Sascha Kreklau

Erfolgsgeschichten

Vorreiter für einen solchen Aufbruch sind Leuchtturmprojekte wie der spektakuläre Neubau des „Sporthauses L&T“ in der Osnabrücker Innenstadt. Dort wurde eine stehende Surfwelle als ungewöhnlicher Mittelpunkt integriert. Das Sporthaus kann als multifunktionale Eventfläche auch für weitere Veranstaltungen genutzt werden. Der neueröffnete „Männer-Metzger“ in der Heinsberger Innenstadt ist ein Beispiel dafür, wie aus einem florierenden Onlineshop für Qualitätsfleisch als Lifestyle-Produkt ein Ladengeschäft mit Gastronomie und Veranstaltungen entstehen kann. Das Bochumer „Bermuda3eck“, der hoch frequentierte, südlich gelegene Teil der Innenstadt, hat sich als multifunktionales Quartier mit besonderer Gastronomiemeile weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht.

Vielfalt und Zusammenarbeit

Fest steht: Es braucht ganzheitliche Konzepte, um die Renaissance des Urbanen einzuläuten. Ein neues Zusammenspiel von Einzelhandel, Wohnen, Arbeiten, Bildung, Kultur, Freizeit und Gastronomie. Der Handel allein kann die Umstrukturierung der Städte nicht stemmen. Die monofunktionale Shopping-Fußgängerzone gehört der Vergangenheit an. Früher gingen wir einkaufen, dann shoppen, das aktuelle Schlagwort ist „Shoptainment“. Immer mehr Menschen besuchen die Innenstadt, um etwas zu erleben, sich zu treffen, und kaufen dann nebenbei auch ein. Statt Funktionstrennung brauchen wir dazu aber einen Mix verschiedener Nutzungen in hoher urbaner Dichte, ebenso wie gemischte Gebäude. Die Landmarken AG praktiziert dies mit einem kreativen Team an Projektentwicklern erfolgreich in verschiedenen Revitalisierungsprojekten, so zum Beispiel beim Umbau der ehemaligen Galeria-Kaufhof in Aachen in eine ‚Mixed Used Immobilie‘ mit Markthalle, Food Destination, Sport- und Gesundheitsflächen, Büros für kreative Unternehmer, Wohnungen und einem Dachgarten. Die Immobilie bildet den Ausgangspunkt für die Quartiersentwicklung einer innerstädtischen „Schmuddelecke“.

Erst eine vielfältige, urbane Nachbarschaft macht unsere Innenstädte attraktiv und zieht die Menschen an. Dazu ist das Zusammenwirken ganz verschiedener Akteure wichtig. In den „Opladener Seitenstraßen“ haben sich verschiedene Ladeninhaber aus den Seitenstraßen der Fußgängerzone für eine gemeinsame Vermarktung und Organisation von Veranstaltungen zusammengeschlossen. Auch gemeinsam entwickelte Strategien für die Innenstadtentwicklung spielen eine große Rolle. So hat die Stadt Bochum in einem Dialog mit wichtigen Innenstadtakteuren seine Stadtentwicklungskonzeption 2030 erstellt. Herausgekommen sind Projekte wie der Umbau eines alten Justizgebäudes in ein multifunktionales Geschäftshaus, ein neues Universitätsgebäude mit Studentenwohnungen zur Rückholung der Campus-Universität in die Bochumer Innenstadt sowie eine Markthalle in einem alten Postgebäude.

© Sascha Kreklau

Service und Persönlichkeit

Märkte und Markthallen mit einer richtigen Mischung aus hochwertigen Marktständen und ungewöhnlicher Gastronomie erleben derzeit eine Renaissance. Auch sie stehen für die Rückbesinnung auf Kernkompetenzen – Entdeckungen, Erlebnisse, Genuss und Erholung. Ein zentraler Baustein dafür ist guter Service. Dies ist auch der Grund, warum die Moses AG des Ehepaars Wittenberg mehrere leer stehende Kaufhäuser wieder zum Erfolg führen konnte. Aber auch ältere Einkaufszentren wie das ECE-Center „My Zeil“ in Frankfurt erleben ein Comeback, indem sie mit einem Fitnesszentrum, einem „Lesekino“ und stilvoller Gastronomie auf Qualität, Dienstleistungen, Wohlfühlatmosphäre sowie Kultur- und Freizeitnutzung setzen.

Hochwertige Architektur und Baukultur

Fast alle Beispiele setzen auf Architekturqualität und Baukultur. Denn ansprechende Immobilien prägen den Stadtraum und übertragen ihre besondere Atmosphäre auf den Nutzer – das macht sie auch für den Eigentümer werthaltiger. Dies funktioniert auch in Klein- und Mittelstädten. Ein Beispiel dafür ist die fränkische Weinstadt Iphofen, in der im Zuge der Altstadtsanierung gemeinsam mit den Winzern in einem alten Bauernhaus eine stilvolle Vinothek entstand.

Kirchen bestimmen noch immer das Bild unserer Innenstädte, auch wenn heute in einigen kein normaler Gottesdienst mehr gefeiert wird. Diese ungenutzte Gotteshäuser können jedoch vor allem durch Kulturnutzung in neue spirituelle und baukulturelle Kraftzentren umgewandelt werden: Für das Anneliese-Borst-Musikforum in Bochum, in dem der Bundeskongress veranstaltet wurde, dient die ehemalige St. Marienkirche als Foyer. Die Aachener „Digichurch“ bietet heute Co-Working Spaces für digitale Gründer, ein Café und Veranstaltungsflächen.

© Sascha Kreklau

Freiräume für Kreativität

Für all diese Entwicklung sind Kreativität und entsprechende Freiräume notwendig. Diese wurden den Stadtmachern im Bochumer Bermuda3eck gelassen. Es braucht aber auch Persönlichkeiten mit Durchsetzungsvermögen. Die Kleinkunstbühne „Schatzkiste“ in einer alten Lagerhalle in der Remscheider Innenstadt wäre ohne die Überzeugung eines engagierten Unternehmers nicht entstanden. Heute ist sie ein kultureller Anziehungspunkt für viele Remscheider.

Urbanität für die Menschen

Vor allem der Mensch muss wieder ins Zentrum der Überlegungen rücken. Jenseits von Sortimenten und Umsätzen ist die Stadt vor allem ein Ort der Begegnungen und der Gespräche. Hier sollte sich, unabhängig von Alter und Einkommen, jeder willkommen und dazugehörig fühlen. Dazu braucht es neben Dichte und Vielfalt auch Sinnlichkeit und Erlebnisse – kurz Urbanität. Diese ist in jeder Stadt ganz individuell und lässt sich als Marke entwickeln. Das Alleinstellungsmerkmal erfolgreicher Innenstädte im 21. Jahrhundert ist nicht mehr die vielbeschworene „Preisführerschaft“ des Handels – es ist die „Emotionsführerschaft“.

Bildnachweise von links oben nach rechts unten:
© Franz Pflügl, fotolia.com; © Sascha Kreklau; © Sascha Kreklau; © Sascha Kreklau;